Bildungsfalle

Interview: “Wir suchen uns jemanden von ähnlicher Intelligenz“

von: Annette Riestenpatt

Professor Dr. Blossfeld ist Professor der Soziologie an der Universität Bamberg und Leiter des Staatsinstituts für Familienforschung. In einer Studie untersuchte Blossfeld die Auswirkungen der Bildungsexpansion auf den Heiratsmarkt. Hier stellt er die Ergebnisse vor und verrät, warum ein ähnliches Bildungsniveau wichtig für eine glückliche Beziehung ist und warum Männer eher als Frauen nach unten heiraten.

Professor Blossfeld, was haben Sie in Ihrer Studie zur Partnerwahl erforscht?

„Wir haben untersucht, wie sich die Bildungsexpansion auf den Heiratsmarkt auswirkt. Junge Leute, besonders Frauen, beteiligen sich heute viel länger an Bildungsprozessen. Das Bildungssystem wird dadurch zunehmend zu einem Kontakt- und Heiratsmarkt. Es bestimmt mehr denn je, wen man in der Lebensphase, in der man in der Regel mit der Partnersuche beginnt, überhaupt trifft. Durch den Selektionsprozess im Bildungssystem werden die Gruppen der jungen Menschen, die jeweils auf der nächsten Stufe noch zusammen bleiben und sich treffen, bei verschiedenen Merkmalen immer homogener. Es eröffnen sich durch diese Prozesse bestimmte neue Partnermärkte – zum Beispiel in Akademiker-Kreisen – die aber den meisten jungen Leuten nicht bewusst sind. Sie denken über diese Selektionsprozesse gar nicht nach.“

Wie sehen diese Partnermärkte aus?

„Zum Beispiel werden Universitäten und Fachhochschulen als Ort der Partnersuche immer wichtiger. Es bilden sich dort Netzwerke, innerhalb derer man seinen Partner trifft. Aber die Bildungsinstitutionen strukturieren nicht nur den Hörsaal, sondern auch das Privatleben. Man wählt oft einen Partner, der einem ähnlich ist: Das intellektuelle Niveau, die Interessen. Diese Ähnlichkeit macht es einfacher zu kommunizieren. Man muss sich nicht über alle Dinge neu verständigen, sondern kann auf geteilte Vorverständnisse zurückgreifen. Das reduziert natürlich die Anzahl der Überraschungen und Konflikte. Und der Austausch zwischen den Paaren ist insgesamt weniger kostenträchtig und einfacher.“

Also gilt das alte Motto Gleich und gleich gesellt sich gern?

„Ja, zumindest beim Bildungsniveau. Man sucht sich jemanden, der das gleiche Intelligenzniveau hat. Früher war es so, dass ungefähr die Hälfte aller Männer nach unten geheiratet hat und die Hälfte aller Frauen nach oben. Aber inzwischen gibt es immer mehr weibliche Akademiker. Nur noch ein Fünftel der jungen Männer heiratet heute nach unten, denn sie finden geeignete Partnerinnen auf ihrem Niveau.“

Diese nach unten heiratenden Männer fehlen dann aber bei den gebildeten Frauen.

„Genau. Die Frauen haben gegenüber den Männern bei der Bildung stark aufgeholt und diese zum Beispiel an den Universitäten bei den Erstsemestern sogar überholt. Die meisten jungen Leute finden während ihrer Ausbildung einen Partner. Geheiratet wird dann aber häufig erst nach dem Ausbildungsabschluss, wenn sich die jungen Erwachsenen beruflich etabliert haben. Das trifft auf zirka 80 Prozent zu. Die heiraten dann bildungshomogam. Die restlichen 20 Prozent, denen das nicht gelingt, haben es schwerer. Insbesondere hochqualifizierte Frauen kommen in eine missliche Situation, da noch immer eine große Zahl der Akademiker nach unten heiratet.“

Weil nicht genügend Männer für sie übrig bleiben?

„Ja. Die weiblichen Akademiker müssten deswegen eigentlich auch strukturell nach unten heiraten. Das tun sie aber nicht. Sie bleiben nach unseren Untersuchungen eher allein. Auch die Arbeitsteilung wird immer ausgewogener und Frauen steuern einen immer größeren Anteil zum Familieneinkommen bei. Früher war es der Mann, der als Alleinverdiener das Geld nach Hause brachte. Heute gibt es immer mehr Zuverdiener- und Doppelverdiener-Paare. In diesem Wettbewerb müssen junge Männer zusehends darauf achten, dass sie auch eine Partnerin mit hohem Einkommenspotenzial finden.“

Wo liegt das Problem?

„Die traditionellen Geschlechterrollen sind unausgesprochen noch immer sehr wichtig. Ein Arzt kann eine Krankenschwester oder eine Sekretärin heiraten, ohne dass es jemanden interessiert. Aber wenn eine Ärztin einen Pfleger oder Tankwart heiratet, ist das noch immer ungewöhnlich. Da gibt es dann auf der Seite der qualifizierten Frauen und der weniger qualifizierten Männer Widerstände, eine solche Beziehung einzugehen. Hohe Singlequoten gibt es deswegen bei hoch gebildeten Frauen und unqualifizierten Männern. Bei den Frauen hat das nach wie vor auch etwas mit der Selbstdefinition zu tun: Viele bleiben lieber allein als unter ihrem Niveau zu heiraten. Die unqualifizierten Männer sind keine attraktiven Heiratspartner. Der Mensch ist allerdings ein soziales Wesen. Er liebt es, mit anderen zusammen zu leben. Dieses Muster ist so dominant, dass es nach meiner Einschätzung auf Dauer nicht glücklich macht, wenn man allein bleibt.“

Dann bleibt letztlich nur die Wahl eines Partners unter dem eigenen Niveau?

„Ja, aber das ist nicht so einfach. Denn für Männer ist es ebenso schwer gegen die Norm zu wählen wie für Frauen. In Beziehungen, in denen beispielsweise die Frau ebenso verdient wie der Mann, wird immer noch von vielen Paaren der Verdienst des Mannes als Hauptverdienst definiert und das, was die Frau nach Hause trägt, als Zuverdienst. Der Euro, den der Mann verdient, hat bei vielen Paaren noch immer einen anderen symbolischen Wert als der Euro, den die Frau verdient. Für die meisten Männer ist es ein Problem, wenn ihre Ernährerfunktion in Frage gestellt wird. Das verstößt noch immer gegen die soziale Norm. Aber die Frauen haben die Männer an den Unis nun einmal überholt. Das bedeutet, dass der Heiratsmarkt für hoch qualifizierte Frauen immer problematischer wird. Also ist ein rascher Normwandel gefordert. Den kann ich allerdings noch nicht erkennen.“

Warum lässt dieser Normwandel auf sich warten?

„Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen wollen Frauen nicht nach unten heiraten und Männer nicht nach oben. Da gibt es tief sitzende Einstellungen. Zum anderen liegt das auch an unserem dreigliedrigen Schulsystem. In den USA ist es üblicher, auf unterschiedlichem Bildungsniveau zu heiraten. Dort ist man bis zur Highschool, also bis zum Alter von etwa 18, weitgehend zusammen. In Deutschland dagegen werden die Kinder schon im Alter von zehn Jahren auf verschiedene Schulen aufgeteilt. Dadurch entstehen unterschiedliche soziale Welten und mehr Berührungsängste zwischen den Bildungsgruppen.“

Und wenn sich ein Paar über die Normen hinweg setzt?

„Solche Beziehungen sind immer noch legitimationspflichtig, das heißt, Bekannte, Freunde, Nachbarn stellen dann Fragen und empfinden so etwas als ungewöhnlich. Um sich gegen diese Erwartungen durchzusetzen, braucht es eine Persönlichkeit mit starkem Selbstbewusstsein und Durchsetzungsvermögen. Aber auch zwei Menschen mit einem unterschiedlichen Bildungsniveau können durchaus miteinander glücklich sein. Nicht nur bei den traditionellen Paaren, sondern auch bei ‚modernen Paaren‘, wo die Frau von der Bildung und vom beruflichen Status her dem Mann überlegen ist.“

Professor Blossfeld, wir danken für dieses Gespräch!

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