Studie zur Liebe das Leid im Wandel der Zeit anhand von viktorianischer Literatur und Sex and the City. Die nüchterne Erkenntnis für unsere Lebenswelt: Die Liebe ist ein hart umkämpfter Markt – wir sind die Ware.

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Frau und Mann stehen sich durch Scheibe trennt gegenüber und Mann verschwimmt als Zeichen dafür dass Liebe weh tut

Warum Liebe weh tut – Soziologin Eva Illouz über den modernen Beziehungsmarkt

von: ElitePartner Redaktion , 9. Dezember 2011

Ein uraltes Phänomen erfährt eine moderne Deutung: Erfolgsautorin Eva Illouz analysiert in ihrer Studie zur Liebe das Leid im Wandel der Zeit anhand von viktorianischer Literatur und Sex and the City. Die nüchterne Erkenntnis für unsere Lebenswelt: Die Liebe ist ein hart umkämpfter Markt – wir sind die Ware.

Liebeskummer wird von den Betroffenen oft als das höchst individuelle Gefühl des Scheiterns empfunden. Stets suchen wir den Grund für diese schmerzvollen Erfahrungen bei uns selbst – und nach Möglichkeiten, mit Beziehungsratgebern und Single-Coaches unsere vermeintlichen Defizite zu kompensieren. Fast tröstend wirkt da die These von Soziologin Eva Illouz. Sie begreift das moderne Liebesleid als kollektives Phänomen, geprägt von gesellschaftlichen Verhältnissen, denen unser aller Handeln und Fühlen unterworfen ist. Ihr Buch Warum Liebe weh tut beschreibt den tiefgreifenden Wandel des Liebesmarktes und die Rationalisierung von Romantik. Dabei richten sich ihre Studie zur Liebe vorwiegend an Frauen, die auf einem umkämpften Markt ihre Sehnsucht nach Romantik sowie Ehe und Elternschaft mit ihren ökonomischen Faktoren vereinen möchten. Ein schwieriges Unterfangen, wie Illouz’ Bilanz der Liebe im dritten Jahrtausend zeigt.

Vom romantischen Liebeswerben zu moderner Rationalität

Es hat sich viel getan auf dem Liebesmarkt. Im 18. Jahrhundert waren die großen Gefühle noch gesellschaftlichen Zwängen unterworfen, erwuchsen aus ritualisiertem Balzgehabe, eingebettet in ein System, das auf sozialem Stand und familiären Verpflichtungen fußte. Formalitäten verwiesen im Falle der Zurückweisung auf den Standesdünkel statt auf das Selbst des Werbenden, ein wirksamer Schutzmechanismus. Die männlichen Ideale von Ritterlichkeit und Romantik sowie die weiblicher Sanftheit und Schwäche verklärten einander gegenseitig. Die Rhetorik von Leidenschaft, eingeschrieben in einen gesellschaftlichen Konsens der Romantik, hat die Jahrhunderte nicht überlebt. Sie ist einem neuen Verständnis von Liebe gewichen, die Verklärung und Irrationalität, aber auch willfährige Leidenschaft aus unserem modernen Liebeswerben schwinden ließ.

Konsummentalität und Wahlfreiheit erschweren die Partnersuche

Moral sowie Schönheit als körperliches wie geistiges Attribut wurden in der Moderne gegen neue Kriterien der Partnerwahl ausgetauscht. Die Sexualisierung und Konsumkultur ließ eine oberflächliche, zweidimensionale Form von Begehren gedeihen, die in sexuellem Leistungsdenken gipfelt. So stellen nach Illouz die Errungenschaften der Moderne wie die Individualisierung der Gesellschaft, die wachsende wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen und die Freiheit, nach Gutdünken das eigene Leben zu gestalten, die Menschen bei der Partnerwahl vor neue Probleme. „Eben weil wir zahlreiche Strategien entwickelt haben, um mit der Zerbrechlichkeit und Austauschbarkeit von Beziehungen umzugehen, rauben viele Aspekte der zeitgenössischen Kultur dem Selbst die Fähigkeit, sich auf die volle Erfahrung der Leidenschaft einzulassen und sie zu leben – sowie den Unsicherheiten und Zweifeln an die Beziehung zu widerstehen, mit denen der Prozess des Liebens und des sich Bindens einhergeht.“ Denn leidenschaftlich gelebte Gefühle machen verletzlich. Nur ist das Eingehen des Risikos, solche „Nebenwirkungen“  zu erleiden, nicht mehr besonders populär. Schließlich ist der nächste potenzielle Partner womöglich nur einen Klick entfernt.

Der moderne Marktplatz der Liebe

Eva Illouz betrachtet die moderne Liebe als Marktplatz, der durch Angebot und Nachfrage geregelt wird, und der durch die Online-Partnersuche quasi versinnbildlicht wird: „Das Internet hat sich zu einem Markt entwickelt, in dem man die mit Menschen verbundenen ‚Werte’ vergleichen und sich für das ‚beste’ Angebot entscheiden kann.  [..] Das Netz versetzt jeden, der auf der Suche ist, in einen offenen Markt, in dem er sich in einem offenen Wettbewerb mit anderen befindet.“
Beherrscht wird dieser laut Illouz von Männern, die auf diesem Markt der modernen Liebe geradezu als Kapitalisten auftreten. Sie können aus einem wesentlich größeren Pool an Liebeskandidatinnen schöpfen: Weder Altersgrenzen noch der soziale Status der Frauen schränken ihre Wahl ein. Sexyness ist die Währung, mit der gehandelt wird. Gleichzeitig streben viele Frauen immer noch das klassische Familienmodell mit einem gleich- oder höhergestellten Partner an, das der noch jungen Unverbindlichkeit des männlichen Patriarchats gegenübersteht. Männer genießen daher das Privileg, ihre Bindungswilligkeit restriktiv verteilen zu können.

Die Chance: Leidenschaftlich lieben!

Einen konkreten Lösungsansatz für ihre ernüchternden Erkenntnisse zu bieten, ist Eva Illouz’ Absicht nicht. Stattdessen plädiert sie in ihrer Studie für die kollektive Wiederbelebung der leidenschaftlichen Liebe, die der „Charakterbildung“ und zugleich als „Kompass“ diene, „um unser Leben zu leben“. Verbunden mit „Modelle[n] emotionaler Männlichkeit [,] die nicht auf sexuellem Kapital beruhen“ sieht sie hierin eine Chance, dem Dilemma zu entfliehen. Ein neues Ideal der Romantik muss also her, was einen erneuten gesellschaftlichen Wandel impliziert. Auf dass Liebe endlich wieder weh tut.

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