Warum wir in Beziehungen anders sind als in anderen Lebensbereichen

Warum wir in Beziehungen anders sind als in anderen Lebensbereichen

von: ElitePartner Redaktion , 19. November 2014

Professor Dr. Burghard Andresen ist Experte für Persönlichkeits- und Partnerschaftspsychologie, hat lange Zeit an der Universität Hamburg zu Persönlichkeitsdimensionen und Liebesstilen geforscht und war für ElitePartner wissenschaftlicher Beirat im Bereich Matchmaking. Im Interview spricht er über die von ihm entdeckte Beziehungspersönlichkeit, die sich von unserer allgemeinen Persönlichkeit deutlich unterscheiden soll.

Herr Andresen, was hat es mit der sogenannten Beziehungspersönlichkeit auf sich?

Prof. Dr. Andresen: „Aus der allgemeinen Persönlichkeit, so wie sie in den üblichen Persönlichkeitsfragebögen erfasst wird, lässt sich die Beziehungspersönlichkeit nicht ausreichend vorhersagen. Allgemeine Aggressivität hat beispielsweise keine hinreichende Vorhersagekraft für Aggressivität in Beziehungen. Beispiel: Ein Mann kann zuhause der Frau und den Kindern gegenüber ein „Haustyrann“ sein, aber sowie er zur Arbeit geht oder sich mit Freunden zum Sport trifft, erscheint er als friedfertiger, verträglicher Charakter.
Menschen scheinen ihre Temperaments- und Charakterzüge nicht in allen Lebensbereichen und gegenüber allen möglichen Personen in gleicher Ausprägung zu verwirklichen. Persönlichkeitszüge sind oft situationsgebunden unterschiedlich stark ausgeprägt. Die Liebesbeziehung hat zudem einen Sonderstatus, weil sich Menschen hier auch körperlich aufeinander einlassen. Es kommen qualitativ andere Verhaltensweisen (wie z.B. die Sexualität) und Bedingungen von besonderer Nähe und Intimität zum Tragen. In der Persönlichkeitspsychologie wird nicht ausreichend auf die Besonderheiten in Liebe und Partnerschaft eingegangen, so bleiben Themen wie Romantik, Kinder und Familie dort oftmals außen vor.“

Was bedeutet das konkret?

Prof. Dr. Andresen: „Die Beziehungspersönlichkeit steuert unsere Beziehungswünsche und Liebesbedürfnisse: Was erwarte ich von meinem Partner? Was habe ich für Sehnsüchte? Soll er dominant sein? Sicherheit geben? Suche ich den Beschützer, den Versorger, suche ich Nähe oder lieber Distanz? Wie ist mein Streitverhalten? Dazu gehört natürlich auch der gesamte sexuell-erotische Bereich mit den intimen persönlichen Wünschen und Erwartungen. Trifft ein Partner auf einen möglichen Gefährten, wird die Beziehungspersönlichkeit relevant. Romantische Erwartungen kommen auf, erotische Anregungen kommen ins Spiel, ebenso Flirtverhalten, vielleicht auch Eifersucht – das sind alles qualitativ besondere Elemente von Erlebnis- und Verhaltensweisen, die anders sind als das Verhalten gegenüber Nachbarn, Kollegen, Bekannten oder Freunden.“

Millionen Menschen leben allein. Warum fällt es uns Ihrer Meinung nach heute so schwer, den richtigen Partner zu finden?

Prof. Dr. Andresen: „Ein wesentlicher gesellschaftlicher Grund liegt wohl in der sogenannten Individualisierung aller Lebensentwürfe und das Zurücktreten traditioneller Bindungen und Zwänge. Partnerschaften werden heute immer weniger angebahnt, verordnet oder erzwungen. Vielmehr ist es heute völlig akzeptabel als Single zu leben. Vor diesem Hintergrund sind aber auch der Wunsch und die Sehnsucht nach dem idealen Partner gewachsen. Viele suchen heute nach dem absoluten Traumprinzen oder der Traumfrau, und sind dabei oft wenig kompromissbereit. Dieses Anspruchsdenken mag verständlich sein, erschwert aber nicht selten die Entscheidung zugunsten eines ganz normalen Partners mit Schwächen und Fehlern, mit dem man durchaus glücklich werden könnte. Zudem steigt die Tendenz zu Trennungen und Scheidungen. Die Bereitschaft oder Fähigkeit Beziehungen aufrechtzuerhalten nimmt ab, und dies führt zu wiederkehrenden Frustrationen und Enttäuschungen, die zukünftige Beziehungsaufnahmen erschweren.“

„Gleich und gleich gesellt sich gern” oder „Gegensätze ziehen sich an”: Welches Prinzip gilt für glückliche Beziehungen?

Prof. Dr. Andresen: „Beide, allerdings in verschiedenen Bereichen. Das Gegensatzprinzip gilt teilweise bei körpernahen Merkmalen, vor allem solchen, die mit den Erbfaktoren des Immunsystems und der geschlechtlichen Anziehung zusammenhängen. So beruht das Phänomen, jemanden nicht riechen zu können, teilweise auf einem biologischen Auswahlprinzip, nach dem Partner hinsichtlich ihrer genetisch bedingten Immunfunktionen nicht zu ähnlich sein sollten. Das Ähnlichkeitsprinzip dagegen gilt bei Persönlichkeitsmerkmalen, Interessen, Einstellungen und Werteorientierungen: Wir werden eher mit jemandem glücklich, mit dem wir in diesen Bereichen übereinstimmen. Allerdings gilt dies vor allem für diejenigen Persönlichkeitsmerkmale, die direkt etwas mit Partnerschaftsverhalten und Partnerschaftswünschen zu tun haben. Wir unterscheiden deshalb die Allgemeinpersönlichkeit von der Beziehungspersönlichkeit“.

Prof. Dr. Andresen, vielen Dank für das Gespräch!

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