Menschenkenntnis

Menschenkenntnis: Trügerisch, aber trainierbar!

von: Saskia Balke

In vielen Lebenssituationen sind wir auf eine gute Menschenkenntnis angewiesen. Auch beim Online-Dating! Schließlich entscheidet unser Urteil darüber, ob wir unser Date als potenziellen Partner in Erwägung ziehen. Fakt ist jedoch: Viele überschätzen ihre Fähigkeit. Lesen Sie hier, wie Sie falsche Urteile vermeiden und Ihren Blick auf Ihr Gegenüber schärfen können.

„Ich habe eine super Menschenkenntnis!“ Wirklich?

„Ganz klar ein Blender, dieser Typ“, denkt Ulrike sofort, als sie Axel gegenübersteht. Das Statussymbol an seinem Handgelenk ist kaum zu übersehen, und dann steigt er beim ersten Date auch noch über seinen Job als Anwalt in einer renommierten Kanzlei ins Gespräch ein. Überdies sieht er aus wie einer, der jede haben kann. Als sein Blick im Café immer wieder rüber zu dieser Blondine huscht, hat Ulrike ihr Urteil längst gefällt. „Zu oberflächlich, das habe ich gleich erkannt“, wird sie ihrer Freundin von ihrem Date später erzählen. „Meine gute Menschenkenntnis bewahrt mich zum Glück davor, auf solche windigen Typen hereinzufallen.“ Doch nicht die Fähigkeit, den wahren Charakter auf den ersten Blick zu erkennen, ist hier am Werke. Vielmehr lässt sich Ulrike von stereotypen Vorstellungen leiten, die sie aus schlechten Erfahrungen mit „dieser Art Mann“ schon einmal machen musste.

Warum der erste Eindruck so trügerisch ist

Was Ulrike nicht weiß: Axels Rolex ist Vintage und ein Geschenk seines Vaters. Trotz seiner Optik ist er eher schüchtern. Gerade erst in den Job eingestiegen, kreist sein Denken um die Kanzlei. Ulrike hat ihm gefallen. Dass er so viel über den Job erzählte, liegt auch an seiner Unsicherheit, denn nach einer langen Beziehung ist Axel etwas aus der Übung in Sachen Flirten. Doch obwohl Ulrike falsch liegt, sieht sie ihre Menschenkenntnis durch dieses Date bestätigt. Woran liegt das?

Schon innerhalb der ersten 30 Sekunden fällt unser Unbewusstes ein Urteil über den unbekannten Menschen, der vor uns steht. Jeder fünfte Single von 2.000 Befragten gab im ElitePartner-Trendmonitor an, bereits nach wenigen Sekunden zu wissen, ob es funken kann. Wie bei Ulrike ist dieses Urteil jedoch nicht auf eine ausgeprägte Menschenkenntnis zurückzuführen, sondern auf den sogenannten Primäreffekt – einer Einschätzung auf Grundlage der ersten Informationen, die wir über einen Menschen aufnehmen. Sie lässt sich schwer modifizieren. Der Grund dafür: Widersprüchliche Eindrücke blenden wir unbewusst aus. Dass Axel kein Hallodri ist, sondern vor einiger Zeit eine achtjährige Beziehung beendet hat, lässt Ulrike in ihrem Urteil unter den Tisch fallen. Sie nimmt nur die Informationen wahr, die zu dem Bild passen, die sie sich in den ersten Momenten von Axel gemacht hat.

Zudem neigt sie wie viele andere Menschen auch dazu, nur den unmittelbaren Eindruck zu bewerten, ohne die Umstände einzubeziehen. Dass Axel während des Dates immer mal wieder zu der Blondine geschielt hat, stimmt. Doch die Beobachtung hatte einen anderen Hintergrund als von Ulrike vermutet: Er hat in einiger Entfernung eine Kollegin ausgemacht, eine unangenehme Situation für ihn.

Die Gründe für falsche Urteile im Überblick:

  1. Bestimmte Erfahrungen führen zu stereotypen Vorstellungen, die den ersten Eindruck von einer Person maßgeblich beeinflussen.
  2. Der sogenannte Primäreffekt führt dazu, dass Informationen, die wir zuerst verarbeiten, kaum noch modifizieren; widersprüchliches Verhalten wird ausgeblendet.
  3. Wenn wir das Verhalten einer Person beobachten, beziehen wir die Umstände der Situation nicht mit ein, sondern führen dieses auf den Charakter zurück.

Persönlichkeitsintelligenz gibt Aufschluss über Menschenkenntnis

Die Wissenschaftler forschen noch, wie sich die Ausprägung von Menschenkenntnis messen lässt. Psychologe John Mayer legte jüngst seine Theorie der „Persönlichkeitsintelligenz“ vor, wie die Psychologie heute in ihrer Ausgabe vom Dezember 2015 berichtet. Sie besagt: Wer seine eigenen Persönlichkeitsmerkmale versteht, kann auch die der anderen gut analysieren. Menschen mit ausgeprägter Persönlichkeitsintelligenz verarbeiten alle Informationen, die sie über die eigene oder eine andere Persönlichkeit erhalten können, besonders effektiv. Dabei spielt nicht nur das Bauchgefühl eine Rolle, sondern auch eine „systematische Logik“. Derzeit entwickelt Mayer einen Test zur Persönlichkeitsintelligenz namens TOPI (Test of Personal Intelligence), der die Annahme zugrunde legt, dass sich die Persönlichkeit aus Emotionen, Gedanken, Motiven, Selbstkontrolle und sozialen Fähigkeiten zusammensetzt. Teilnehmer werden darin aufgefordert, Menschen mit bestimmten Eigenschaften tiefergehend zu charakterisieren oder Ziele vorauszusagen.

Über eine gute Menschenkenntnis verfügt, wer Persönlichkeitsmerkmale

  • an sich selbst treffend feststellt
  • von den Gesichtsausdrücken anderer ablesen kann
  • aus autobiographischen Erinnerungen des Gegenübers ableiten kann

Wie Sie Ihre Menschenkenntnis trainieren

Wie Sie nun wissen, stellen uns unbewusste Beurteilungsmechanismen kleine Fallen, wenn es um das korrekte Einschätzen anderer Menschen geht. Indem Sie sich diese bei einem Treffen mit einem noch unbekannten Menschen bewusst machen, lassen sich diese jedoch aushebeln. Und auch die Theorie der Persönlichkeitsintelligenz liefert Anhaltspunkte, welche Fähigkeiten für eine gute Menschenkenntnis wichtig sind.

  1. Üben Sie sich in Selbstreflexion. Sich selbst zu kennen, ist elementar, um auch andere richtig einschätzen zu können. Durch Selbstreflexion gewinnen Sie Klarheit über die eigenen Macken, Schwächen und Eigenarten, ebenso wie über Ihre Talente, Stärken und Fähigkeiten. Gleichzeitig schärfen Sie den Blick auf die Eigenschaften der anderen.
  2. Bewusstsein schafft Neutralität. Wenn Sie einen Menschen noch nicht kennen, sortiert Ihr Unbewusstes bei der ersten Begegnung unmittelbar drauflos. Versuchen Sie, stereotypen Vorstellungen keinen Raum zu geben und Ihrem Gegenüber bewusst unvoreingenommen entgegenzutreten. Bewerten Sie Verhaltensweisen nicht als Charaktereigenschaften, sondern beziehen Sie die Umstände mit ein. Und geben Sie sich selbst die Gelegenheit, bei einem zweiten Date Ihren ersten Eindruck zu überprüfen und zu modifizieren.
  3. Achten Sie auf Mimik und Körpersprache. Die Körpersprache und der Gesichtsausdruck sind authentischer als jedes Wort. Wer beispielsweise den Kopf nach rechts neigt, öffnet die Gefühlsseite und Raum für Kontakt. Ein nach links geneigter Kopf signalisiert, dass die Ratio die Überhand hat. Hände und Arme auf dem Tisch stehen ebenfalls für Kontaktbereitschaft, befinden sie sich unter dem Tisch, möchte das Gegenüber sich nicht öffnen oder gar seine Motive verbergen. Weit geöffnete Augen wirken offen und interessiert, ein streng geschlossener Mund hingegen verschlossen.

Fazit

Matchingsysteme können bei der Online-Partnersuche zwar passende Partnervorschläge herausfiltern. Doch ob Ihr Gegenüber ernsthafte Absichten hat und mit Charakterstärke sowie Authentizität überzeugt, können Sie nur selbst herausfinden – und dafür lohnt es sich, die eigene Menschenkenntnis zu schulen.

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