„Sexflaute in deutschen Schlafzimmern“

„Sexflaute in deutschen Schlafzimmern“

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Nie waren wir aufgeklärter in Sachen Sex als jetzt. Sex gehört zum Leben, Sex gehört zum Alltag. Und dennoch beklagen viele Paare, dass im eigenen Schlafzimmer nichts mehr los ist.

Autorin und Paartherapeutin Felicitas Heyne hat dieses Phänomen in ihrem neuen Ratgeber Fremdenverkehr – Warum wir so viel über Sex reden und trotzdem keinen mehr haben genauer unter die Lupe genommen. Im Interview erklärt sie, wo die versteckten Gefahren in der Partnerschaft lauern und wie man wieder mehr Schwung in sein Sexleben bekommt.

Nie waren wir aufgeklärter und offener in Sachen Sex als heute und trotzdem schreiben Sie von einer Sexflaute in deutschen Schlafzimmern. Wie passt das zusammen?

Das klingt tatsächlich erst mal widersprüchlich, ist es aber gar nicht. Sex ist als Thema in den letzten fünf Jahrzehnten zunehmend in sämtlichen Medien omnipräsent geworden: Egal, ob  auf der Bühne („Vagina-Monologe“), in der Literatur („Shades of Grey“) oder im Film: Ständig bekommen wir vermittelt, wie man Sex hat, wie man dabei aussieht und sogar, wie man sich dabei fühlen muss. Eine große Rolle dabei spielt natürlich auch die dauernde einfache Verfügbarkeit kostenlosen pornographischen Materials im Internet. All das suggeriert nicht nur eine Tabulosigkeit, die in Wirklichkeit gar nicht so existiert, sondern erzeugt auch eine ungeheure Druckkulisse für den Einzelnen: Da draußen haben alle andauernd ganz tollen Sex, nur bei mir klappt es nicht!

Scheinbar sind es die Frauen, die häufiger ein Problem mit dem Sex haben. Warum?

Zunächst mal weil ihre Sexualität komplizierter und störanfälliger ist als die von Männern. Die Natur hatte einfach keinen Grund, Frauen den Spaß am Sex so einfach zu machen wie den Männern. Eine Frau kann auch ohne jemals einen Orgasmus zu haben problemlos schwanger werden und Kinder bekommen – bei einem Mann ist ein Orgasmus dafür eine zwingende Voraussetzung. Also hat die Evolution seine schnelle und leichte Erregbarkeit und seine Orgasmusfähigkeit in der Entwicklung der Menschheit sehr viel mehr begünstigt als ihre.
Frauen sind auch vergleichsweise leicht ablenkbar während sie Sex haben, sie lassen sich schnell irritieren und abtörnen, wenn irgendwas nicht „stimmt“, sei es nun die Umgebung, die Atmosphäre oder auch irgendwas an ihrer eigenen Befindlichkeit. Und irgendwas „stimmt“ ja fast immer nicht!
Und last but not least kämpfen wir Frauen – Aufklärung hin, Emanzipation her – auch immer noch mit den Altlasten aus Jahrtausenden sexfeindlicher Erziehung und patriarchaler Gesellschaft, in der so etwas wie weibliche Lust schlicht keinen Platz hatte.

Sind Männer im Umkehrschluss nicht so anspruchsvoll, was Sex betrifft?

Sie haben es, wie schon gesagt, sowohl anatomisch wie auch soziologisch und psychologisch tatsächlich schlicht einfacher, ihren Spaß am Sex zu haben. Evolutionär betrachtet sind sie außerdem drauf „programmiert“, so häufig wie möglich Sex zu haben, weil ihnen das die maximale Fortpflanzungschance sichert. Für Frauen ist das nicht so – eine Frau kann im Laufe ihrer fruchtbaren Lebensjahre nur eine bestimmte maximale Anzahl Kinder zur Welt bringen, egal, wie oft sie Sex mit wie vielen Männern auch immer hat. Ein Mann kann theoretisch (mit genügend verfügbaren Partnerinnen) eine unendliche Anzahl an Kindern zeugen und das auch noch bis ins hohe Alter hinein. Salopp gesagt, könnte man deshalb schon sagen, dass für Männer die Quantität deshalb von Natur aus eine höhere Rolle spielt als die Qualität – wobei das im Einzelfall natürlich so nicht stimmt.
Männer machen aber meist auch nicht so ein Trara um die emotionale Qualität von Sex wie Frauen und sind deshalb wirklich nicht so anspruchsvoll. Ein früherer Klient von mir hat den Quickie am Morgen mal mit dem frisch gepressten Orangensaft zum Frühstück verglichen – keine große Sache, auch nicht lebenswichtig, aber man startet danach einfach besser in den Tag. Wenn Frauen das hören, kriegen sie immer einen Anfall.

Ist jedes Paar früher oder später davon betroffen?

In gewisser Weise schon, das liegt am sexuellen „Lebenszyklus“ von Beziehungen, dem wir alle unterworfen sind. Die Schmetterlinge im Bauch, also der hormonelle Ausnahmezustand, in dem auch die meisten Frauen viel Spaß am Sex haben und meist leicht zum Orgasmus kommen, sind von der Natur nur für die Anfangszeit einer Beziehung vorgesehen. Damit lockt uns die Evolution ja überhaupt zur Partnersuche und Fortpflanzung. Nach spätestens 36 Monaten hat sich der Körper aber an diesen Rauschzustand gewöhnt und schaltet wieder auf Normalzustand, und ab da beginnt die Schere zwischen der männlichen (einfachen) und der weiblichen (komplizierteren) Lust aufzugehen. Ab da beginnt dann deutlich zu werden, ob ein Paar diesen Unterschied überbrücken und trotzdem weiter eine lustvolle Beziehung pflegen kann, oder ob es in die leider so oft anzutreffende Abwärtsspirale in Sachen Sex rutscht.

Können wir eigentlich bereits bei der Partnerwahl Einfluss darauf nehmen, ob die Sexflaute uns trifft oder nicht?

Ein bisschen sicherlich. Die Forschung spricht sehr dafür, dass Partner, die sich in wichtigen Aspekten ihrer Persönlichkeit, ihrer Wert- und Lebensvorstellungen ähnlich sind, längere und glücklichere Beziehungen führen als Partner, die hier sehr unterschiedlich sind. Das stimmt auch beim Thema Sex. Wenn mein Partner und ich hier ähnliche Vorlieben, Vorstellungen und Prioritäten haben, dann ist das natürlich eine bessere Ausgangsbasis als wenn wir vor jedem Gang ins Schlafzimmer erst mal aushandeln müssen, wer heute seinen Kopf durchsetzt.

Sie sprechen von „Partnerwahl heißt Problemwahl“ – klingt irgendwie ernüchternd. Was genau meinen Sie damit?

Das ist ein Zitat von Daniel Wile, das, wie ich finde, die Dinge gut auf den Punkt bringt: Wir alle haben unsere guten und schlechten Seiten, unsere Vorzüge und Macken. Das ist bei uns selbst nicht anders als bei dem Menschen, den wir als Partner wählen. Das Geheimnis einer guten und dauernden Partnerschaft besteht darin, die Schattenseiten des gewählten Menschen um seiner Sonnenseiten willen zu akzeptieren. So, wie wir ja umgekehrt auch als ganzer Mensch geliebt werden möchten, nicht nur um unserer Vorzüge willen. Das bezieht sich natürlich nicht auf schwerwiegende Dinge wie einen Partner, der dauernd zu viel trinkt oder uns seelisch oder körperlich misshandelt. Aber die meisten Beziehungen scheitern gar nicht an so dramatischen Problemen, sondern eher an Kleinigkeiten – weil der andere so unordentlich ist oder weniger gesellig als man selbst oder vermeintlich so wenig romantisch. Da muss man sich dann einfach fragen, ob diese Sachen wirklich dermaßen wichtig sind für einen selbst oder ob man mit ein wenig Toleranz und Humor nicht darüber hinwegsehen kann.

Wie bekommen wir denn nun wieder mehr Schwung in unser Sexleben?

Wichtig ist, das Thema Sex und Macht zu entkoppeln. Also sich – gerade als Frau! – mal ehrlich zu fragen, ob man vielleicht bereits in eine Haltung gerutscht ist, die in etwa lautet: „Wenn du bist, wie ich dich haben will und dich verhältst, wie ich es von dir erwarte, dann gibt es Sex, und wenn nicht, dann kannst du kalt duschen gehen!“ Sex wird in vielen Beziehungen nach einiger Zeit leider als Druckmittel instrumentalisiert; das ist sehr zerstörerisch und aus diesem Kreislauf muss man schnellstmöglich aussteigen.
Zum anderen ist es wichtig, ein paar alte Mythen zum Thema Sex zu verabschieden, beispielsweise den, dass Sex nur Spaß macht, wenn er „spontan“ zustande kommt. Zu gutem Sex gehört immer und gerade in Langzeitbeziehungen eine ganze Menge Planung, und sei es nur, dass man regelmäßige Freiräume schafft, in denen man ausgeruht und ohne eine Störung befürchten zu müssen Zeit als Paar miteinander verbringt. Das ist im Alltag oft viel schwieriger als es klingt und ohne Terminkalender kaum zu realisieren!

Und welche Rolle spielt dabei die Romantik: Überbewertet oder unverzichtbar?

In meinen Augen ist sie wirklich oft überbewertet, gerade von Frauen. Unsere Vorstellung davon, was Romantik ist, ist sehr stark medial geprägt – von Hollywood, von Liebesromanen, von der Werbung. Rote Rosen und ein Candle Light-Dinner sind romantisch, basta. Das hinterfragen wir gar nicht mehr. Das finde ich eigentlich schade, denn Romantik hat viel mehr Facetten. Es ist in meinen Augen z. B. viel romantischer, wenn ein Mann seiner Frau einfach unaufgefordert die Winterreifen aufs Auto zieht, weil Schnee angekündigt ist, oder wenn er dran denkt, ihr beim Einkauf ihre Lieblingszeitschrift mitzubringen, auch wenn die nicht auf dem Einkaufszettel steht. Diese ganz kleinen Alltagsbeweise liebevoller Zuwendung, die einem sagen: Ich denk an dich, du bist mir wichtig, ich weiß, was dir eine Freude macht und will dir etwas Gutes tun.

Verraten Sie uns noch die drei wichtigsten Zutaten für eine glückliche Beziehung?

Das ist einfach: Ständige Kommunikation, eine gute Konfliktlösungskompetenz und  bedingungslose liebevolle Zuwendung – auch und gerade dann, wenn der Partner uns auf die Nerven geht!

Frau Heyne, wir danken Ihnen für das Interview.

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