Ehrlichkeit ist in Beziehungen nicht immer ein Muss

Warum bedingungslose Ehrlichkeit in Beziehungen schadet

von: Beatrice Bartsch

Ehrlichkeit ist ein Grundpfeiler zwischenmenschlicher Beziehungen. Doch, findet unsere Autorin, man kann es damit auch übertreiben. Hinter den Forderungen nach bedingungsloser Ehrlichkeit und einer Alles-muss-auf-den-Tisch-Mentalität stecken drei häufige Denkfehler, die einer Beziehung ernsthaft schaden können.

Ehrlichkeit kann verletzen – und Beziehungen zerstören

Ehrlichkeit ist eine Tugend und derzeit sehr gefragt. Gerade in Beziehungen wird bedingungslose Ehrlichkeit oft zum Qualitätskriterium erhoben. Umgekehrt ist man schnell geneigt, den Unehrlichen zu verurteilen und mit dem Finger auf ihn zu zeigen. Wir kennen das aus sozialen Medien, schonungslosen Online-Foren – und auch von der illustren Freundesrunde am Küchentisch. Hat jemand dem Partner in einem Punkt nicht ganz die Wahrheit gesagt, ist er eigentlich sofort verurteilt. Oder es wird ihm zumindest postwendend zu bedingungsloser Ehrlichkeit geraten. „Leg die Karten auf den Tisch“, „sei fair“, „wenn ihr so unehrlich zueinander seid, kannst du auch gleich Schluss machen“, „eure Beziehung ist so doch nichts wert“.

Und plötzlich schrillen bei ihm, dem Unehrlichen, alle Alarmglocken. Bei der nächsten Gelegenheit gesteht er seiner Partnerin alles. Also, einfach alles: Dass er sie, jetzt wo sie fragt, ja, doch, mit zehn Kilo weniger vielleicht ein bisschen attraktiver fände – und dass er sich kurzzeitig in eine Kollegin verguckt hatte, auch wenn da nie etwas gelaufen ist. Vielleicht auch, dass er an seinem Kinderwunsch bisweilen zweifelt und dass er vor 15 Jahren mal mit seiner besten Freundin geschlafen hat. Drei Monate später trennt sich seine Partnerin, weil sie mit den anhaltenden Zweifeln an sich selbst und der Beziehung nicht zurechtkommt.

Hat er mit dieser Ehrlichkeit nun alles richtig gemacht? Wohl kaum. Was stimmt also nicht, an der Forderung nach bedingungsloser Ehrlichkeit?

Der erste Fehler: Jede Form der Unehrlichkeit gleichsetzen

Schnell werden alle Formen der Unehrlichkeit über einen Kamm geschert. Tatsächlich macht es aber doch einen großen Unterschied, ob wir jemandem direkt ins Gesicht lügen, eine Antwort diplomatisch verpacken oder vielleicht nur ein bestimmtes Detail verschweigen. Auch, wenn jemand die Eigenschaft besitzt, geradeheraus und ungefragt alles zu sagen, was er oder sie denkt, wird das schnell als Tugend verkauft – ungeachtet dessen, ob unnötige Informationen vielleicht auch verletzen können.

Der zweite Fehler: Die Konsequenzen vergessen

In einer Beziehung sollte man den Partner gut kennen – mit all seinen Schwächen, Ängsten und Erfahrungen. Dem Partner etwas mitzuteilen, in dem Wissen, dass diese Information ihn ganz besonders verletzt, ist zwar ehrlich, aber nicht wirklich fair. Einem Partner, der mit seiner Körpergröße hadert, muss man nicht unter die Nase binden, dass man eigentlich auf größere Männer steht. Eine Partnerin, die mit Verlustängsten zu kämpfen hat, braucht nicht jeden Zweifel an der Beziehung sofort zu erfahren. Natürlich sollte diese Rücksichtnahme nicht zur Ausrede werden. Doch viel zu selten wird bedacht, dass es dem Menschen und der Beziehung möglicherweise besser geht, wenn man auch mal die Wahrheit verschweigt.

Der dritte Fehler: Aus egoistischen Gründen ehrlich sein

Ja, man kann auch egoistisch handeln, wenn man die Wahrheit sagt. Denn: Was uns häufig zur Forderung nach bedingungsloser Ehrlichkeit treibt, ist das schlechte Gewissen, das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben. Dass wir nicht erzählen, in welchem Restaurant wir zu Mittag gegessen haben, stört weder uns noch den Partner. Dass wir aber ebenfalls nicht erwähnen, dass wir mit dem Kollegen dort waren, den wir insgeheim attraktiv finden – wurmt uns dann doch. Wenn wir dem Partner nur aus diesem schlechten Gewissen heraus eine Schwärmerei gestehen, auch wenn sich überhaupt nichts anbahnt, tun wir damit nicht der Beziehung oder dem Partner einen Gefallen – sondern nur uns selbst. Wir nutzen den Partner für unsere Beichte aus und übertragen unser schlechtes Gefühl auf ihn. Wir selbst fühlen uns erleichtert, irgendwie freigesprochen. Aber der Partner leidet. Besonders moralisch oder für die Beziehung zuträglich ist das nicht.

Wann sollte man also ehrlich sein?

Es kommt also immer darauf an, wie groß eine Unehrlichkeit ist, welche Konsequenzen sie hat und aus welcher Motivation heraus wir etwas verschweigen oder zugeben. In einer Beziehung sollten beide Partner immer das Gefühl haben, sich alles sagen zu können. Und trotzdem können wir manches durchaus für uns behalten, weil es schaden würde oder schon lange abgehakt ist. Anderes wiederum muss unbedingt auf den Tisch. Vielleicht geht es nämlich gar nicht darum, dass wir unseren Kollegen attraktiv finden. Vielleicht läuft auch etwas schief in unserer Beziehung und uns fehlt etwas. Dann sollten wir das ansprechen – und nur das. Läuft in der Beziehung aber alles gut, gibt es keinen Grund, den Partner aufzuschrecken.

Was Sie in einer Beziehung ruhig verschweigen können

  • Die Zahl Ihrer Sexpartner: Ein Hauch von Mysterium hält Partnerschaften spannend.
  • Unnötige Details über frühere Beziehungen.
  • Dass Sie jemand anderes attraktiv finden.
  • Meinungen zu Dingen, die nicht zu ändern sind und nur verletzen.
  • Liebeleien aus der Jugend, sofern sie längst abgehakt sind.
  • Kurzzeitige Beziehungszweifel, denn die sind ganz normal.

Wann Sie dem Partner gegenüber ehrlich sein sollten

  • Wenn das Schweigen Sie emotional voneinander entfernt.
  • Wenn Sie wegen etwas bereits Trennungsgedanken haben.
  • Wenn es zum existenziellen Problem werden könnte, wie im Fall von Krankheiten oder Schulden.

Fazit: Aufrichtigkeit ist die bessere Ehrlichkeit

Auch wenn Ehrlichkeit in Beziehungen eine gute Sache ist – wir sind nicht automatisch schlechte Menschen, wenn wir ab und zu nicht schonungslos ehrlich mit unserem Partner sind. Zumindest, solange wir dabei aufrichtig handeln, also vorwiegend im Sinne unseres Partners und unserer Beziehung unehrlich sind.

Besonders, wenn wir den geliebten Menschen damit verletzen würden, ist es erlaubt, die Wahrheit auch mal zu verschweigen oder zu beschönigen. Ebenfalls erlaubt sind Geheimnisse, die die Spannung einer Beziehung aufrechterhalten. Ehrlichkeit ist und bleibt eine Tugend – aber wie sagt man so schön? Die Dosis macht das Gift.

Finden Sie jemanden, der Ihr Leben verändert, nicht nur Ihren Beziehungsstatus
Kostenlos anmelden