Interview: „Die Macht von Liebesliedern“

von: Annette Riestenpatt, 7. April 2011

Ob Klassik, Jazz. Pop oder Rock – Liebe ist das große Thema in der Musik. Obwohl beide Geschlechter auf Lovesongs stehen, sind Frauen der Musik, über Liebe und Liebesleid, eher zugeneigt – egal, ob sie gerade Liebeskummer haben oder nicht.

Interview: „Die Macht von Liebesliedern“

Wie wir mit traurigen Liebesliedern die eigene Laune managen können, erklärt der Musikpsychologe Andreas C. Lehmann von der Hochschule für Musik, Würzburg.

Herr Lehmann, Liebe ist überall in der Musik zu finden. Warum?

In der Menschheitsgeschichte ist Musik vermutlich das älteste Ausdrucksmittel für Gefühle in einer Gemeinschaft. Zusammen musizieren und singen setzt Hormone frei, die uns glücklicher, weniger aggressiv und bindungswilliger machen.
Das gilt auch für das Musikhören. In gewisser Weise könnte man Charles Darwins These heranziehen, dass der Mann die Frau mittels Musik umworben hat, wie es aus der Vogelwelt bekannt ist. Das Ohr ist für den Gefühlsausdruck des Mitmenschen empfänglicher als das Auge und deshalb besonders gut geeignet für emotionale Mitteilungen.

Und wie genau wirken Lovesongs?

Forscher haben kürzlich festgestellt, dass junge Frauen nach dem Hören romantischer Lieder eher bereit waren, ihre Telefonnummer an einen jungen Mann zu geben als wenn sie zuvor Lieder mit neutralen Texten gehört hatten. Es handelt sich um priming, eine Art vorbereitender Anregung des Gehirns.
Vielleicht versetzen uns romantische Lieder auch nur in eine bessere Laune, weil Liebe und Zuneigung positiv besetzt sind und wir deshalb anschließend ansprechbarer sind für alles Mögliche. Auf jeden Fall wird durch gemeinsames Musikhören die Aufmerksamkeit fokussiert und wir können auch zwischen den Zeilen etwas kommunizieren.
Lovesongs wirken wie andere Musik auch: Schnelle Musik ist tendenziell anregend, langsame entspannend. Musik sollte gefallen oder zumindest im Toleranzbereich des eigenen Musikgeschmacks liegen, sonst können wir keine positiven Gefühlsregungen erwarten.

Und warum berühren uns traurige Liebeslieder besonders?

Darüber rätselt die Forschung auch. Schließlich möchte man sich ja gut fühlen und das Gefühl möglichst lang erhalten, das nennt man positive Valenz. Musik erfüllt eine Stellvertreterfunktion, d.h. ich darf ganz gefahrlos meinen Schmerz ausleben.
Darüber hinaus kann ich einen sozialen Vergleich anstellen, völlig unabhängig davon, ob ich unglücklich verliebt bin oder nicht. Ich kann sagen: „Schau, wie gut es mir geht!“ oder „So schlecht geht es mir nicht.“
Drittens kann ich mich mit dem Sänger in einer Gemeinschaft erleben und bin mit meinem Problem nicht mehr allein, wenn es anderen offensichtlich ähnlich geht. All das tut gut und verbessert die Laune. Mit trauriger Musik kann man also seine eigene Laune managen.

Kitschige Schnulze oder romantische Liebesballade – Wie erkenne ich den Unterschied?

Meist geht es nicht darum, mit der Liebesmusik analytisch umzugehen. Sie soll uns gefallen, irgendwie wirken oder zumindest nicht stören. Ob Musikkritiker sie als anspruchsvoll bezeichnen würden, ist doch egal.

Das kann jedoch hilfreich sein, wenn man den Hörer einschätzen möchte. Wenn mir jemand eine CD mit Liebesliedern schenkt, sagt die Musik auch etwas über dessen Lebensstil, Sachverstand und Persönlichkeit aus.
Deshalb wird in Internetforen, in denen sich Leute kennenlernen anfangs viel über Musik gesprochen. Hier werden Gemeinsamkeiten und mögliches Expertenwissen in einer Musiksparte abgeklopft, denn in der Tat sind die Konsequenzen, einen Jazz-Fan oder einen Country-Fan näher kennenzulernen, durchaus unterschiedlich.

Und Ihr persönliches Lieblings-Liebeslied?

Ich mag viele Arten von Musik. Spontan fällt mir die Popschnulze Love me tender von Elvis Presley ein. Aber ich mag auch den Liederzyklus Dichterliebe von Robert Schumann, den der Komponist 1840 im Jahr seiner Heirat mit der Pianistin Clara Schumann vertonte.
Der Renaissance-Komponist John Dowland hat auch wunderschöne Liebeslieder geschrieben, die sich mit Lautenbegleitung so rein und leicht anhören. Und nicht zu vergessen die großen Gefühle der italienischen Oper von Verdi und Puccini.

Sehr geehrter Herr Lehmann, wir danken Ihnen für das Interview!



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