Nähe-Distanz-Problem: Mann und Frau umarmen sich

Nähe-Distanz-Problem: 12 Signale & passende Lösungen in 3 Phasen

von Maren Jannen , 17. Dezember 2019

89 Prozent der Frauen und 84 Prozent der Männer erwarten laut unserer ElitePartner-Studie in einer Beziehung ausreichend Freiraum und die Möglichkeit, genügend Zeit für sich selbst zu haben. Obwohl das Bedürfnis bei beiden Seiten stark ausgeprägt ist, lässt sich dennoch oft ein Ungleichgewicht und Problem von Nähe und Distanz erkennen. Denn der Wunsch nach Bindung und das Streben nach Unabhängigkeit sind Grundbedürfnisse. Doch welches Verhältnis ist gesund und ab wann wird es schwierig?

Inhaltsverzeichnis:

Wie entsteht ein Nähe-Distanz-Problem?

Das Wechselspiel aus Nähe und Distanz in Beziehungen fühlt sich oft an wie eine emotionale Achterbahnfahrt. Und doch ist dieser Konflikt einer, den fast jedes Paar kennt. Denn Nähe und Distanz sind zwei völlig natürliche Bedürfnisse. Deshalb ist das Verhältnis in der Partnerschaft auch nicht statisch, sondern kann sich immer wieder verschieben und variieren – je nach dem, in welcher Lebensphase sich jemand gerade befindet. Zum Problem wird es, wenn einer von beiden von negativen Erfahrungen in der Vergangenheit geprägt ist. „Wir werden geprägt durch die Erfahrungen, die wir bei der Erziehung durch unsere Eltern und andere vertraute Personen machen“, erklärt unsere ElitePartner-Expertin und Paar-Beraterin Lisa Fischbach. Hat ein Kind zum Beispiel wenig Aufmerksamkeit bekommen, strebt es in seiner späteren Liebesbeziehung unter Umständen nach Nähe. Litt es unter der Trennung der Eltern, kann es Schwierigkeiten haben, sich auf einen Menschen einzulassen.

Das Streben nach Nähe und Distanz darf nicht zwanghaft sein

Wir neigen dazu, negative Verhaltensmuster unreflektiert zu wiederholen. Wirklich belastend wird es daher beim Pendeln zwischen zwanghafter Bedürftigkeit und zwanghaftem Streben nach Unabhängigkeit. Das Lechzen nach Nähe sowie ein stark ausgeprägtes Distanzbedürfnis gehen oft mit Verlustangst und Bindungsangst einher – beides Seiten von einem angeschlagenen Selbstwertgefühl.

Doch auch die gesellschaftliche Entwicklung, den Fokus mehr auf das eigene Ich zu legen, beeinflusst das Verhältnis von Nähe und Distanz in Partnerschaften.

„Zwar muss die Liebe nach wie vor unsere Ursehnsüchte nach Verlässlichkeit, Geborgenheit und Beständigkeit erfüllen, hinzu kommen allerdings neue Bedürfnisse: Wir streben in der Liebe auch Freiraum, persönliches Wachstum und gemeinsame Entwicklung mit dem Partner an – vor allem für Frauen gewinnen diese Aspekte an Bedeutung“

ElitePartner-Expertin und Single-Coach Lisa Fischbach

Das richtige Maß zwischen ausreichender Nähe und notwendiger Distanz zu finden, wird daher zum Problem von fast jeder Beziehung.

An welchen Anzeichen lässt sich erkennen, dass sich ein Nähe-Distanz-Konflikt anbahnt?

Was oft ein natürlicher Prozess ist, kann also schnell zu einer wirklichen Belastung zwischen Partnern werden. Es gibt viele Hinweise für eine Nähe-Distanz-Störung.

Bei einem stark ausgeprägten Bedürfnis nach Distanz sind es zum Beispiel

  • Abgrenzung vom Partner
  • zunehmend weniger Kontakt
  • eine emotionale und körperliche Entfernung vom Partner

Bei einem extremen Bedürfnis nach Nähe sind die Anzeichen

  • Klammern am Partner
  • Grenzen werden ignoriert
  • die Suche nach ständigem Kontakt
  • das Bedürfnis nach permanenter Bestätigung

Signale eines Nähe-Distanz-Problems bei Singles in der Kennenlernphase

In folgenden Fällen könnte sich schon für Singles in der Anfangsphase des Flirts ein Ungleichgewicht zwischen Nähe und Distanz anbahnen:

  • Grenzen werden nicht erkannt: Einer der Partner wird zu schnell zu persönlich und intim und stellt übergriffige Fragen. Als Folge verschließt sich der andere, und er zieht sich zurück, statt sich zu öffnen.
  • zu viel Kontakt vs. Funkstille: Soll ich mich melden oder nicht? Gerade zu Beginn des Kennenlernens ist es oft schwer, einzuschätzen, was zu viel ist und was nicht. Schreibt der eine ständig Nachrichten, der andere lässt sich jedoch mit dem Antworten immer viel Zeit und meldet sich nie von selbst, kann es schnell zu einem Ungleichgewicht kommen.
  • körperliche Nähe: Einer der Partner ist ungeduldig, der andere braucht mehr Zeit – vor allem Frauen wünschen sich oft, dass die Männer in der Annäherungsphase zurückhaltender sind. Zu schnell zu viel Nähe zu wollen, kann einengend und übergriffig sein.
  • zu viel Distanz: Zu viel Distanz ist jedoch ebenfalls ein Beziehungskiller. Denn um den anderen kennenlernen zu können, muss man durchaus aufeinander zugehen und Interesse zeigen.

Anzeichen eines Nähe-Distanz-Konflikts bei frisch Verliebten – nach dem Rausch folgt die Realität

Obwohl Menschen, die frisch verliebt sind und gerade am Anfang einer Beziehung stehen, meist noch von einem Hormoncocktail berauscht sind und die Augen vor vielem verschließen, können auch sie mit einem Nähe-Distanz-Problem konfrontiert werden. Anzeichen für ein sich anbahnendes Nähe- und Distanz-Problem in der Beziehung können sein:

  • die Treffen werden weniger: Verbrachten Sie zunächst noch jeden freien Moment miteinander, rücken plötzlich wieder Freunde, Hobbys oder auch das Bedürfnis, mal allein zu sein, in den Fokus. Das kann schnell als bedrohliche Distanz empfunden werden – und bei dem Partner Angst auslösen.
  • emotionale Überforderung: Zunächst spielen die Hormone verrückt – dann schwindet die rosarote Brille, die Realität kehrt zurück und es zeigt sich, ob die Beziehung Potential hat, auch im Alltag zu bestehen. Viele leiden unter einem Gefühlschaos und distanzieren sich unter Umständen erst einmal. Andere sind noch gewöhnt, wie zu Beginn der Verliebtheit im ständigen Kontakt mit dem Partner zu stehen und engen diesen mit ihrer Liebe ein.
  • kein klares Bekenntnis zu einer Beziehung: Obwohl Sie sich ständig sehen und die Treffen wunderschön sind, hält einer der Partner die Beziehung auf einer unverbindlichen Ebene. „Beziehung ja oder nein?“ Hier könnte eine Bindungsangst zugrunde liegen.

Alarmzeichen, wenn Paare unter einem Nähe- und Distanz-Konflikt leiden

Führen Sie bereits eine langfristige Beziehung und sind sehr vertraut miteinander, ist ein Nähe- und Distanz-Problem nichts Ungewöhnliches. Wichtig ist nur, dass punktueller Stress zwischen Ihnen nicht zu einer dauerhaften Beziehungskrise wird.

  • Es herrscht keine grundlegende Harmonie: Obwohl Sie Ihre Bedürfnisse kommunizieren, befindet sich das Verhältnis zwischen Bindung und Autonomie ständig in einer Schieflage, es fehlt an Stabilität. Ständig bricht Streit zwischen Ihnen aus und beide fühlen sich missverstanden.
  • Der Partner ändert sein Verhalten: Während Sie früher mit kleinen Aufmerksamkeiten und Nachrichten überrascht worden sind, legt sich Ihr Partner nun entweder überhaupt nicht mehr ins Zeug oder er übertreibt es und überlädt Sie mit viel zu teuren Geschenken. Sie fühlen sich entweder vergessen oder bedrängt – beides Zeichen für eine Nähe- und Distanz-Störung.
  • Sie wechseln zwischen Beziehung und Trennung: Obwohl Sie sich eigentlich lieben, legen Sie ständig Beziehungspausen ein und verfallen einer On-/Off-Beziehung nur um dann festzustellen, dass Sie doch nicht ohne einander können. 

Wie lässt sich der Nähe-Distanz-Konflikt beim Kennenlernen lösen?

Das Spiel von Nähe und Distanz kann vor allem in einer noch jungen Beziehung oder in der Kennenlernphase zu einer Herausforderung werden. Doch keine Angst: Wenn Sie sich bewusst machen, was Sie sich von einer Beziehung wünschen und was nicht und welche Verhaltensweisen für Sie akzeptabel sind, können Sie schon von Beginn an präventiv auf ein mögliches Nähe- und Distanz-Problem reagieren:

  1. Den richtigen Partner wählen: Haben Sie und Ihr potentieller Partner ähnliche Interessen, Werte und Sichtweisen, ist dies schon einmal eine gute Basis für eine funktionierende Beziehung. Wenn Sie also tendenziell eher ein Mensch sind, der sehr viel Nähe und Bestätigung braucht, ist es nicht sehr hilfreich, sich zum Beispiel immer wieder einen freiheitsliebenden dominanten Mann als Partner zu suchen. Durchbrechen Sie Ihr Beuteschema und versuchen Sie etwas Neues.
  2. Schon zu Beginn die Fronten klären: Kommunizieren Sie früh Ihre Bedürfnisse, Ihre Grenzen und Ihren Alltagsablauf. Wenn Sie zum Beispiel immer mittwochs mit Ihren Freunden verabredet sind und das für Sie unumstößlich ist, dann sagen Sie das Ihrem potentiellen Partner, so dass er/sie sich direkt darauf einstellen kann. Oder wenn Sie in bestimmten Phasen besonders nähebedürftig sind und sich dann mehr Kontakt wünschen – so lange Sie und Ihr Partner offen und ehrlich miteinander sprechen, können Sie viele Konflikte und Beziehungsprobleme schon im Vorfeld ausräumen.
  3. Aufmerksam sein: Versuchen Sie, schon früh ein Gespür dafür zu entwickeln, wie Ihr potentieller Partner in Sachen Nähe und Distanz tickt. Braucht er zum Beispiel grundsätzlich lange, um Nachrichten zu beantworten, hat das sicher nichts mit Ihnen zu tun. Auch ist es wichtig, dass Sie sich selbst genau beobachten: Natürlich müssen Sie auf den anderen zugehen, um ihn kennenlernen zu können, gleichzeitig ist aber auch Zurückhaltung angesagt, um ihn nicht zu überrennen.

Wie können Paare mit einem Nähe- und Distanz-Problem umgehen

Über die Dauer einer Beziehung können sich die Bedürfnisse und Wünsche der Partner immer wieder ändern. Deshalb ist es wichtig, sowohl den Partner als auch sich selbst immer wieder zu reflektieren und im Austausch darüber zu bleiben, welches Verhältnis für beide okay ist.

So können Sie als Paar die Nähe-Distanz-Störung kurzfristig lösen:

  • Sprechen Sie immer offen miteinander: Die Kommunikation zwischen Ihnen ist von elementarer Wichtigkeit: Tauschen Sie sich darüber aus, was Sie wollen. Nur mit Ehrlichkeit können Sie das Nähe-Distanz-Problem in den Griff bekommen und Verhaltensweisen des Partners verstehen.
  • Pflegen Sie Ihre Freundschaften: Manchmal ist es nicht leicht, das Distanz-Bedürfnis des Partners auszuhalten. Dann ist es hilfreich, sich mit guten Freunden, Verabredungen und Unternehmungen abzulenken.
  • Schaffen Sie kleine Freiräume: Ist Ihnen oder Ihrem Partner das Nähebedürfnis des anderen zu viel, muss Abstand her. Vor allem, wenn Sie zusammenwohnen, ist das oft schwierig. Wählen Sie daher zum Beispiel bestimmte Tage oder Abende in der Woche aus, an denen Sie beide ganz bewusst etwas getrennt voneinander unternehmen. Ritualisieren Sie diese Abende, um Beständigkeit in Ihren Alltag zu bringen.
  • Schaffen Sie gemeinsame Rituale: Auch regelmäßige gemeinsame Aktivitäten können bei einer Nähe- und Distanz-Störung helfen. Dies sorgt für Sicherheit und stellt einen Fixpunkt für Sie beide dar.

So können Sie als Paar das Nähe-Distanz-Problem langfristig lösen:

  • Seien Sie kompromissbereit: Diskutieren Sie subjektive Gefühle nicht weg, sondern respektieren Sie Ihren Partner, selbst wenn seine Vorstellungen sich von Ihren deutlich unterscheiden. Geben Sie Ihrem Partner Sicherheit und zeigen Sie ihm, dass er es wert ist, eine gemeinsame Lösung zu finden.
  • Suchen Sie sich gemeinsame Ziele: Wenn Sie zusammen auf etwas hinarbeiten, schaffen Sie ein Gefühl der Verbundenheit zwischen Ihnen, das die Beziehung stärkt – sei es zum Beispiel das Planen einer langen, exotischen Reise, das gemeinsame Erlernen eines neuen Hobbys oder der Umzug in eine neue Wohnung.
  • Gehen Sie auf Spurensuche: Reflektieren Sie Ihre Kindheitserfahrungen mit Beziehungen. Erkennen Sie vielleicht ein Muster oder sogar Ursachen, die bei Ihnen zu Unsicherheiten, einer Bindungsstörung oder sogar Angst vor Nähe führen? Auch frühere Partnerschaften können aufschlussreich sein. Analysieren Sie Ihre bisherigen Beziehungen danach, welche Rolle Sie und Ihr Partner eingenommen haben.
  • Machen Sie eine Paarberatung: Wenn Sie das Gefühl haben, es nicht alleine zu schaffen, können Sie sich auch externe Hilfe holen. Manchmal hilft ein unbeteiligter Blick von außen, um die Perspektive des anderen besser verstehen zu können.

Fazit: Das Nähe- und Distanz-Problem – ein dynamischer Prozess

Das Verhältnis und die Verteilung von Nähe und Distanz in Beziehungen ist kein statisches, sondern dynamisch. Schließlich können sich individuelle Vorstellungen und Einstellungen mit verschiedenen Lebensphasen ändern. Mal sucht der Partner mehr Nähe, dann wieder überwiegt bei ihm das Distanzbedürfnis und umgekehrt. Es ist ein fortlaufender Prozess, die richtige Balance zu finden.

Essentiell ist dabei ein offener Austausch zwischen Ihnen und Ihrem Partner sowie die Bereitschaft, sich auch einmal bewusst anders zu verhalten, als Sie es gewohnt sind. Machen Sie sich klar, dass vor allem eine Liebe auf Distanz nichts Schlechtes ist: Sie können sich auch über eine Entfernung hinweg einander nah fühlen. So kräftezehrend das auch sein mag, die Mühe lohnt sich: Denn mit einer für beide Partner gesunden Balance zwischen Liebe und Distanz wird ein wichtiger Grundstein für eine langfristige Beziehung gelegt. Und: Nur, wer sich zwischendurch voneinander wegbewegt, kann auch wieder aufs Neue sehnsuchtsvoll aufeinander zugehen.