Beziehungsdogmen im Test

5 Beziehungsdogmen im Check

von: Saskia Balke

Ob Streit in der Partnerschaft, Zweifel an der Beziehung oder getrennte Betten: Unsere Autorin Saskia Balke vertritt hierzu eine klare Einstellung. Doch was sagt Beziehungsprofi und Paarberaterin Lisa Fischbach dazu? Im Gesprächsduell gehen die beiden typischen Beziehungsdogmen auf den Grund.

Dogma Nr. 1: Streit ist tabu, wenn man eine glückliche Beziehung führt.

Saskia Balke: Meinungsverschiedenheiten, ja, selbst ein handfester Krach ab und an reinigen die Luft in einer Beziehung wie ein Gewitter. Man braucht allerdings eine vernünftige Streitkultur, und die muss sich jedes Paar selbst erarbeiten. Das ist zwar anstrengend, lohnt sich aber. Denn nur, wer sich einer Beziehung auseinandersetzt, kann sich zusammen weiterentwickeln und lernt, eigene Standpunkte zu vertreten, Kompromisse zu schließen und den anderen zu verstehen. Streit als Teil einer glücklichen Beziehung anzuerkennen, ist auch eine Frage der Reife. Immerwährende Harmonie ist eine Idealvorstellung, die sich mit wachsender Beziehungserfahrung als unrealistisch entpuppt. Mein Fazit: Wenn man nicht streitet, stimmt was nicht. Konflikte auszutragen, gehört für mich zu einer glücklichen Beziehung dazu.

Lisa Fischbach: Inwieweit Auseinandersetzungen als erträgliche Notwendigkeit gesehen werden oder als dramatisches Übel, hängt stark von der eigenen Konfliktfähigkeit und vom Bindungsstil ab. Wer als Kind in der Familie erleben konnte, wie Streitigkeiten zu konstruktiven Ergebnissen geführt haben und dabei nicht die Basis der Beziehung in Frage gestellt wurde, entwickelt eher einen positiven Bezug zu Konflikten. Sie werden dadurch nicht angenehm, jedoch nicht immer gleich als zerstörerisch und als drohendes Ende erlebt. Das Ausbleiben von Streitigkeiten ist kein Indikator für eine bessere Beziehung. Hinter einem starken Harmoniebedürfnis steckt oft die Angst vor Auseinandersetzungen. So werden Konflikte vermieden. Die Partner verschmelzen, was eine Liebe erlahmen lässt. Sich am Partner zu reiben, heißt auch, seine Bedürfnisse zu vertreten, diese vom Partner abzugrenzen. Für eine stabile Partnerschaft ist wichtig, dass jeder Partner neben der Wir-Identität als Paar seine eigene Ich-Identität bewahrt. Wer streitet, sollte unbedingt auf destruktive Elemente wie Abwertung, Verachtung und Beleidigung verzichten.

Dogma Nr. 2: An der Beziehung zu zweifeln, ist der Anfang vom Ende.

Saskia Balke: Am Anfang einer Beziehung ist es in meinen Augen normal, auch mal an der neuen Partnerschaft zu zweifeln. Man lernt sich ja erst kennen und muss erst ausloten, ob man auch mit den negativen Seiten des anderen umgehen kann und ob es passt. Anders ist das in einer bereits gereiften Partnerschaft, die diese unsichere Phase bereits hinter sich gelassen haben sollte. Auch hier gerät man immer mal wieder an Grenzen – aber stellt deswegen nicht gleich die Beziehung in Frage. Wenn ein Paar sich als so wenig krisenfest entpuppt, ist es meines Erachtens aus den falschen Motiven zusammen: Es mangelt offensichtlich an bedingungsloser Liebe und Vertrauen. Insofern stehen wiederkehrende Zweifel an einer länger bestehenden Partnerschaft meiner Meinung nach für ein handfestes Beziehungsproblem.

Lisa Fischbach: Tiefe Zweifel und diese sogar über längere Zeit sind in der Tat als Symptom für eine unglückliche Partnerschaft zu deuten. Wer sich dabei ertappt, seine Beziehung öfter auf den Prüfstand zu stellen, und dabei zwischen „Bleiben oder Gehen“ abwägt, sollte genau hinschauen, was ihn noch in der Partnerschaft hält und wie viele eigene Anteile bereits gekündigt haben oder Gefahr laufen, „außer Haus“ Ersatz zu suchen. Hingegen ist eine gewisse Form von Bilanzieren in einer Partnerschaft normal und völlig unbedenklich. Das ist auch unabhängig von der Beziehungsdauer. Viel an diesem Prozess läuft unbewusst ab. Aber auch das bewusste Hinterfragen, ob das Geben und Nehmen in der Beziehung stimmt und die eigenen Bedürfnisse im Großen und Ganzen erfüllt sind, gehört dazu. Das ist kein Zeichen für eine instabile Beziehung. Eher ein Zeichen für das Abwägen zwischen eigenen Bedürfnissen und denen des Partners. Denn hier muss ich der Kollegin widersprechen: Bedingungslose Liebe ist keine produktive Form in einer reifen, partnerschaftlichen Liebe. Wer liebt, möchte auch geliebt werden. Wer gibt, wünscht sich auch eine Form von Anerkennung dafür. Nicht immer gleich, aber im Gesamten ausgeglichen.

Dogma Nr. 3: Getrennte Betten sind Ausdruck von Distanz.

Saskia Balke: Schwere Schnarch-Problemfälle oder Extrem-Schlafwandler mal ausgenommen: Ich verbinde die Vorstellung, neben meinem Partner zu schlafen, mit dem guten Gefühl von großer Nähe und starker Verbundenheit. Kaum ein frisch verliebtes Paar wird es sich nehmen lassen, die Nacht im gemeinsamen Bett zu verbringen. Viele glücklich Verheiratete teilen sich auch noch nach Jahrzehnten gerne das Laken. Getrennte Schlafzimmer sind daher für mich ein Zeichen der Abgrenzung, das negativ zu werten ist. Es ist wortwörtlich ein Rückzug! Mag ja sein, dass die Schlafqualität beim Alleineschlafen zunimmt. Die Beziehungsqualität nimmt in meinen Augen mit getrennten Schlafzimmern auf jeden Fall ab.

Lisa Fischbach: Beim Thema „Getrennte Betten“ scheiden sich anscheinend die Geschmäcker. Schlaf ist ein hochsensibles Thema. Schließlich ziehen wir daraus Vitalität und Gesundheit. Oft sind aber die Schlafgewohnheiten bei Paaren sehr unterschiedlich. Der Frühschläfer wird vom Spät-zu-Bett-Geher gestört, der Langschläfer vom Frühaufsteher. Manche schlafen durch, andere stehen dreimal nachts auf. Der eine schläft ruhig, der andere dreht sich ständig aufgrund lebhafter Träume und schnarcht. Wenn Paare sich hier eher stressen als gut tun, sollten sie den Mut haben, über andere Konstellationen nachzudenken. Denn auf Dauer leidet die Beziehungsqualität mehr, wird man durch den Partner um den eigenen Schlaf gebracht und ist von ihm dadurch genervt. Das schadet mehr als das gemeinsame Teilen des Bettes Gutes schafft. Nichts spricht gegen gemeinsames Kuscheln beim vor dem Einschlafen, das gegenseitige Besuchen am Morgen oder das Verabreden zur gemeinsamen Nacht. Das bewahrt die Nachtruhe und kurbelt mitunter sogar den Sex an.

Dogma Nr. 4: Wer sich liebt, will sich möglichst häufig sehen.

 

Saskia Balke: Ist man frisch verliebt, fühlt sich jeder Tag ohne den anderen an wie ein Drogenentzug. Doch das ist ein hormoneller Ausnahmezustand, der nach einigen Wochen oder Monaten passé ist. In einer dauerhaften Beziehung finde ich es vollkommen normal und erstrebenswert, Zeit ohne den anderen zu verbringen und eigene Interessen zu verfolgen. In einer Beziehung symbiotisch miteinander zu verschmelzen, deutet hingegen auf emotionale Abhängigkeit hin. In einer intakten Liebesbeziehung bleiben beide ihren Bedürfnissen als Individuum treu, treffen Freunde ohne den anderen, gehen ihren eigenen Hobbys nach und schaffen es, Zeit alleine sinnvoll auszufüllen. Nur so können Impulse von außen die Beziehung bereichern. Ganz einfach: Wer sich liebt, schafft eine gesunde Balance von Nähe und Distanz.

Lisa Fischbach: Die Ausführung meiner Kollegin kann ich in dem Fall nur voll und ganz unterstreichen! Die Bedürfnisse nach Gemeinsamkeit und Unabhängigkeit sind je nach Persönlichkeitsstruktur ganz unterschiedlich ausgeprägt und unterscheiden sich meist auch von denen des Partners. Daher geht es weniger um richtig oder falsch, sondern darum, mit dem Partner ein gutes Maß zu finden, mit dem beide zufrieden sind.

Dogma Nr. 5: Wenig Sex zu haben, ist ein Beziehungsmanko.

Saskia Balke: Die Medien impfen uns die Vorstellung ein, dass häufiger Sex ein Merkmal erfüllter Beziehungen ist. Wer hat sich nicht schon mal panisch gefragt, ob die Beziehung jetzt den Bach runtergeht, weil für einige Tage oder Wochen Flaute im Bett herrschte. Allen besorgten Freundinnen rate ich immer, sich von solchen Vorstellungen bewusst zu befreien. Jeder Mensch hat eine individuelle Libido, jedes Paar ein anderes Empfinden, wie viel und welche Art der Intimität gut tut. Eins steht für mich fest: Jede Form von Druck oder Idealvorstellung belastet diesen sensiblen Bereich einer Partnerschaft. Wohl jeder kennt die Phasen, in denen Job, Kinder oder andere Projekte ein Paar derart fordern, dass das Liebesleben brach liegt. Und das ist auch in Ordnung, sofern darüber nicht viele Monate oder gar Jahre vergehen und beide damit gut umgehen können. Ich finde: Die Sexfrequenz ist eine individuelle Angelegenheit – bloß nicht verrückt machen lassen!

Lisa Fischbach: Durchschnittlich haben Eltern in Deutschland 1,5 Kinder. Würden Sie sich deshalb von einem dritten Kind abhalten lassen, wenn das Ihr Wunsch wäre? Oder fühlen Sie sich mit einem Kind schlechter? Eines ist klar, nirgendwo wird so viel gelogen wie in Umfragen zu Sexualität. Männer „overreporten“, Frauen „unterreporten“. Will heißen, die einen legen ein paar Frequenzen mehr in die Waagschale, die anderen lassen ein paar weg, weil es sich als Frau gesellschaftlich nicht schickt, überdurchschnittlich sexuell aktiv zu sein. Fest steht: Erfüllende Sexualität steht vor Takt. Es ist genauso legitim auf „weniger, dafür ausführlicher“ zu stehen als auf „oft und dafür Quickie“. Wer entscheidet über die Qualität? Das Paar für sich, nicht die Statistik. Zum Problem wird das ganze Treiben um die Anzahl, ist die Lust bei Paaren sehr unterschiedlich ausgeprägt. Fakt ist, es gibt meist einen Partner, dessen Wunsch nach Sex größer ist, und damit auch einen Partner, der bremst. Der Partner mit dem geringeren Verlangen bestimmt aber meist die Frequenz. In diesen Fällen ist es wichtig, als Paar über die Wünsche und Bedürfnisse zu sprechen und Kompromisse auszuhandeln.

Autorin

Saskia
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