Projektionsfalle Profil

Von der Projektionsfalle und dem nachgelagerten Bio-Check: Die Besonderheiten des digitalen Kennenlernens

von: Anna Kuchenbecker

Online-Dating hat das Kennenlernen revolutioniert, Singles haben heute mehr Kontakte, daten gezielter und effizienter. Doch das Online-Kennenlernen hat auch andere Besonderheiten, derer wir uns bewusst sein sollten: So entstehen häufig kommunikative Missverständnisse, unbewusst hohe Erwartungen und überhaupt verläuft das digitale Kennenlernen quasi rückwärts.

Das Kennenlernen verläuft online rückwärts

Früher, in Zeiten als es noch kein Online-Dating gab und wir ganz klassisch auf Partys oder in Bars nach einander Ausschau hielten, entschieden wir anhand äußerlicher Kriterien, ob uns jemand gefiel. Wir flirteten mit einem Typen, weil er ein süßes jungenhaftes Lächeln hatte, wir seinen Geruch mochten oder irgendetwas an seiner Körperhaltung uns an unsere erste große Liebe erinnerte. In diesem ersten Augenblick machte unser Unbewusstes den Bio-Check: Kann ich ihn riechen, wie bewegt er sich, was strahlt er aus? Diese in Sekundenschnelle ablaufenden Prozesse bilden die Basis für unsere Entscheidung, ob wir den anderen sympathisch, anziehend und erotisch finden. Beim Online-Dating verläuft das Kennenlernen dagegen genau andersherum, rückwärts quasi, denn der biochemische Selektionsprozess kommt erst im zweiten Schritt zum Tragen. Bevor wir den anderen sehen, riechen und hören können, begegnen wir zunächst seinem virtuellen Steckbrief. Anhand ganz rationaler Kriterien wie Alter, Beruf, Interessen filtern wir hier passende Kandidaten heraus und erfahren eine Fülle an biographischen, persönlichen Details. Wir wissen, wie der andere sich eine Beziehung vorstellt, ob er viel Nähe oder Freiheit braucht, was ihn im Leben antreibt, ob er geschieden ist oder Kinder hat, ob er lieber italienisch oder thailändisch isst, wohin seine letzte Reise ging und sonst nach allerlei interessante Informationen, die uns sein Online-Profil oder der Nachrichtenaustausch verraten – noch bevor wir ihn das erste Mal zu Gesicht bekommen haben.

Diese Umkehr des Kennenlernens ist nicht besser oder schlechter als die herkömmliche, sie ist einfach anders und führt zu veränderten Dating-Bedingungen. So ist eine häufige Konsequenz des intensiven virtuellen Kennenlernens, dass die sogenannte Projektionsfalle zuschnappt.

Projektionsfalle: Wir puzzeln uns ein Bild wie es uns gefällt

Projektionsfalle? Richtig gelesen. Diese kann immer dann gefährlich werden, wenn wir uns zu lange im Nachrichtenverkehr aufhalten ohne den Realitäts-Check zu wagen. Dabei bauen wir uns unbewusst ein Bild vom Gegenüber zusammen, addieren Sätze und kleine Bemerkungen auf, bis sich aus den Puzzleteilen ein vollständiges Bild ergibt. Wir erwarten, dass der andere genau diesem Bild entspricht. Das Problem daran ist, dass wir all die Äußerungen des anderen noch gar nicht interpretieren können, denn wir kennen ihn ja nicht. Unsere Psyche neigt dazu, alle neuen Informationen durch eine subjektive Brille zu filtern und nur das zu lesen, was wir lesen wollen. Den Witz, den wir nicht verstehen, übergehen wir. Details, die wir nicht einordnen können – bewusst oder unbewusst – fliegen heraus. Wir freuen uns, wenn eine Formulierung hätte von uns sein können und denken, das muss Seelenverwandtschaft sein. Wir bauen uns ein Traumbild auf, nehmen nur Details wahr, die dazu passen. „Er hat um zwei Uhr morgens geschrieben – eine Nachteule! Wie ich!“ Wir projizieren unsere Wünsche und Annahmen in die fremde Person. Ob diese stimmen, wissen wir aber noch gar nicht. Oft wird der andere so hochstilisiert, dass der echte Mensch dahinter dem gar nicht standhalten kann.

Hinzu kommt eine weitere Besonderheit der digitalen Kommunikation: „Wir lassen uns in E-Mails leichter zu intimen Bekenntnissen hinreißen als im Gespräch vis-à-vis“, so Singleberaterin Lisa Fischbach, die sich seit vielen Jahren in Praxis und Theorie mit Online-Dating beschäftigt. „Ähnlich einem Tagebuch vertrauen wir einer Mail leichter innere Vorgänge und Gedanken an. So entsteht der Eindruck, man wäre einander nah und kennt den anderen gut.“ So berichten auch manche ElitePartner-Mitglieder, dass sie sich bereits verliebt fühlen, ohne einander je gesehen zu haben. Sie haben über E-Mails eine solch emotionale Bindung aufgebaut, dass sie fast davon ausgehen, bereits in einer Beziehung zu sein.

Digitale Kommunikation bietet Raum für Missverständnisse

Dass ein toller SMS- oder Mail-Austausch nichts mit einer realen Beziehung zu tun hat, zeigt das Beispiel von Johanna. Sie wurde von Freunden mit Dominik verkuppelt. Nach ein paar Treffen schickte er ihr jeden Morgen und Abend charmante SMS. Sie freute sich jedes Mal und ging davon aus, dass sich etwas anbahnte, obwohl sie sich wunderte, dass sie ihn so selten zu Gesicht bekam. Dass Dominik zweigleisig fuhr, erfuhr sie dann zufällig nach ein paar Wochen. Sie hatte seine getippten Äußerungen für echte Zuneigungserklärungen gehalten, während er aber nur leichthin flirtete. Um jemanden wirklich kennenzulernen und echte Gefühle zu erkennen, braucht es echten Austausch unter vier Augen. Das gilt vor allem in der Kennenlernphase, aber auch in Beziehungen. Wer nur über SMS oder Mail kommuniziert, erfährt nicht die Entgegnung des anderen, gestattet nur Mono- und nicht Dialog – und lässt damit viel Spielraum für Interpretationen. Schriftsteller Jonathan Safran Froer sinnierte in der New York Times über die verringerte Kontaktintensität neuer Kommunikationsmittel: Das echte Treffen wurde zunächst über Telefone ersetzt, es kamen Anrufbeantworter hinzu, dann E-Mails, Kurznachrichten und Whatsapp. Alle ermöglichen eine schnellere und dadurch häufigere Form des Kontakts, doch die Intensität, das echte Einlassen bleibt auf der Strecke. Das Problem dabei, so Safran Froer: „with preferring diminished substitutes is that over time, we, too, become diminished substitutes. People who become used to saying little become used to feeling little.“ Man muss es nicht so drastisch sehen, um zu erkennen, dass die digitalen Kontaktmöglichkeiten auf Dauer keine Basis für echte Gefühle sein können.

Wagen Sie schnell den Realitätscheck

Um der falschen Erwartungen, der Projektionsfalle und kommunikativen Missverständnissen vorzubeugen, sollten Sie eines tun: Schnell die Online-Phase verlassen und den Realitätscheck wagen. Verlieben können Sie sich nur da draußen. Nutzen Sie eine Online-Partneragentur als ersten Kontaktpunkt und als Sprungbrett fürs echte Kennenlernen, aber machen Sie es sich nicht im virtuellen Raum gemütlich. Der berühmte Funke kann erst dann überspringen, wenn wir den anderen mit allen Sinnen wahrnehmen. Wer sich bereits verliebt fühlt, ohne den anderen je gesehen zu haben, lässt das Wichtigste außer Acht: Die Biochemie. Nicht umsonst zitieren wir stets den alten Spruch „Die Chemie stimmt“ oder auch „Einander riechen können“. Die Wissenschaft hat bislang noch keine valide Erklärung gefunden, warum es genau bei diesem einen Menschen „zoom“ macht. Selbst unser komplexes ElitePartner-Matching kann leider keine Schmetterlinge garantieren. Sich riechen können, die Stimme des anderen hören, seine Gestik und Mimik mögen, das Kribbeln, wenn man sich berührt: All das erfahren wir erst beim realen Treffen. Und da kann es sein, dass sich trotz wunderbarster Übereinstimmung in Interessen und Wertvorstellungen, im Bauch nichts regt. Es läuft eben viel über das Unbewusste ab. Dazu passt, dass es beim ersten Eindruck weniger darauf ankommt, was wir sagen. Forscher fanden bereits in den 70er Jahren heraus, dass das Gesagte nur zu sieben Prozent den ersten Eindruck prägt. Die restlichen 93 Prozent entfallen auf Gestik, Mimik, Kleidung, Sprache und Geruch.

Also investieren Sie erst dann Gefühle in jemanden, wenn Sie ihm mindestens einmal begegnet sind und Ihre Chemie positive Signale gesendet hat. Dafür müssen Sie die Komfortzone des Virtuellen verlassen und sich auf den noch aufregenderen Part des Kennenlernens, die echte Begegnung, einlassen.

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