Ein Paar liegt im Bett, aber der Sex fällt aus

Unlust in Beziehungen: Sex-Verzicht wegen Stress, Selbstzweifeln und fehlender Initiative

von Beatrice Bartsch , 15. März 2021

Die Hormone spielen nicht mehr verrückt – und plötzlich fällt immer öfter der Sex aus. Warum genau Paare auf Sex verzichten, zeigt die bevölkerungsrepräsentative ElitePartner-Studie 2021, in der über 3.800 Liierte gefragt wurden, welche konkreten Gründe sie davon abhalten, mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin zu schlafen. Neben Stress und Müdigkeit ist auch mangelnde Initiative ein großes Problem. Gerade Frauen verzichten aber auch häufiger auf Intimitäten, weil sie sich nicht attraktiv fühlen – eine völlig unbegründete Sorge, wie die Daten zeigen.

Deadlines statt Dirty Talk: Müdigkeit, Stress und Sorgen sind die größten Lustkiller

Sex wird nicht grundlos Bettsport genannt – denn er kostet Energie. Kein Wunder, dass jede zweite Frau (46 Prozent) und jeder dritte Mann (31 Prozent) häufiger nicht in Stimmung kommen, weil sie zu müde sind. Und selbst wenn die Energie da ist, muss auch der Kopf frei sein: Gerade Frauen verzichten öfter auf Sex, weil ihre Gedanken um andere Dinge kreisen. 44 Prozent der Frauen berichten, dass ihnen regelmäßig der Stress in Job oder Alltag zusetzt (Männer: 33 Prozent) und bei jeder dritten Frau verursachen persönliche, familiäre oder berufliche Sorgen öfter eine Sexflaute (Frauen: 31 Prozent, Männer: 20 Prozent).

Bei jedem dritten Paar kommt es nicht zum Sex, weil keiner die Initiative ergreift

Oft gibt es aber gar keine konkrete Ursache für den Sex-Verzicht. In jeder dritten Beziehung gäbe es eigentlich keinen Grund, den Sex ausfallen zu lassen – und doch kommt es einfach nicht dazu, weil schlicht keiner die Initiative ergreift. Hier sind sich Männer (33 Prozent) und Frauen (31 Prozent) erstaunlich einig, dass bei ihnen auch deshalb oft die Erotik ausbleibt, weil sich beide keine Mühe gegeben haben, den Anfang zu machen. Spannend ist, dass 30- bis 39-Jährige (38 Prozent) mehr mit fehlender Initiative zu kämpfen haben als jüngere Paare zwischen 18 und 29 Jahren (27 Prozent).

Viele Frauen fühlen sich nicht attraktiv genug– vor allem Jüngeren stehen Selbstzweifel im Weg

Auch gesellschaftliche Ideale wirken sich negativ auf das Sexleben von Paaren aus. Jede vierte Frau (24 Prozent) lässt es häufiger (!) nicht zum Sex kommen, weil sie sich nicht attraktiv genug dafür fühlt. Bei den unter 30-Jährigen ist es sogar jede Dritte (34 Prozent). Und das völlig unbegründet, denn nur acht Prozent der Männer geben an, dass sie öfter keine Lust auf ihre Partnerin haben, weil sie sie gerade nicht attraktiv finden. Männer selbst geben sich in dieser Hinsicht selbstbewusster, nur sieben Prozent verzichten, weil sie mit ihrem Aussehen hadern – wobei auch unter Männern die Jüngeren stärker von Zweifeln betroffen sind (Männer u30: 13 Prozent).

Netflix & Chill ohne Happy End: Nicht selten scheitert die Lust an Fernseher und Smartphone

Kuscheln ist nicht immer das Vorspiel: Jede dritte Frau genießt es, einfach nur in den Armen ihres Partners zu liegen – ohne, dass es zum Sex kommt (32 Prozent). Männer scheinen sich häufiger mehr zu erhoffen, sie geben jedenfalls seltener an, dass sie keinen Sex haben, weil sie wirklich nur kuscheln möchten (11 Prozent). Außerdem lassen sich Paare gerne fesseln – allerdings nicht voneinander, sondern von Serien und Smartphones. 14 Prozent der Liierten sind regelmäßig so eingenommen von spannenden Cliffhangern oder ihrem Nachrichtenfeed, dass es nicht zum Sex kommt.

Versöhnungssex ist nicht: 22 % der Frauen wollen keinen Sex, wenn sie sauer sind

Erst fliegen die Fetzen und dann die Kleider? Nicht unbedingt, denn für viele sind Wut und körperliche Nähe nicht miteinander vereinbar. Jede fünfte Frau (22 Prozent) und jeder siebte Mann (15 Prozent) verzichten auf Sex, wenn sie sauer auf ihre Partner:innen sind. Ein weiteres Sex-Klischee, die sprichwörtlichen Kopfschmerzen, gibt es übrigens wirklich – auch wenn sie nur einen kleinen Teil der Beziehungen betreffen: Frauen (14 Prozent) lassen dabei doppelt so häufig wie Männer (7 Prozent) wegen Kopfschmerzen die Finger von ihrem Partner. In einigen Fällen ist aber auch Unzufriedenheit mit dem Sex der Grund: Neun Prozent der Männer und Frauen verzichten häufiger auf Intimitäten, weil sie davon ausgehen, dass sie sowieso nicht auf ihre Kosten kommen.

Das verflixte siebte Jahr: In langjährigen Beziehungen gerät das Sexleben (vorerst) ins Stocken

Am Anfang ist alles einfach: Frisch liierte Pärchen kennen weniger Gründe, auf Sex zu verzichten als Langzeitpaare. Wer unter einem Jahr zusammen ist, lässt nur deshalb häufiger den Sex ausfallen, um einfach mal zu kuscheln (27 Prozent). Schon zwischen einem und drei Beziehungsjahren tauchen dann immer mehr Gründe auf, die Sex verhindern – vor allem Müdigkeit (43 Prozent), Sorgen (32 Prozent), Wut auf den:die Partner:in (23 Prozent), das Hadern mit der eigenen Attraktivität (32 Prozent der Frauen) und Kopfschmerzen (14 Prozent) sind dann häufiger. Mit der Zeit scheinen sich auch Alltagsroutinen zunehmend auf das Liebesleben auszuwirken: Bei jedem fünften Paar, das drei bis fünf Jahre zusammen ist, sorgen Smartphone und TV für Distanz im Schlafzimmer (22 Prozent). Am meisten Unlust herrscht allerdings bei Paaren, die zwischen fünf und zehn Jahren liiert sind. Nur 13 Prozent der Frauen und 21 Prozent der Männer geben in dieser Phase an, gar keine Unlust zu kennen. Fast jede:r zweite Liierte hat in diesem Beziehungsabschnitt wegen Berufs- und Alltagsstress weniger Sex (46 Prozent) – vor allem bei Frauen wirkt sich Stress dann stark aus (54 Prozent). Glücklicherweise nimmt die Lust mit der Zeit aber wieder zu: Ab 20 Jahren Beziehungsdauer gibt schon wieder jedes vierte Paar an, keine Unlust zu kennen (24 Prozent) – ab 30 Jahren sogar jedes dritte (30 Prozent).

Immerhin: Hellhörige Wände, Schlabberklamotten oder grelles Licht halten die wenigsten ab

Insgesamt zeigen die Daten der ElitePartner-Studie deutlich: Wenn der Beziehungssex ausbleibt, sind meist Stressfaktoren oder emotionale Gründe verantwortlich. Nur sehr wenige Liierte geben an, dass ihnen die Lust häufiger wegen hellhörigen Räumen (8 Prozent), Jogginghose und Schlabberlook (6 Prozent) oder greller Beleuchtung und störendem Ambiente (6 Prozent) vergeht. Gar keinen Grund gibt es übrigens für Eifersucht: Gerade einmal drei Prozent der Liierten verzichten deshalb auf Intimitäten, weil sie eine andere Frau oder einen anderen Mann im Kopf haben.

Psychologin Lisa Fischbach von ElitePartner: „Paare verlassen sich darauf, dass die Lust einfach so aufkommt“

„Gerade längere Beziehungen sind von Lustlosigkeit betroffen“ weiß ElitePartner-Psychologin Lisa Fischbach. „Viele Paare verlassen sich darauf, dass Lust auch nach Jahren einfach so aufkommt. Doch Alltag und Gewohnheit überlagern häufig spontane Begierde und Erotik. Deshalb sollten sich beide Partner um ihre Sexualität kümmern. Lust entsteht durch körperliche Erregung, also Küssen und zärtliche Berührungen. Mein Credo deshalb: Sich Zeit nehmen, konkret verabreden und erst einmal anfangen – ohne Erwartungsdruck. Denn der ist besonders schädlich, wie die Daten zeigen: Den eigenen Erwartungen oder gesellschaftlichen Beauty-Druck ausgesetzt, verzichten Frauen häufiger auf Sex. Hier offen Bedürfnisse nach ‚nur Kuscheln‘ zu äußern, schafft Nähe anstatt Stillstand.“