Nähe-Distanz-Problem: Mann und Frau umarmen sich

Nähe und Distanz – so lösen Paare diesen Grundkonflikt der Liebe

von: ElitePartner Redaktion , 2. August 2016

Das richtige Maß an Nähe und Distanz zu finden ist ein Kernkonflikt der Liebe. Hier müssen Paare Beziehungsarbeit leisten, denn selten sind die Bedürfnisse von Beginn an deckungsgleich. Die Coaching-Übungen von Diplom-Psychologin Lisa Fischbach helfen, unbewusste Dynamiken aufzudecken und eine erfüllende Balance zwischen Nähe und Unabhängigkeit zu entwickeln. Das lohnt sich – denn damit legen Paare einen wesentlichen Grundstein für Ihr Liebesglück.

Am Anfang steht das Wir im Vordergrund

In der ersten Beziehungsphase geht es erst einmal nur um das Wir: Frisch verliebt möchten wir jede freie Minute miteinander verbringen und am liebsten zu einer Einheit verschmelzen. Die Vorstellung, vom anderen länger als einen Tag getrennt zu sein, ist schier unerträglich. „Wenn wir uns verlieben, wird der Partner zum sozialen und emotionalen Mittelpunkt unseres Lebens“, bestätigt Diplom-Psychologin Lisa Fischbach. „Die Hormone sorgen für einen Tunnelblick und eine emotionale Fixierung auf den anderen.“ Und auch wenn es in dieser Zeit unvorstellbar scheint, dass die intensiven Gefühle jemals nachlassen, ist es irgendwann bei jedem Paar soweit und der hormonelle Hochstand ebbt langsam ab. Die Dauer der Verliebtheitsphase ist individuell, meist jedoch verspüren wir nach ein paar Monaten plötzlich wieder Lust, Freunde allein zu treffen, mal wieder Yoga zu machen oder einem anderen in letzter Zeit vernachlässigten Hobby nachzugehen. Wir putzen die Gläser der rosa Brille und unterziehen den neuen Partner einem hormonfreien, realistischen Blick. Wenn er diesem standhält und eine positive Perspektive auf eine gemeinsame Zukunft bleibt, beginnt die eigentliche Beziehungsarbeit – und damit das Austarieren des Nähe-Bedürfnisses beider Partner. Häufig treten hierbei Konflikte auf, denn selten sind die Bedürfnisse völlig deckungsgleich. Leiden ist vorprogrammiert, wenn sich der eine zurückgewiesen und der unabhängigere Partner eingeengt fühlt. Da Nähewunsch und Unabhängigkeitsstreben elementare Grundbedürfnisse sind, ist ihre Erfüllung wesentlich für die Beziehungszufriedenheit.

Die prägenden frühen Jahre

Wie wir in Sachen Nähe ticken, entscheidet sich in frühester Kindheit. In den ersten Lebensjahren legen die Beziehungen zu engen Bezugspersonen den Grundstein für unsere Bindungsfähigkeit. Meist reichen diese unbewussten Erfahrungen bis in die ersten Monate zurück und hinterlassen kaum veränderbare, tiefe Spuren. Wenn wir uns als Kind geborgen, aber nicht eingeengt fühlen und unsere Bestrebungen zur Eigenständigkeit positiv bestärkt wurden, können wir als Erwachsene dem Partner gegenüber Nähe und Freiraum zulassen. In diesem Fall haben wir gelernt, in Beziehungen zu vertrauen und dem anderen mit einem positiven Grundgefühl zu begegnen. In unser Selbstbild hat sich die Erfahrung integriert, dass eine Beziehung auch ohne krampfhaftes Klammern hält. Wenn wir dagegen als Kind eher schwierige Erfahrungen machen mussten – unter emotional kühlen Eltern litten, eine schmerzhafte Trennung von der Mutter oder gar Gewalt erlebten – entwickeln wir oft Angst vor emotionaler Abhängigkeit und Verletzung. So können wir später schwer Nähe zulassen und unsere Haltung in Beziehungen ist von Vorsicht, Skepsis und gar Misstrauen geprägt. Allerdings reagiert jeder Mensch auf solche Erfahrungen unterschiedlich: Während manche ein extremes Nähe-Bedürfnis entwickeln, blocken andere jegliche tiefergehende Nähe ab und ziehen bei mehr Verbindlichkeit die Reißleine.

Das Dilemma unserer Kindheit lösen

Meist suchen wir uns unbewusst einen Partner, der zu unserem eigenen Bindungsmuster passt – was aber nicht bedeutet, dass wir ein identisches Verlangen nach Nähe oder Distanz haben und sofort Harmonie herrscht. Im Gegenteil, häufig versuchen wir mit unserem Partner das Dilemma unserer Kindheit zu lösen, wie der Schweizer Psychologe Jürg Willi konstatiert. Wir suchen uns einen Partner, der das kann, was wir nicht entwickelt haben, beispielsweise vertrauensvoll Nähe zulassen. Durch ihn wollen wir selbst „heilen“. Dieser Prozess erfordert meist ein großes Maß an persönlicher Entwicklung und den ehrlichen Blick in die verborgenen Ecken der eigenen Psyche. Diesen benötigen Sie auch für die folgenden Übungen von unserer Psychologin Lisa Fischbach. Ziel der Übungen ist es, die eigene Bedürfnisse in einer Beziehung und hinderliche Muster zu entdecken und um das richtige Maß an Nähe und Eigenständigkeit zu entwickeln.

Coaching-Übungen

Entdecken Sie hinderliche Glaubenssätze:

Jeder von uns hat bestimmte Überzeugungen verinnerlicht, die als automatisch ablaufende innere Monologe unser Denken und Verhalten beeinflussen. So behindern wir uns beispielsweise selbst, wenn wir mit Glaubenssätzen wie „Das schaffe ich eh nicht“ oder „Ich bin dafür nicht klug genug“ auf eine Herausforderung reagieren. Um sich Ihre Überzeugungen in Bezug auf Beziehungen bewusst zu machen, gehen Sie auf eine innere Entdeckungsreise und hören Sie genau in sich hinein. Manchmal gelingt dies besser im intensiven Austausch mit dem Partner oder einer engen Freundin. Vielleicht bemerken Sie, dass für Sie eine Beziehung nur dann erfüllt ist, wenn Sie alles mit Ihrem Partner teilen. Oder Sie stellen fest, dass Sie insgeheim in jeder Beziehung eine Enttäuschung erwarten und sich deshalb lieber gar nicht erst voll einlassen. Forschen Sie dann weiter, wie diese Überzeugungen entstanden sind und welche Erfahrungen sie genährt haben.

Nehmen Sie Ihre Konflikte unter die Lupe:

Betrachten Sie in Ruhe und mit zeitlichem Abstand größere Konflikte in Ihren Beziehungen. Gab es wiederkehrende Themen? Was haben Sie einander vorgeworfen? Welches Verhalten Ihres Partners haben Sie als problematisch erlebt, was hat Ihr Partner an Ihnen kritisiert? Oft steckt hinter einem Konflikt etwas ganz Anderes, als das nach Außen ersichtliche, denn wir neigen dazu, unsere wahren Gefühle in anderen zu verkleiden: Eine starke Verletzung verstecken wir vielleicht hinter Aggressivität oder emotionalem Rückzug. Unser Partner reagiert auf das, was wir nach außen zeigen, ohne zu ahnen, welches Gefühl sich dahinter verbirgt. Fragen Sie sich also, was Ihre eigentliche Angst hinter den Konflikten ist: Wofür kämpfen Sie? Was wünschen Sie sich eigentlich, wenn Sie zynisch, wütend oder vorwurfsvoll sind – fehlt Ihnen Aufmerksamkeit, haben Sie Angst, Ihr Partner könnte Sie verlassen? Notieren Sie Ihre Erkenntnisse.

Durchbrechen Sie das Bekannte:

Wie beschrieben, gehen Wissenschaftler davon aus, dass wir uns einen Partner suchen, mit dem wir versuchen, unsere frühen Kindheitskonflikte zu lösen. Haben wir beispielsweise eher verschlossene, emotional abwesende Eltern erlebt, suchen wir uns vielleicht einen selbstbewussten, unabhängigen Partner – und reagieren dann mit kindlicher Eifersucht oder Klammern auf sein Verhalten. Klingt absurd, aber wir neigen dazu, negative Beziehungsmuster unreflektiert zu wiederholen. Diese Muster sind bekannt und wirken unbewusst sicher. Um sich aus dieser Schleife zu befreien, müssen Sie das Bekannte durchbrechen. Das gelingt nur, wenn Sie sich bewusst anders verhalten als früher. Haben Sie beispielsweise Angst, Ihr Partner würde Sie verlassen, wenn Sie ihm zu viel Freiraum gestatten, agieren Sie bewusst einmal anders: Entwickeln Sie Ihre Fähigkeit, sich allein wohl zu fühlen. Zunächst mit kleinen Schritten, indem Sie Dinge allein oder mit Freunden unternehmen. Gelingt das mehr und mehr, buchen Sie einen Kurztrip oder sogar eine Reise ohne Ihren Partner. So sammeln Sie neue positive Erfahrungen und können langsam Ihr Muster verändern.

Erkennen Sie Ihre Paardynamik:

Zeichnen Sie sich und Ihren Partner als Kreise auf Papier. Jeder Kreis steht für Ihr Bedürfnis nach Selbstentfaltung, Unabhängigkeit und Freiraum. Ihr Bedürfnis nach Gemeinsamkeit und Nähe drücken Sie mit der Schnittmenge beider Kreise aus. Die Größe der Schnittmenge zeigt Ihr Bedürfnis nach Nähe. Stellen Sie nicht den gefühlten Ist-Zustand dar, sondern den für Sie idealen Soll-Zustand. Erst das bringt die Erkenntnis über die Ursache möglicher Konflikte oder in welche Richtung sich die Beziehung entwickeln könnte. Das Gleiche sollte Ihr Partner für sich durchführen, ohne dass Sie sich dabei beobachten. Sprechen Sie anschließend über Ihre jeweiligen Wünsche und finden Sie einen Weg, wie Sie sich gegenseitig Sicherheit vermitteln und Freiheit lassen. Wichtig ist, dass Sie einander Ihre subjektiven Gefühle belassen und sie nicht wegdiskutieren.

Alles bleibt in Bewegung – wie die Stachelschweine

Schon Philosoph Artur Schopenhauer beschäftigte sich mit Nähe, Unabhängigkeit und Distanz und brachte das Dilemma in seiner Fabel der Stachelschweine auf den Punkt: „Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich an einem kalten Wintertag nahe zusammen, um einander durch gegenseitige Wärme vor dem Erfrieren zu schützen. Bald jedoch empfanden sie die gegenseitigen Stacheln und entfernten sich wieder voneinander. Wenn dann das Bedürfnis nach Erwärmung sie wieder näher zusammenbrachte, wiederholte sich das zweite Übel, so dass sie zwischen beiden Leiden hin- und hergeworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten.“ Das Gleichnis verdeutlicht den dynamischen Prozess, den es braucht, um die richtige Balance in diesem Bereich zu finden. Einmal gefunden, ist sie nicht in Stein gemeißelt: Bedürfnisse verändern sich mit unseren Lebenserfahrungen und aktuellen Umständen. Entscheidend ist, dass sich ein Paar immer wieder verständigt und seine Wünsche neu austariert – nur so bleibt die Beziehung spannend und bewegt.

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