Neurotiker: Frau trinkt Kaffee und schaut aus dem Fenster

Wie Neurotiker einer Partnerschaft zur Last fallen

von: ElitePartner Redaktion , 15. Februar 2018

So oft der Begriff Neurotiker auch als schnelle Erklärung für sich kompliziert und unerklärlich verhaltende Personen verwendet wird, so wenig wissen viele, was wirklich hinter der Bezeichnung steckt. Diplom-Psychologin Lisa Fischbach wirft deshalb einen Blick in die tieferen Schichten der menschlichen Psyche - auch, weil viele Partnerschaften von neurotischem Verhalten betroffen sind.

Was genau ist ein Neurotiker?

Ein Neurotiker ist eine Person, die unter Neurosen leidet. Neurosen ist dabei als ein Sammelbegriff für eine Vielzahl psychischer Störungen zu verstehen, der heute allerdings nicht mehr gebräuchlich ist. Die Störungen, die unter dem Begriff zusammengefasst werden, sind sehr unterschiedlich und werden daher gegenwärtig anders gruppiert. Darunter fallen u. a. Phobien (Angststörungen), Verstimmungszustände, zwanghaftes Verhalten und Hypochondrie (die übertriebene Angst, sich anzustecken oder krank zu sein). All diese Auffälligkeiten werden auch als neurotisches Verhalten bezeichnet.

Doch was ein Neurotiker ist, sollen nicht Inhalt dieses Artikels sein. Vielmehr soll auf die Begriffe der Neurose eingegangen werden, wie er im allgemeinen Sprachgebrauch verstanden und verwendet wird. Dort steht Neurose vielmehr für unverarbeitete, tiefgreifende Konflikte, die Auswirkungen auf körperlicher und psychischer Ebene haben. Außerdem soll beleuchtet werden, was es bedeuten kann, mit einem Neurotiker eine Beziehung zu führen.

Rund 20 Prozent aller Deutschen sind Neurotiker

Viele Menschen schleppen prägende Erfahrungen und belastende Verhaltensweisen aus ihrem bisherigen Leben mit, die ihre Partnerwahl negativ beeinflussen oder die Beziehung scheitern lassen können. Bei der Recherche zur Epidemiologie von neurotischem Verhalten, also der Verbreitung in der Bevölkerung, findet man unterschiedliche Zahlen. Denn nur ein Teil der Betroffenen wird derart auffällig, dass sie sich in medizinische oder therapeutische Hände begeben müssen. Der Rest lebt mehr oder minder erfolgreich mit seinen neurotischen Zügen. Trotz einer hohen Dunkelziffer kann davon ausgegangen werden, dass rund 20 Prozent der Deutschen in irgendeiner Form ein Neurotiker sind.

Im Klartext bedeutet das: Jeder Vierte hat mehr oder minder eine gewisse Belastung, die er mit sich und somit in die Beziehung hineinträgt. Bei den Ursachen, weshalb eine Person zum Neurotiker wurde, handelt es sich häufig um misslungene Verarbeitungs- und Lösungsversuche unbewusster Konflikte, die bis in die Kindheit zurückreichen können, jedoch nicht zwingend müssen, und die durch eine bestimmte auslösende Situation wieder aktiviert werden. Das ist vielfach der Fall, wenn ein Neurotiker eine Beziehung eingeht.

Paarkonflikte mit einem Neurotiker: diese Psychodynamiken stecken dahinter

Das Vertrackte: Nicht wenige Menschen mit neurotischem Verhalten suchen sich einen Partner, von dem sie glauben, dass sie mit ihm alte Erfahrungen bewältigen können und nicht einen, der wirklich zu ihnen passt. In einer Beziehung suchen Neurotiker oft, was sie in sich selbst nicht finden können. Das aber hat zur Folge, dass die Partnerschaft auf einem wackeligen Fundament aufgebaut ist. Der Schweizer Arzt und Paartherapeut Jürg Willi beschreibt in seinem so genannten Kollusionskonzept das unbewusste Zusammenspiel zwischen Partnerwahl und Partnerkonflikt.

Zwei Neurotiker in verschiedenen Rollen

Also, Herr Willi meint mit Kollusion das unbewusste neurotische Zusammenspiel eines Paares mit einem gleichartigen unbewältigten Grundkonflikt – kurz: zwei Neurotikern. Beide Partner haben den gleichen Grundkonflikt wie beispielsweise die Angst vor der Liebe und emotionaler Öffnung in einer Partnerschaft, vor großer Nähe und damit dem Risiko von Verletzungen und Enttäuschungen. Der Unterschied ist, dass beide Partner den Konflikt in unterschiedlichen Rollen austragen. Ein Partner übernimmt mehr die regressive, der andere die progressive Seite. So entsteht der Eindruck, dass der eine Partner geradezu das Gegenteil des anderen ist, es handelt sich aber tatsächlich lediglich um polarisierte Varianten der gleichen Thematik. Diese „Rollenverteilung“ bewirkt die Anziehung und Verklammerung der Partner. Jeder hofft, durch den Partner von seinem Grundkonflikt und dem dadurch entstehenden neurotischen Verhalten erlöst zu werden.

Neurotiker und ihre verdrehte Partnerwahl

Mit einer häufig vorkommenden Situation möchte ich das verdeutlichen: Ein Partner hat nach außen sehr starke Unabhängigkeitswünsche, fühlt aber innerlich gleichzeitig eine große Sehnsucht nach Nähe und Geborgenheit. Menschen mit diesem Verhalten suchen häufig unbewusst einen Partner, der genau diesen Näheteil übernimmt, der sich sehr verbindlich in der Beziehung zeigt, Gemeinsamkeiten schafft, für Nähe sorgt oder sogar anhänglich ist. Der andere Partner glaubt im Schaffen von ganz viel Nähe sich vor dem Verlassenwerden zu schützen. Das wird am Anfang einer Beziehung als bereichernd erlebt, denn beide haben das gefunden, was ihnen selbst fehlt. Nach einer Weile aber stellen sich Konflikte und gegenseitige Abwertungen ein – typisch für eine Partnerschaft mit einem Neurotiker. Im längeren Zusammenleben scheitert der Selbstheilungsversuch aufgrund der Wiederkehr des Verdrängten bei beiden Partnern, da nur durch die Beziehungskonstellation die eigenen neurotischen Konflikte nicht dauerhaft gelöst werden können.

Der Punkt an dem die Beziehung zu einem Neurotiker belastend wird

Jemand aus dem Bekannten- oder Freundeskreis würde kopfschüttelnd viel schneller feststellen, dass hier zwei Menschen zusammen sind, die sich nicht wirklich gut tun. Doch was einem aus der Distanz ins Auge fällt, kann man bei der eigenen Partnerschaft leicht übersehen, ist man selbst zu stark involviert oder eben Neurotiker. Ein genauerer Blick lohnt sich jedoch, um beizeiten Kurskorrekturen vorzunehmen. Eine „gesunde“ Partnerschaft wird von Psychologen durch das Vorhandensein einer klaren Außen- und Innengrenze definiert. Das heißt: Das Paar grenzt sich gegenüber anderen Personen ab, es fühlt sich als Paar, gestaltet sein Leben und seine Zeit gemeinsam in Monogamie. Das wird als Wir-Identität eines Paares bezeichnet.

Was ist ein Signal für Neurotiker? „Wir tun uns nicht gut“

Gleichzeitig führen die Partner – jeder für sich – aber auch ein individuelles Leben. Die Ich-Identität grenzt sich von der Paar-Identität ab. Hier geht es mehr um die eigenen Wünsche und Bedürfnisse nach Selbstverwirklichung unabhängig vom Partner. Einige Partnerschaften, an denen ein Neurotiker beteiligt ist, geben ihre Ich-Identität zugunsten der Wir-Identität zu stark auf. Sie verschmelzen förmlich und sind dann als Paar verstrickt. Andere stellen ihre egoistischen Bedürfnisse so sehr in den Vordergrund, dass sie als Paar auseinanderfallen, weil sie sich in verschiedenen Richtungen entwickeln ohne ausreichend Verbindung zum Partner. Hier eine Balance zwischen Ich und Wir zu finden, ist eine der elementarsten Aufgaben eines Paares für eine stabile Beziehung. Neurotikern fällt das jedoch besonders schwer.

Fazit: Beratung kann bei einem Neurotiker viel bewirken

Partnerschaft und Partnerwahl haben neben vielen anderen Kriterien auch viel mit unbewussten Motiven, inneren Konflikten zu tun. Wer in einer angehenden oder längeren Partnerschaft spürt, dass vormals ausgeglichene Verhältnisse von Nähe und Unabhängigkeit, Durchsetzung und Anpassung, Anerkennung und Zuwendung verändern und kippen, zunehmend als unangenehm erlebt, eigene Bedürfnisse auf der Strecke bleiben, sollte mehr Kraft aufbringen, hinzuschauen als darüber hinweg zu sehen. Das muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass man sich wie ein Neurotiker ist, kann es aber.

Meist gibt es einen Partner, bei dem sie stärker ausgeprägt sind. Starre Muster in Beziehungen mit Neurotikern zu durchbrechen ist nicht leicht. Gelernte Muster aus der Kindheit oder früheren Partnerschaften sind hartnäckig und nur schwer zu verändern. Jedoch kann ein Neurotiker durch viel Selbstreflexion und Austausch mit dem Partner alte Konflikte erkennen und bewältigen. Wer jedoch das Gefühl hat, immer wieder in die selbe Beziehungsfalle zu tappen oder sogar daran zu scheitern, sollte eine Paartherapie oder eine Einzeltherapie in Anspruch nehmen. Beides hilft, die eigenen Konflikte anders als über den oben beschriebenen „Selbstheilungsversuch“ zu lösen.

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