Diskussionsrunde über die Folgen von Online-Dating

von: Anna Kuchenbecker

Wie verändert Online-Dating die Liebe und die Gesellschaft und wie sieht der moderne Partnermarkt aus, was hat sich in den letzten 50 Jahren verändert? Bei ElitePartner diskutierten darüber Prof. Dr. Kirsten von Sydow, Prof. Dr. Burghard Andresen, Prof. Dr. Thomas Klein, Diplom-Psychologin Lisa Fischbach und ElitePartner-Geschäftsführer Dr. Jost Schwaner.

Heute sind in der Liebe nahezu alle Freiheiten erlaubt. Wir können uns immer wieder lossagen und neu entscheiden; müssen uns kaum an gesellschaftliche Konventionen halten. Eigentlich ist alles erlaubt. Gleichzeitig scheint die Partnersuche heute – gerade über das Internet – ein Stück weit gezielter und rationaler abzulaufen.

Prof. Dr. Burghard Andresen: Ich würde nicht die Hypothese aufstellen, dass die rationalisierbaren und objektivierbaren Kriterien heute überwiegen. Meine Hypothese wäre, dass einfach die Gewichtung all derjenigen Faktoren, die für die Partnerwahl wichtig sind, anders ist als in der Vergangenheit. Klar ist aber auch, dass die nicht rationalen und intuitiven Faktoren weiterhin wichtig bleiben.

Prof.Dr. Thomas Klein: Klar, es ist eine gezieltere Partnersuche, man weiß von den anderen, dass sie ebenfalls jemanden suchen, anders als im Alltag, aber was die Gewichtung betrifft, sind es naturgemäß eher die Faktoren, die auf diesem Wege vermittelbar sind. Z.B. Bildung und Alter. Der Selektionsprozess hat sich umgeschichtet. Das, was das Wesentliche und Irrationale am Kennenlernen ist, mit der physischen Nähe verbunden ist, wird nach hinten verlagert. Vorher haben bereits erhebliche Selektionsprozesse stattgefunden, teilweise von Seiten der Nutzer, die sich noch an bestimmten, relativ groben Kriterien orientieren, aber auch an individuellen Ausgaben, die der einzelne Kunde als Kennzeichnung im Profil angibt. Aber es treten eben auch neue Selektionsgeschichten ein, für die der Nutzer gar nichts kann. In den höherrangigen Partnervermittlungen wird Matching eingesetzt. Das ist etwas völlig Neues. Dieses beansprucht eine Förderung der Passung, später dann eine Förderung des partnerschaftlichen Glücks oder partnerschaftlicher Stabilität. Das ist eine gewagte Hypothese, aber sie ist gängig.

Ersparen wir uns viele Liebespannen, weil wir heute den bestpassenden Partner vorgeschlagen bekommen anstatt nur auf die Biochemie abzufahren?

Prof. Dr. Burghard Andresen: Im Anspruch bei manchen Dating-Anbietern ja, in der Realität gibt es dazu keine ausreichende Forschung. Zudem ist der Datingmarkt im Internet sehr heterogen: Nicht alle Portale machen überhaupt ein solches Matching, da stehen ganz andere Dinge im Vordergrund. Da kann man für spezielle sexuelle Vorlieben etwas finden, das pure Abenteuer, den Seitensprung usw. Ich habe aber gesehen, mit welch großen Aufwand Sie bei ElitePartner die Mitgliederprüfung vornehmen, um die „Casual dater“ oder Flirter herauszuhalten.

Bevor wir uns zu sehr im Online-Dating verlieren, möchte ich den Blick auf den Beziehungsmarkt allgemein richten. Früher lernte man sich beim Tanztee kennen und blieb oft mit dem ersten Freund zusammen. Heute haben wir – um es mit Ulrich Clement zu sagen – einen höheren Beziehungsumsatz pro Kopf. Frau von Sydow, worin liegt die Ursache für diese Beziehungsfluktuation?

Prof. Dr. Kirsten von Sydow: Dass die Scheidungsraten steigen, ist eine langfristige Entwicklung. Seit der Nachkriegszeit fallen die sozialen und religiösen Bindungen, durch weibliche Berufstätigkeit herrscht zwischen den Partnern eine größere ökonomische Unabhängigkeit. Diese Faktoren erleichtern Trennungen. Das ist bei einer kreuzunglücklichen Ehe auch ein Glück. Allerdings bringen die ganzen Trennungen auch Kosten mit sich, für Trennungskinder ist die Situation manchmal sehr belastend, genauso wie für die Erwachsenen. Aber eine unglückliche Beziehung ist definitiv ungesund für alle, auch für die Kinder.
Eine Studie zeigt, dass es protektiv ist, verheiratet zu sein, besonders für Männer. Für sie ist es das Optimale, in erster Ehe verheiratet zu bleiben. Für Frauen ist eine stabile Ehe auch am optimalsten, allerdings haben auch weibliche ältere Singles eine relativ hohe Lebenserwartung. Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass sie kochen können und ein besseres soziales Netz haben als Männer, engere Kontakte zu Kindern und Enkeln, mehr Freundschaften. Eine höhere Singlekompetenz. Zwar wünschen sich die meisten Frauen eine Partnerschaft, aber sie können auch ohne klarkommen. Männer sind dafür bisher weniger gut ausgestattet. Gleichzeitig ist es so, dass Männer ab dem mittleren Lebensalter bessere Chancen haben, noch mal eine Partnerin zu finden. Sie ziehen auch jüngere Partnerinnen in Betracht, haben eine größere Auswahl. Aber vielleicht ändert sich das noch mal, mit den neuen Lebensformen.

Frau Fischbach, Sie sagen, dass Liebe heute mehr denn je strapaziert wird. Wie ist das gemeint?

Lisa Fischbach: Partnerschaft soll heute sehr viele Ansprüche auf hohem Niveau erfüllen. Und das auf Dauer. Wichtigster Beziehungskit ist heutzutage die emotionale Grundlage einer Beziehung, Geborgenheit, Vertrauen, Intimität, das Gefühl zu lieben und geliebt zu werden. Man kann also sagen, dass Beziehungen häufig auf ihren emotionalen Kern gehäutet sind. Das macht sie sehr filigran. Wir meinen aber, dafür nichts tun zu müssen außer dem richtigen Liebesobjekt zu begegnen. Darin zeigt sich der Einschlag der Konsumgesellschaft – sie hat uns zu einer gewissen Passivität erzogen. Auch Beziehung wird heutzutage konsumiert. Unsere Frustrationstoleranz in der Liebe sinkt zunehmend, deshalb wird dem Wunsch nach hoher Beziehungsqualität der Wunsch nach Dauerhaftigkeit geopfert. Deshalb habe ich mich in meinen Buch „Treue ist auch keine Lösung“  viel mit der Schwäche der proklamierten und geforderten Treue beschäftigt, die eben nicht im Sinne des Wortstammes fest, zuverlässig, stark ist.

Frau von Sydow, Sie sprachen an, dass man sich auch deshalb eher trennt, weil Frauen wirtschaftlich unabhängiger sind. Das sieht man z.B. auch gerade an Ländern wie Indien und China, in denen die Singlezahl steigt. Trennen wir uns denn heute zu schnell?

Prof. Dr. Kirsten von Sydow: Vielleicht. Denn es gibt Partnerschaften, die mittelmäßig unglücklich sind, die sich manchmal auch wieder bessern können. Frust, auch sexuelle Enttäuschung, Unglück gehören zu einer langen Partnerschaft oder Ehe ein Stück weit dazu, dazu brauchen wir eine gewisse Frustrationstoleranz. Z.B. hat nach der Geburt eines Kindes keiner ein entfesseltes Sexualleben. Die Eltern sind erst einmal auch sehr mit dem Baby beschäftigt, so dass es oft gar kein Problem ist. Aber für manche ist es ein großes Problem. Wenn der Mann dann sofort ins Internet geht und Ausschau nach einer interessierten Frau hält, tut das der Ehe nicht gut.

Prof. Dr. Burghard Andresen: Hier setzt die Frage ein, ob Online-Dating ein Vehikel ist, solch auf der Kippe stehenden Beziehungen einen zu schnellen Ausweg zu bieten. Allerdings gibt es dazu keine belastbaren empirischen Verlaufsdaten. Wir können nicht sagen, ob sich mit der Verbreitung des Online-Dating die Scheidungshäufigkeit potenziert. Es sind komplexe Prozesse, bei denen man den Ursachenfaktor Online-Dating nur schwer isolieren kann.

Prof. Dr. Thomas Klein: Ich denke, Online-Dating ist nicht die Ursache, sondern Teil des Prozesses. Heute wählen wir unseren Partner immer weniger nach der Passung, sondern suchen schlicht den besten Partner. Ursache hierfür sind eine Reihe gesellschaftlicher Entwicklungen, z.B. die Individualisierung. Die Herauslösung aus traditionellen sozialen Kontexten und Bindungen definiert nicht mehr, welcher Partner zu mir passt, sondern ich handle individuell und wertrational. Die Massenmedien transportieren dieselben Wertvorstellungen und Ideale in alle Gesellschaftsgruppen hinein, alle halten denselben Partner für gut. Das ist Optimierung. Dieses Suchprinzip wirkt stabilen Beziehungen entgegen. Denn ein passender Partner ist nur begrenz optimierbar, man ist eher mit der Beziehung zufrieden. Aber den besten Partner wird man nie gefunden haben. Die Maximierung ist eben nie erreicht, während die Passung erreicht werden kann.

Wir suchen also nicht mehr standesgemäß wie bei Jane Austen, sondern heute möchte auch Lieschen Müller George Clooney haben.

Prof. Dr. Burghard Andresen: Mir fällt hierzu ein frauentypisches Problem beim Online-Dating ein: Erfolgreiche Frauen orientieren sich zu sehr nach oben und finden dort niemanden. Sie haben das falsche Beuteschema, es ist zwar im ökonomischen Sinne grundsätzlich nachvollziehbar im Hinblick auf die Versorgungssicherheit. Es ist aber selbst bei den Frauen wirksam, die wirtschaftliche Unterstützung gar nicht brauchen.
Dazu eine Abschweifung in den Bereich Liebesstile: Sie kennen ja die Liebesstile von John Alan Lee mit den sechs Archetypen. In meiner Liebesstil-Studie habe ich einen neuen Archetypus gefunden, der so markant und stark war, dass es mich verblüfft hat: Die „marktorientierte Beziehungspersönlichkeit“. Diese Menschen nehmen die Liebe als Markt wahr: Ich muss viel bieten und kann dafür das und das verlangen. Dabei zählt nicht die romantische Liebe, sondern äußere Kriterien wie der berufliche Erfolg oder das Aussehen. Das eine mehr für Frauen, das andere mehr für Männer.

Lisa Fischbach: Ich denke, gewisse Marktgesichtspunkte haben schon immer eine Rolle gespielt, z.B. bei arrangierten Ehen oder die Heirat als Frau in den 50er Jahren, um in eine höhere soziale Schicht zu gelangen. Das Bemerkenswerte ist, dass diese Partnerwahldynamik heutzutage nicht mehr so zwingend ist, dennoch vielfach die Wahl bestimmt. Zudem herrscht jetzt bei vielen eher die ständige Optimierungstendenz, der Gedanke, dass es vielleicht noch einen Besseren für mich gibt. Dies ist insofern problematisch, weil es eine permanente Unruhe und Verunsicherung mit sich bringt, die Bindung und Geborgenheit nicht gerade fördert.

Prof. Dr. Thomas Klein: Ich denke auch, dass die Marktkriterien stärker in den Vordergrund rücken und sich die Selektionsreihenfolge ändert. Kriterien der Marktgängigkeit lassen sich per Online-Dating besser vermitteln, da die persönliche Begegnung erst im zweiten Schritt kommt. Die Marktkriterien stehen am Anfang, die physiologischen zuletzt.
Online-Dating erhöht die Chance auf eine Partnerschaft gerade für solche Menschen mit wenig sozialen Kontakten. Was auch immer die Ursache dafür sein mag, vielleicht weil sie stark im Job eingebunden sind. In unserer Forschung zu Partnerschaften in Ost- und Westdeutschland, haben wir soziale Handlungskontexte analysiert. Im Durchschnitt hat man fünf stabile soziale Handlungskontexte, im Westen ein bisschen mehr als im Osten. Wer wenige Handlungskontexte und einen kleinen sozialen Horizont hat, für den ist Online-Dating ein Segen. Aber jemand mit wenigen marktgängigen Eigenschaften hat auch beim Online-Dating wenig Chancen.

Dr. Jost Schwaner: Das hat einen Grund, wenn Sie so ein Optimierer sind, dann sind Sie sozusagen zum Erfolg verdonnert. Das führt dazu, dass Sie sogar noch viel eher zu einer Online-Plattform gehen, weil das Korbrisiko hier deutlich geringer ist. Wenn Sie da unterwegs sind, sich präsentieren können, sind Sie zumindest sicher, dass all die anderen hier dasselbe wollen wie Sie auch. Wenn Sie eine derartige Roadshow mit sich selbst in einem Restaurant, im Sportklub, im Berufsleben machen, haben Sie ein viel, viel höheres Korbrisiko. Und wenn Sie so ein Optimierer sind, tun Sie sich das nicht an. Deswegen glaube ich, geht man dann um so eher auf so eine Plattform.

Prof. Dr. Thomas Klein: Einerseits haben Sie Recht, andererseits ist das eine Sache des Selektionsprozesses, der Korb folgt eben halt auf einer anderen Selektionsstufe, die dann nachgelagert ist.

Prof. Dr. Burghard Andresen: Da kann es dann aber viele Körbe hageln, wenn man vorher seinen Selektions-Filter sehr weit gestellt hat.

Lisa Fischbach: Also irgendwann, wenn es soweit kommt, muss man sich ja treffen, und das hat gewisse Risiken. Erst beim direkten Erleben, beim ersten Eindruck, dem Hören der Stimme und dem bewussten und unbewussten Wahrnehmen des Duftes entscheidet sich, ob Sympathie, Anziehung entsteht oder das Interesse verloren geht.

Prof. Dr. Burghard Andresen: Richtig. Und dann kommt das Archaische mit Macht, und zwar serienweise. Das wurde ja vorher ausgeblendet. Das heißt, man geht zunächst nach anderen Kriterien vor und steht dann bei dem ersten Kontakt vor vielfachen No-Gos.

Prof. Dr. Kirsten von Sydow: Das ist dann ein Problem: Ich habe viele Klientinnen, die keine Absage aussprechen können, die ein Date absitzen und nicht wissen, wie sie aus der Situation herauskommen. Das Gegenproblem ist es, selbst einen Korb zu bekommen. Das ist gerade für weniger selbstbewusste Menschen schwer. Wenn sich das häuft, kann das sehr kränkend sein.

Gehen aus Ihrer Sicht Männer und Frauen unterschiedlich mit Online-Dating um? Gibt es bestimmte Muster, dass Männer vielleicht eher in diese Shopping-Mentalität verfallen, wie es Dan Slater sagt?

Prof. Dr. Kirsten von Sydow: Das ist mein Verdacht. Aber ich weiß nicht, ob es wirklich so ist. Gerade sehr attraktive Frauen berichten in meiner Praxis, dass sie oft Männer treffen, die nur sexuell an ihnen interessiert sind. Solche wirklichen Extremfälle, in denen jemand hunderte Frauen datet, sind sicher auch bei Männern selten, aber generell sind es vielleicht eher Männer als Frauen.

Prof. Dr. Burghard Andresen: Das entspricht dem allgemeinen Kenntnisstand. Es gibt ja diese Forschung, bei denen Frauen auf der Straße einem wildfremden Mann Geschlechtsverkehr anbieten, wozu die Mehrheit der Männer ja sagt, während es bei umgekehrtem Vorgehen bei den Frauen nur ein Bruchteil ist.

Frau Fischbach, was können Sie aus Ihrer Praxis dazu berichten, können wir uns wegen der großen Auswahl schwerer festlegen?

Lisa Fischbach: Das kann passieren. Das Ex- und Hopp Prinzip der Gesellschaft macht vor Partnerschaften nicht halt. Wenn heutzutage ein Wecker nicht mehr funktioniert, wird er kaum mehr repariert, sondern es wird ein Ersatz gekauft. Das ist die Logik der kapitalistischen Marktwirtschaft, die auch unsere Haltung zur Liebe beeinflusst. Wir lieben unseren Partner in guten Zeiten, solange die Bilanz positiv ist. In schlechten Zeiten gucken wir besonders kritisch hin.

Aber trotzdem suchen ja auch Männer eine feste Beziehung.

Prof. Dr. Burghard Andresen: Schon. Aber es gibt eben diese beiden Grundmuster: Das Abenteuerlustige in die Breite streuen und das Bindungs- und Kinderorientierte. Diese Grundströmungen sind wohl in jedem mit unterschiedlicher Gewichtung vorhanden. Bei Männern ist es wohl unbestritten, dass sie doch mehr zum Abenteuerlustigen neigen. Und deshalb vielleicht auch die Klage vieler Frauen, dass Männer schnell zur Sache kommen wollen.

Prof. Dr. Kirsten von Sydow: Das hängt auch von der Lebensphase ab. Frauen, die sich ein Kind wünschen oder kleine Kinder haben, suchen eher einen bindungsorientierten Partner. Auch im hohen Alter sind beide Geschlechter meistens bindungsorientierter und weniger wild auf sexuelle Abenteuer. In Phasen des jungen Erwachsenenalters oder nach einer Scheidung sucht man vielleicht eher Freiheit und Abenteuer. Das gilt auch für Frauen, aber wahrscheinlich im Durchschnitt mehr und intensiver bei Männern.

Prof. Dr. Burghard Andresen: Die Forschung zeigt aber auch, dass sich bei Frauen die Präferenz mit dem Zyklus verändert. Während der fruchtbaren Tage wird ein maskuliner, eher abenteuerlustiger, verwegener Typ gesucht, angeblich mit den besseren Genen, so erklären das die Evolutionspsychologen. Also ist diese Ambivalenz zwischen Bindung und Abenteuer in uns allen – auch den Frauen – in irgendeiner komplexen Form als Balance angelegt. Und die Datingangebote spalten sich auch in diese Richtungen auf.

Aber welcher Persönlichkeitstypus ist denn dafür, das haben Sie ja gesagt, dass man schon eine bestimmte Prägung mitbringen muss, um in diese Partner-Shopping-Mentalität zu verfallen?

Prof. Dr. Burghard Andresen: Ich unterscheide ja zwischen der allgemeinen Persönlichkeit und der Beziehungspersönlichkeit. Meiner Forschung nach haben wir in unserer Beziehungspersönlichkeit angelegte Präferenzen, z.B. die der abenteuerlustig-sexuellen Eroberung und die der partnerschaftlichen Bindung. Diese Beziehungsebene der Persönlichkeit kann sich im Laufe unseres Lebens und mit der Partnerschaftserfahrung verändern. Aber für mich ist diese Ebene viel relevanter für alles, was mit Partnerschaft zu tun hat, als die allgemeine Grundpersönlichkeit.

Prof. Dr. Kirsten von Sydow: Die Bindungstheorie geht davon aus, dass Menschen zwei fundamentale Grundbedürfnisse haben: Das nach Bindung und das nach Abenteuer bzw. Exploration. Je nach den Beziehungserfahrungen der frühen Kindheit entwickeln sich unterschiedliche Typen, die gelernt haben, auf unterschiedliche Weise mit ihren Bindungsbedürfnissen umzugehen. Als Optimum gilt der bindungssichere Typ, das heißt, man hat in der Kindheit relativ gute Erfahrungen gemacht, die Eltern waren meistens zugewandt und haben einem geholfen, wenn man in Not war. Und dann gibt es die in Bezug auf Bindung unsicher-vermeidenden Menschen, die haben gelernt, das Beste ist, ich zeige nicht, wenn ich emotional in Not bin, sondern schlucke eher meine Gefühle runter. Diese Menschen sind im Erwachsenenalter oft weniger bindungsorientiert. Sie gehen auch Beziehungen ein, aber zeigen nicht unbedingt, wenn es ihnen schlecht geht. Oft neigen sie auch dazu, leichter Affären einzugehen. Das sind oft Männer, können aber auch Frauen sein, die einfach weniger emotional erscheinen, eher das sexuelle Abenteuer suchen und eher „cool“ auftreten.

Das heißt, wenn wir jetzt von steigenden Scheidungen sprechen, und da natürlich auch von immer mehr Scheidungskindern, was macht das mit den Kindern, sind das dann per se solche, die eher bindungsunsicher geprägt werden?

Prof. Dr. Kirsten von Sydow: Das hängt davon ab, wie die Eltern mit der Scheidung umgehen. Es ist fatal, wenn die Eltern den (Ex-)Partner vor den Kindern schlecht machen, den Kontakt zum anderen Elternteil erschweren oder die Kinder in die Ehekonflikte hereinziehen. Und es ist wichtig, zu klären, dass die Kinder nicht an der Trennung schuld sind.

Man liest ja oft, dass wir zu Bindungsfreaks werden. Würden Sie das bestätigen? Vor allem Männern wir ja oft mangelnder Bindungswille vorgeworfen.

Prof. Dr. Kirsten von Sydow: Ich wüsste keine Studie, die das im historischen Vergleich mit repräsentativen Kohorten untersucht hat. Der Grundstock der Bindungssicherheit wird in der frühen Kindheit gelegt. Und da würde ich davon ausgehen, dass wir in den westlichen Ländern viel dafür tun, Bindungsstörungen zu reduzieren. Es wird zunehmend Gewalt gegen Kinder oder sexueller Missbrauch verhindert; Kinder werden in der Schule nicht mehr geschlagen, Eltern dürfen nicht mehr schlagen. Ob wir uns jetzt eher binden können, weiß ich nicht, aber es wird vermutlich nicht alles schlechter.
Es gibt auch nicht nur die sicheren und unsicheren Bindungstypen, sondern auch noch die Unsicher-Ängstlichen (die die ganze Zeit um die Beziehung besorgt sind) und die Desorganisierten. Letzteres ist das aus klinischer Sicht schwierigste Muster. Diese Menschen haben in der frühen Kindheit Schlimmes erlebt, körperliche Gewalt, sexuelle Übergriffe, depressive, unglückliche Eltern. Die Bezugspersonen haben ihnen Angst gemacht, so dass die Kinder uns später die Erwachsenen in einer chronischen Anspannung leben, die weder Bindung und Nähe erlaubt, noch Abwendung von der Bezugsperson. Diese Menschen können sich ganz schwer auf eine stabile Beziehung einlassen und sind in einer Beziehung chronisch angespannt. Ich denke, daran arbeitet die Gesellschaft, dieses Muster eher zu reduzieren und dass die ganz schweren Bindungsstörungen vielleicht eher abnehmen.

Prof. Dr. Burghard Andresen: Ich habe zehn Jahre in der Psychiatrie in einer Tagesklinik gearbeitet und bin dort oftmals Borderlinern begegnet. Das ist eine Persönlichkeitsstörung mit einer tiefgreifenden Bindungsproblematik. Diese hat es – zumindest vom Namen her – vor 40 Jahren noch kaum gegeben. Vielleicht in Anklängen, aber diese Gruppe von Persönlichkeitsstörungen ist inzwischen mit Abstand in der Klinik die häufigste.
Sie wird auch eine Persönlichkeitsstörung genannt, obwohl sie hochgradig flüchtig und wechselhaft ist in ihrer Affektivität, das heißt, sie hat etwas unheimlich Variables in ihren Ausdrucksformen. Insofern fällt es manchen schwer, dies als Persönlichkeitsstörung zu begreifen. Aber in diesen klinischen Manifestationen kann man schon sagen, dass sich doch irgendetwas tut, dass die Bindungsfähigkeit in störungsnahen Randbereichen der Gesellschaft doch abnimmt.  Aber das ist jetzt eine vorsichtige Vermutung. Und das kommt sicher nicht vom Online-Dating.

Prof. Dr. Kirsten von Sydow: Ich denke, die Zunahme liegt darin, dass Borderline heute mehr diagnostiziert wird. Früher wurde es nicht erkannt. Inzwischen sieht man es als komplexe Traumafolgestörung. Borderline-PatientInnen haben fast immer schwere Bindungstraumata wie Gewalt, sexuellen Missbrauch oder emotionalen Missbrauch erlebt. Und sie sind auch eine Gruppe, die oft auch sexuell ein Problem hat, „nein“ zu sagen.

Prof. Dr. Burghard Andresen: Dieses Trauma führt ursächlich meistens auf eine Bindungsstörung in der Familie zurück. Und ja, die Gesellschaft ist sich dieser Problematik stärker bewusst als früher und es sind Gegenmaßnahmen erkennbar, aber es könnte schon sein, dass da tatsächlich ein Problemberg anwächst. Jedenfalls würde ich es offen halten wollen, ob es verstärkte Trends zu Bindungsstörungen gibt.

All diesen Entwicklungen gegenüber steht eine hohe Partnerschaftszufriedenheit: 90 Prozent der Deutschen sind glücklich in ihrer Partnerschaft, jeder Zweite sogar sehr glücklich (Allensbach). Kann man daraus ableiten, dass Beziehungen heute kürzer sind, aber glücklicher?

Prof. Dr. Thomas Klein: Die Ansprüche an eine Partnerschaft sind gestiegen. Man bleibt nicht mehr um jeden Preis zusammen. Das ist auch eine positive Entwicklung. Insofern sind natürlich die Partnerschaften, die zusammen bleiben glücklicher. Das ist ein Selektionsprozess.

Was hält denn Paare heute glücklich zusammen, Frau von Sydow?

Prof. Dr. Kirsten von Sydow: Es gibt einen schönen Text von einem amerikanischen Wissenschaftler: You choose the partner, you choose the type of problems. Er beschreibt, wie ein Mann mit Frau A diese und jene Probleme hat. Sie trennen sich und danach ist er mit Frau B zusammen und hat mir ihr nicht diese, dafür aber andere Probleme. Irgendetwas ist immer. In der Phase der Verliebtheit fühlt man vielleicht, man hätte nun die verlorene Hälfte gefunden. Und es ist prognostisch wichtig, dass es eine Verliebtheit am Anfang gibt, das ist eine tolle Sache. Nur irgendwann wird die Verliebtheit weniger und die Realität bricht ein, und dann erweist sich erst, ob man beziehungsfähig ist, ob man es zusammen aushält, auch wenn es nicht perfekt ist.

Und wir steigen heute schneller aus, sind weniger bereit, zu investieren.

Prof. Dr. Kirsten von Sydow: So schnell steigen wir scheinbar doch nicht aus. Die neuesten Zahlen vom statistischen Bundesamt zeigen, dass die Ehe-Dauer wieder etwas gestiegen ist. Kinder sind ein großer Bindungsfaktor genauso wie gemeinsamer Besitz. Aber ich denke, auch die Bindung an den Partner ist ein großer Wert. Das gilt übrigens auch für Menschen, die Außenbeziehungen haben, die meisten trennen sich trotz Außenbeziehungen nicht.

Prof. Dr. Burghard Andresen: Prof. Dr. Burghard Andresen: Die Scheidungsraten gehen im Gesamttrend nach oben, bis auf einen kleinen Knick in den letzten Jahren. Die Zahl der Eheschließungen nimmt noch dramatischer ab, also insgesamt geht es mit der Institution Ehe zahlenmäßig bergab.

Prof. Dr. Kirsten von Sydow: Wobei, wenn Sie Jugendliche fragen, wie sie leben wollen, die meisten setzen schon auf Ehe und Familie.

Prof. Dr. Burghard Andresen: Das sind die subjektiven Daten. Aber die Fakten sprechen gegen den Bestand dieses Ehe-Modells. Jedenfalls längerfristig müssen wir mit einer noch reduzierteren Basis an Eheschließungen rechnen.

Prof. Dr. Kirsten von Sydow: Sicher, die Statistik spricht für steigende Scheidungszahlen und weniger Ehen, aber ich glaube, das Bindungsbedürfnis ist genauso in uns wie das Verlangen nach Abenteuer. Nur wird das Bindungsbedürfnis zunehmend anders gelebt. Die Lebensformen ändern sich, viele Paare heiraten nicht, wohnen nicht zusammen, es gibt alternative Wohnmodelle, WGs, altersgemischte Gemeinschaften. Freundschaften werden immer wichtiger, auch zum Teil wichtiger als familiäre Beziehungen.

Lisa Fischbach: Ich glaube auch nicht, dass der Wunsch nach Partnerschaft abgenommen hat. Aber ich merke als Paarberaterin, dass die Bereitschaft an der Partnerschaft festzuhalten, rückläufig ist. Der Wunsch nach einer lebenslange Liebe ist nach wie vor für die meisten das Nonplusultra. Nur wie sieht es wirklich aus? Bei Treue sagt auch jeder, dies sei das Wichtigste, aber wie viele halten sich dran? Wir haben doch in heutigen Zeiten schon genug Arbeit und Stress, da mögen sich zunehmend mehr die Frage stellen, warum also noch in der Liebe arbeiten? Beziehungsarbeit ist das Mittel, um eine Beziehung, die auf einem so flüchtigen Gefühl wie der Liebe fußt, lebendig zu halten, stabil zu machen. Doch viele hoffen die Liebesprobleme mit der Wahl des perfekten Partners zu lösen. Dabei braucht jedes Wesen Pflege, und gerade die Liebe braucht Beziehungspflege. Unsere Haltung hat sich deutlich verändert. Wir müssen den Wert von einer dauerhaften Partnerschaft mehr schätzen. Und bereit sein, in dieser Ego-Gesellschaft wieder mehr zu geben. Gerade in der Liebe.

Prof. Dr. Thomas Klein: Der Wunsch nach Partnerschaft hat nicht abgenommen, aber trotzdem sind Beziehungen instabiler geworden, weil die Bereitschaft abgenommen hat, in die Lösung von Problemen zu investieren. Das ist im Kontext des Maximierungsprinzips bei der Partnerwahl zu sehen, die den Partnerwechsel fördert. Wenn etwas mit dem Partner nicht passt, gibt es vielleicht einen besser Passenden. Zudem destabilisieren Alternativen die Beziehung. Allerdings spielt das erst eine Rolle, wenn etwas nicht gut läuft.

Prof. Dr. Burghard Andresen: Wobei es bereits reicht, wenn die Beziehung nur mittelmäßig läuft. Das ist immer die Frage, was ist der Auslöser. Was ist der graue Bereich, der schon als unbefriedigend erlebt wird und zu den leicht greifbaren Alternativen verführt?

Aber was macht denn der leichtere Zugang zu vielen Partnern mit uns? Es gibt psychologische Experimente, die zeigen, dass wenn man 30 Schokoladensorten hat und man wählt eine aus, dann ist man unzufriedener mit dieser Auswahl als wenn man aus fünf Sorten wählt.

Prof. Dr. Burghard Andresen: Das ist in Feldversuchen genauso bestätigt wie im Labor mit Experimenten am Computer. Ein klares Faktum: Zu viel Auswahl führt dazu, dass wir mit dem, was wir aus dieser Überflutung wählen, weniger zufrieden sind.

Prof. Dr. Thomas Klein: Weil wir auch weniger das Gefühl haben, das Beste gefunden zu haben.

Prof. Dr. Burghard Andresen: Richtig. Das kann man als Nebenwirkung dieser Überflutung sehen. Was das für den Partnerschaftsmarkt bedeutet, ist kaum erforscht. Aber das wird kommen.

Aber gibt es denn auch Vorteile von diesen ganzen wechselnden Beziehungen oder ist das alles nur nachteilig?

Lisa Fischbach: Ist es überhaupt nachteilig? In kreuzunglücklichen Partnerschaften ist eine Trennung befreiend, sie kann Belastung, Verletzung und Traumata vermeiden. Aber was verpassen wir, wenn wir eine mittelmäßige Partnerschaft verlassen anstatt zu kämpfen? Man weiß, dass langjährige Paare berichten, gemeinsam durch Dick und Dünn gegangen zu sein. Das ist ein ganz wichtiger Wert, sich auf den Partner in schwierigen Phasen verlassen zu können. Es entsteht eine Beziehungs- oder Persönlichkeitsreife durch die gemeinsame Konfliktbewältigung. Aber ist das wirklich so wertvoll oder hat die serielle Monogamie auch ihren eigenen Wert?

Prof. Dr. Burghard Andresen: Das kommt darauf an, wie man das Outcome definiert. Aus Sicht der etablierten Konventionen ist die Sache klar, aber wenn man das aus Sicht der Glücks- und Lebensqualitätsforschung betrachtet, kann man die Idee haben, dass z.B. Polyamorie als Lebensmodell zur Zufriedenheit führen kann. Vielleicht nicht für alle, aber doch für eine qualifizierte Minderheit. Warum nicht?

Prof. Dr. Thomas Klein: Wozu führt das? Also führt das vor allem zu besseren Beziehungen? Also ist die nächste Beziehung besser als die davor?

Prof. Dr. Burghard Andresen: Wobei auch zu klären wäre, was eine bessere Beziehung ausmacht.

Prof. Dr. Thomas Klein: Wenn man die einfachen sozialstrukturellen Merkmale betrachtet, dann nimmt die Passung von Beziehung zu Beziehung und mit zunehmendem Alter ab. Der Altersabstand und der Bildungsunterschied zwischen den Partnern werden größer. Der Grund dafür liegt z.T. in den Kennenlerngelegenheiten. Man hält sich in sozial weniger homogen strukturierten Kontexten auf. Lernt man einen Partner in der Schule kennen, ist dieser automatisch bildungs- und altersgleich. Ein anderer Punkt ist, dass Partnermärkte enger werden, z.B. auch weil Partnerungleichgewichte stärker werden: Man hat nicht genauso so viele Männer wie Frauen in einer bestimmten Altersgruppe. Dieses Ungleichgewicht erscheint zwar nicht sehr groß, aber wenn sich mal ein Großteil gegenseitig gefunden hat, ist das Ungleichgewicht unter den Verbleibenden mitunter deutlich angewachsen. Haben sich beispielsweise von 110 Männern und 100 Frauen 100 Paare gefunden, beträgt das Ungleichgewicht unter den ‚Übriggebliebenen’ schon 20 zu 10! Insofern wird im Zuge des Lebens die Partnerwahl enger. Und damit wird die Kompromissbereitschaft gefordert.

Lisa Fischbach: Ich denke, da ist noch ein besonderer Gesichtspunkt in Bezug auf die Geschlechterfrage. Frauen haben eine höhere Lebenserwartung, deswegen gibt es mehr ältere Frauen, und zusätzlich ist in den meisten Partnerschaften der Mann ein bisschen älter. Das heißt, ein viel größerer Anteil von älteren Männern ist gebunden. Für ältere Frauen wird der Partnermarkt immer enger, noch zusätzlich durch den Hang von Männern zu jüngeren Frauen. Es ist ein gigantischer Unterschied zwischen den Partnerchancen einer 30-jährigen oder einer 70-jährigen.

Prof. Dr. Thomas Klein: Also dieser geschlechterspezifischen Betrachtung würde ich völlig widersprechen. Das ist kein Drang der Männer zu jüngeren Partnern, den gibt es wahrscheinlich auch, aber der ausschlaggebende Punkt ist, dass jüngere Frauen einfach zu einem größeren Anteil ungebunden sind. Das gilt für Frauen genauso, je älter die Frau, desto eher sind gleichaltrige Männer gebunden. Also je höher das Alter der Frau bei Beginn einer Partnerschaft, umso jünger ist der Mann.

Prof. Dr. Burghard Andresen: Diese Option wird von Frauen aber nur sehr geringfügig genutzt. Verglichen mit dem „Drang zu den Jüngeren“, der bei Männern faktisch stattfindet, ist bei Frauen eine umgekehrte faktische Alterspräferenz gegeben.
Ich hatte noch eine Idee, weil wir immer über die Homogamie gesprochen haben: Ich habe kürzlich einen Artikel darüber gelesen, und diese Homogamie soll dramatisch zugenommen haben. Also gilt: Gleich und gleich gesellt sich gern, vor allem auf dem Bildungssektor. Früher stammten 70% der Paare aus derselben Bildungsschicht, heute 90%. Es wirken nach wie vor Selektionsmechanismen in Richtung gleich zu gleich im Bereich der Schichtzugehörigkeit. Es sind aber andere Mechanismen, die dahinterstecken. Natürlich treten die alten vermittelnden lokalen Gemeinschaften zurück. Und natürlich wird die neue Homogamie durch das Online-Dating noch gefördert, da man einen breiten Zuzug hat, der nicht formal nach traditionellen Mustern gebunden ist. Dennoch muss diese Bildungs- und Sozialstatus-Homogenisierung noch über andere Mechanismen gespeist werden. Das muss ja irgendwo herkommen. Und das kommt nicht nur von ElitePartner. Aber was sind die Hintergründe dieser modernen, anhaltenden Homogenisierung der Schichten?

Gleich und gleich gesellt sich gern.

Prof. Dr. Burghard Andresen: Ja, vor allem auf dem Bildungssektor. Früher stammten 70% der Paare aus derselben Bildungsschicht, heute 90%. Es wirken nach wie vor Selektionsmechanismen in Richtung gleich zu gleich. Das sind aber andere Mechanismen, die dahinterstecken. Natürlich treten die alten vermittelnden lokalen Gemeinschaften zurück. Und natürlich wird das durch das Online-Dating noch gefördert, da man einen breiten Zuzug hat, der nicht formal nach traditionellen Mustern gebunden ist. Dennoch muss diese Bildungs- und Sozial-Homogenisierung ja über andere Mechanismen gespeist werden. Das muss ja irgendwo herkommen. Und das kommt nicht von ElitePartner. Aber was sind die Hintergründe dieser modernen, anhaltenden Homogenisierung der Schichten?

Prof. Dr. Thomas Klein: Zum einen sind die Bildungswege länger geworden, wir haben länger Gelegenheiten einen gleich gebildeten Partner kennenzulernen. Ganz wichtig sind zum anderen die Zahlenverhältnisse. In dieser Hinsicht hat die Bildungsexpansion eine ausgeglichenere Geschlechterrelation auch in oberen Bildungsgruppen ermöglicht, verbunden mit Karriereaussichten für Frauen. Insofern kann mehr Homogamie stattfinden. Es gibt aber allerdings auch einen anderen Aspekt dieser Entwicklung, zum Beispiel wenn zwei Bildungskategorien, sagen wir mal mit und ohne Abitur fast gleich groß sind in einer Gesellschaft, dann ist auch einfach die Chance der Durchmischung größer als wenn es zehn zu neunzig Prozent sind. Einfache Arithmetik.
Außerdem würde ich die empirischen Befunde zur sozialen Homogamie so gesichert nicht sehen, es gibt andere Studien und die Ergebnisse sind nicht so eindeutig.

Prof. Dr. Burghard Andresen: Ich habe sie ja auch nur zitiert, nicht bewertet. Ich glaube schon, dass globale Prozesse wie technologische Entwicklungen zu anderen Kommunikationsmöglichkeiten führen. Vor fünfzig Jahren hatte man kaum die Möglichkeit, seiner Veranlagung für ein breit gestreutes homogames Suchverhalten nachzugehen. Heute gehe ich mein Adressbuch durch und kann zu jedem Zeitpunkt an jedem Ort jeden anrufen und Kontakt aufnehmen, auch alte Kontakte aktivieren. Da gibt es viele Möglichkeiten einer technisierten Vernetzung, die ein Suchverhalten entsprechend fördert, so dass ich „Meinesgleichen“ finden kann.

Prof. Dr. Thomas Klein: Beim Online-Dating wird man ja über den Bildungsabschluss viel früher informiert als man das außen ist.

Prof. Dr. Burghard Andresen: Bildung wird auch zur Selektion abgefragt. Das heißt, auch bei ElitePartner darf ich verbindlich sagen, ich möchte einen Akademiker.

Dr. Jost Schwaner: Ich kann nicht beurteilen, ob sich das Anspruchsniveau innerhalb des Suchverhaltens in den Dekaden verändert hat. Ich glaube, dass sich beispielsweise durch das Thema Bildung und Frauen ein anderes Selbstbewusstsein im Suchverhalten niederschlägt und man heute sehr selbstbewusst sagt, ich suche meinesgleichen. Das hätte man vor 50 Jahren nicht getan. Dann kommt sicherlich hinzu, dass die soziale Vernetzung dazu führt, dass ich sie auch finden kann. Und ein dritter Punkt ist der Mobilitätsgedanke, es ist heute unproblematisch in Garmisch-Partenkirchen zu sitzen und meinesgleichen in Lübeck zu finden.

Prof. Dr. Burghard Andresen: Die Mobilität und Globalisierung tragen auch dazu bei. Das ist wahr.

Eine weitere Studie, die ich zitieren möchte, wurde an der Universität Zürich durchgeführt. Sie ergab, dass Online-Paare, wenn sie sich denn finden, schneller zusammenziehen, also einfach schneller Nägel mit Köpfen machen, die heiraten schneller, die ziehen zusammen und sind vor allem auch zufriedener in ihrer Partnerschaft. Was sagen Sie denn dazu?

Prof. Dr. Burghard Andresen: Ja, das ist eine schwierige Sache. Wir müssen bedenken, dass Online-Partnervermittlungen vor allem von Älteren genutzt werden. Diese Menschen haben oft schon mehrere Partnerschaften hinter sich. Sozusagen die zweite Welle der Partnersuche. Das muss man bei diesen Daten kontrollieren. Aber davon abgesehen beklagen einige Therapeuten, dass unter den modernen Bedingungen zu schnell zugeschlagen wird. Zu schnell Bindungen eingegangen werden. Es gibt wohl den Trend, zum Abschluss zu kommen. Vielleicht, weil man schon im fortgeschrittenen Alter ist.

Lisa Fischbach: Uns als ElitePartner interessiert es natürlich, ob es eine Überlegenheit gibt von Online-Paaren gegenüber Offline-Paaren. Man lernt sich online asynchron kennen, erfährt bereits im Profil etwas über Kinderwunsch und Zukunftspläne des anderen. Das sind sonst heikle Themen beim Kennenlernen. Das klärt viele elementare Fragen im Vorfeld. Viele haben schon ganz viel über den anderen erfahren vor dem ersten Date, was als positiv erlebt wird. Im Singlecoaching höre ich immer wieder, dass die Paare sich von Anfang an sehr vertraut waren, das Gefühl hatten, sich irgendwie bereits länger zu kennen. Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten stehen deutlich im Vordergrund. Die Paare  berichten dann, sie hätten sich ganz viel zu sagen, irgendwie sei da auf eine Art und Weise schon ganz viel Verbindlichkeit. Wenn in solchen Fällen noch die Biochemie zuschlägt, ist die Sache klar und die Übereinstimmung groß.

Dr. Jost Schwaner: Was mit Sicherheit auch hineinspielt, ist die Tatsache, dass sie gemeinsam von ElitePartner kommen. Man ist auf einer gemeinsamen Plattform, hat dadurch ein bisschen gemeinsame Historie. Beide sind an diesem Türsteher vorbei und das ist schon mal mehr Nähe als wenn man sich im Hauptbahnhof trifft.

Zurück zur Frage, ob Partnerschaften heute kürzer, aber glücklicher sind. Professor Finkel aus New York sagt ja, dass sich noch nicht beurteilen lässt, ob die kürzeren, glücklicheren Beziehungen gut oder schlecht für die Gesellschaft sind. Was ist denn der Vor- und Nachteil, ob man fünf serielle monogame treue glückliche stabile Partnerschaften in Folge hatte, oder eine lange, die durch Täler und Höhen ging?

Prof. Dr. Kirsten von Sydow: Bei fünf Partnerschaften ist klar, dass die nicht bis zum Schluss glücklich waren, sonst wäre es nicht zur Trennung gekommen. Das heißt, man hat viermal eine Trennungskrise erlebt. Das ist nicht so optimal. Ich weiß nicht, ob es so etwas wie einen Trainingseffekt gibt, man bei der vierten Trennung weniger leidet als bei der ersten. Es gibt bindungsvermeidende Menschen, die weniger Probleme mit Trennungen haben. Die haben sich einfach innerlich besser dagegen abgeschottet.

Prof. Gunther Schmidt, Sexualwissenschaftler von der Universität Hamburg sagt in seinem Buch: Postmoderne Beziehungswelten “Beziehungen werden kürzer, aber treuer.“ Ist das nicht ein positiver Ausblick?

Lisa Fischbach: Ja, das wirkt auf den ersten Blick so. Aber das liegt nur am Faktor Zeit. Die Life-time Prävalenz für Untreue (die Wahrscheinlichkeit, dass einer der Partner untreu wird) steigt mit der Beziehungsdauer. Nach Arnold Retzer ist jede zweite Ehe von Untreue betroffen. Teilweise ist Untreue sogar stabilisierend, solange man das Geheimnis für sich behält. Aber diese Treue ist kein positives Aushängeschild für mehr Qualität und Zufriedenheit in der Partnerschaft. Es könnte eher so gedeutet werden, dass die Trennungsbereitschaft gestiegen ist, wenn es schwierig wird und somit wird Untreue unwahrscheinlicher.
Was aber an dieser Entwicklung meiner Meinung nach sehr problematisch ist, ist, dass Paare weniger die Chance erfahren, gemeinsam tiefgreifende Probleme oder Lebensereignisse zu bewältigen und gestärkt aus der Krise hervor zugehen. Das ist für mich dann echte Treue, die innere starke, feste Bindung. Treue 2.0, wie ich in meinem Buch schreibe. Zudem geht mit dem schnelleren Ausstieg die Chance auf wichtige Persönlichkeitsentwicklung verloren und damit einen neuen Reifegrad zu erreichen. Die eigenen Coping-Strategien werden beim Scheitern an den immer wieder ähnlichen Problemen nicht erweitert.

Aber entwickeln wir unsere Persönlichkeit weniger weiter, weil wir Krisen umschiffen und lieber aussteigen?

Prof. Dr. Kirsten von Sydow: Das würde ich nicht sagen, ich denke, es gibt sehr viele Arten, sich weiterzuentwickeln. Auch Beziehungskrisen können zur Trennung führen, oder eben dazu, dass das Paar wieder zusammenfindet. Und sowohl Trennungen, als auch das Widerzusammenfinden von Paaren kann zur seelischen Weiterentwicklung führen oder auch zur Stagnation. Ich denke nur, mehrere Trennungen sind belastend für Erwachsene, zumindest dann wenn es mehr als ein Abenteuer war. Das ist auch eine Frage, ob man mit Kindern leben will und lebt, da sind Trennungen schwieriger, auch eine zusammengesetzte Familie ist wahrscheinlich meist die kompliziertere Lebensform. Es kann durchaus auch ganz gut werden, aber es verlangt den Beteiligten, vor allem von den Erwachsenen, mehr ab als eine traditionelle Familie, wo beide die biologischen Eltern sind.

Dr. Jost Schwaner: Noch mal die Frage, was unsere kürzeren Beziehungen heute eigentlich mit uns machen. Das ist für mich die spannendste Frage, die aber nie rein sachlich diskutiert wird. Unabhängig davon, ob Online-Dating Ursache oder Wirkung davon ist. Dazu gibt es weder Ideen noch klare Ergebnisse. Fakt ist, wir purzeln schneller in Partnerschaft und schneller wieder heraus. Wir haben den Anspruch, dass es die eine lebenslange Beziehung geben muss, das ist quasi in unserer DNA verankert. Und die Beziehungsfluktuation kollidiert mit diesem tief verankerten gesellschaftlichen, vielleicht sogar religiösen Anspruch, und deswegen kriegt es sofort die wertende Komponente. Das ist nicht richtig. Und da stelle ich nochmal die Frage, gibt es aus irgendwelchen Disziplinen Hinweise darauf, dass der Wechsel nicht zwingend schlecht sein muss?

Prof. Dr. Burghard Andresen: Aus der Evolutionsbiologie – auch aus dem Tierreich – gibt es Hinweise, dass das monogame Modell von den biologischen Grundlagen her nicht alleingültig ist. Vereinfacht gesagt: Eine vierjährige Beziehung hat im Wesentlichen ihr Ziel erfüllt, das Kind ist halbgroß, also jetzt etwas Neues. Die Polygamie ist eigentlich eher das Standardmodell als die Monogamie. Von daher, wenn man von der biologistischen Seite her kommt, kommt man auf ganz andere Ideen als die christliche Religion zur Treue. Das steht sich diametral eigentlich schon gegenüber. Die Frage ist, wie man das miteinander zu einem schönen Gesamtbild verbindet.

Lisa Fischbach: Der Kern ist der ewige Konflikt, mit dem Menschen leben müssen. Es hat alles seinen Preis. Stabil verheiratet zu sein hat seinen Preis genauso wie serielle Monogamie. Und natürlich auch seine Freuden, frisch verliebt sein ist eine tolle Sache. Wir müssen einfach mit dem Konflikt leben, dass man auch in einer stabilen Beziehung durchaus mal andere Gelüste und Sehnsüchte haben kann, und dass Singles, die in der freien Wildbahn ihre Abenteuer haben, sich nach stabilen Beziehungen sehnen.
Ich höre vielfach in meiner Praxis und bei der Beratung von Partnersuchenden, dass sie bei der Suche zunehmend auf bindungsunfähige oder –unwillige Personen treffen und darunter sehr leiden.

Dr. Jost Schwaner: Wobei Bindungsfähigkeit ein dehnbarer Begriff ist. Manche Menschen denken schon nach einer Woche an das gemeinsame Porzellan und kommen nicht damit klar, wenn der Partner nicht mitzieht, bezeichnen ihn vielleicht als bindungsunfähig.

Prof. Dr. Thomas Klein: Stimmt. Es ist ja in diesem Fall keine fachmännische Beurteilung, ob jemand bindungsfähig ist, sondern die des Gegenübers. Das kann ja die eigene Projektion sein, wenn was nicht passt, ist das in dem Fall die Bindungsunfähigkeit des anderen.

Vor allem die Gruppe der über 50-Jährigen sucht online, ist die am stärksten wachsende Zielgruppe. Früher war man mit 50 Jahren als Single weitgehend vom Beziehungsmarkt ausgeschlossen. Frau von Sydow, Sie haben ja schon vor 20 Jahren zum Thema Altersbindung oder Sexualität geforscht, was würden Sie denn sagen, ist die Generation 50+ der große Gewinner vom Online-Dating?

Prof. Dr. Kirsten von Sydow: Ich habe keine neue Studie dazu gemacht, deswegen kann ich es empirisch nicht sagen, aber natürlich weiß ich von vielen Geschichten, dass das eine gute Sache ist für viele Menschen gerade in diesem Alter. Wahrscheinlich ist es eine Chance für Menschen im mittleren Alter, aber die jetzt hochbetagten Geburtsjahrgänge sind wahrscheinlich nur zu einem kleineren Teil Computernutzer.

Lisa Fischbach: Die 50+ Singles sind die am stärksten wachsende Gruppe bei der Online-Partnersuche. Sie profitieren meiner Erkenntnis nach besonders. Was ich spannend finde, dass Ältere anders mit der Online-Partnersuche umgehen. Ich kann meine Beobachtungen auf ein paar Tausend Gespräche während meiner telefonischen Single-Coaching-Sprechstunde stützen. Die Gruppe sucht konzentrierter und überträgt die Kennenlernmechanismen aus dem Offline-Bereich ins Internet. Das heißt, da wird sehr klar gewählt, man weiß, was man will. Man hat Beziehungserfahrung gesammelt, weiß, was gut tut und was man eher vermeiden möchte. Viele vermeiden Parallel-Dating, gehen eher sukzessive vor, wollen sich nicht durch mehrere Kontakte verwirren lassen. Gerade ältere Frauen sind sehr anspruchsvoll, da ist nicht dieses „Hauptsache irgendjemanden finden“, weil das Thema Single-Kompetenz, was Sie auch sagten, ist da deutlich zu merken. Und das fand ich so ganz spannend, das ist auch die Zielgruppe, die am wenigsten gefährdet ist, in eine Shopping-Mentalität zu verfallen, weil die einfach in ihrem Umgang mit Bindungen und Partnerschaften sehr gefestigt sind.

Herr Klein, Sie sagten vorhin, dass die Passung im Alter abnimmt und Sie haben es begründet, weil Sie sagten, dass die Märkte oder die Möglichkeiten dort abnehmen. Dann würde das ja bedeuten, jetzt als Hypothese, die Passung wird besser, weil die Zugänge besser werden?

Prof. Dr. Thomas Klein: Bei offline gegründeten Partnerschaften steigt die Heterogamie-Quote mit dem Alter der Partner. Das erklärt sich daraus, dass die Sozialstruktur-Variablen, also die Begegnungsmöglichkeiten, heterogener werden. Und natürlich ist der Vorteil der Online-Partnersuche, dass man über die sozialen Begegnungsmöglichkeiten und den sozialen Handlungskontext hinaus, der soziale Horizont erweitert wird und Suchkriterien angewandt werden können, abseits eben der Biologie oder Biochemie, die erstmal die soziale Passung erhöhen, also in einer anderen Reihenfolge des Selektionsprozesses.

Die Generation 50plus zieht Vorteile aus diesem Phänomen, wie ist es denn mit den Frauen per se? Es ist ja beim Online-Dating ein Stück weit emanzipierter, wir regen ja auch dazu an, dass Frauen auf die Männer zugehen sollen, was im wahren Leben ja meistens nicht der Fall ist, da macht der Mann meistens den ersten Schritt. Ist das für die Frau auch eine neue Art des Wählens?

Prof. Dr. Kirsten von Sydow: Soziobiologen würden sagen, Frauen haben schon immer gewählt. Nicht im Sinne, dass sie Männer ansprechen, aber im Flirtverhalten. Sie senden Blicke und Männer müssen diese richtig verstehen und darauf eingehen. Das war schon immer so, insofern ist das Wählen durch das Internet nur expliziter geworden. Dass Frauen da eben klicken und auswählen.

Lisa Fischbach: Ich erlebe Frauen oft als vorsichtiger, kritisch und anspruchsvoll, aber mit starken Bindungs- und Beziehungsabsichten und wenig Experimentierfreudig. Sie haben oft klare Vorstellungen, was sie von einem Partner erwarten. Männer neigen beim Selbstmarketing dazu, etwas mehr auf den Putz zu hauen und scheinen mehr Lust am schnellen Daten und Parallel-Dating zu haben. Sie haben oft ein schnelleres Tempo beim Kennenlernen.
Bei Älteren, 55 plus erlebe ich oft verantwortungsvolles und ernsthaftes Umgeben mit dem Medium.  Wenig Verführungspotential beim Online-Dating, vor allem bei den Frauen. Sie übertragen eher ihre Art der Beziehungsanbahnung aus dem Offline 1 zu 1 in den Online-Bereich. Sukzessives Daten, behutsames Antasten. Die große Anzahl potentieller Partner verführt nicht, sondern überfordert eher. Frauen zeigen mehr soziale Kompetenz im Umgang mit anderen Mitgliedern, Wertschätzung, Absagen, Netikette.

Prof. Dr. Burghard Andresen: Ich habe auch im persönlichen Umfeld erfahren, dass vor allem ältere Frauen von Online-Dating profitieren. Nicht zuletzt, weil aus der soziodemografischen Schere heraus viele Frauen im reifem Alter allein sind. Mir erscheint es logisch, dass Frauen in der Regel die größten Profite vom Online-Dating haben.

Dr. Jost Schwaner: Heute geben die Leute auch aktiv zu, dass sie sich im Netz gefunden haben. Diese Branche ist um die Jahrtausendwende entstanden aus dem Rubrikengeschäft der Tageszeitungen. Nehmen Sie mal das Jahr 1998, gar nicht so lange her, wenn da jemand aus Ihrem Freundkreis gesagt hat, ich habe eine neue Partnerin über eine Kleinanzeigen gefunden, hat jeder die Nase gerümpft. Das hatte etwas Anrüchiges. Noch vor einigen Jahren hatte auch die Online-Branche damit zu kämpfen, keiner hat sich getraut zu sagen, dass er eine Mitgliedschaft bei Parship oder bei ElitePartner hat. Mittlerweile erzählen es die Leute abends auf einer Dinnerparty ganz von sich aus, ohne Hemmungen.

Was sind denn für Sie die größten Vorteile von Internet-Dating, vielleicht auch aus Sicht Ihrer Klienten?

Prof. Dr. Kirsten von Sydow: Menschen, die wenig Zeit haben, zum Beispiel abends wegzugehen oder auch eine Altersgruppe sind, wo nicht so viel Angebot ist wie für junge Erwachsene, also zum Beispiel alleinerziehende Mütter oder Leute, die sehr viel arbeiten, ist das definitiv ein Vorteil, die Möglichkeit zu haben relativ einfach Kontakt zu vielen Menschen finden zu können und zu gucken, wer da passt. Das finde ich einen ganz großen Vorteil.

Verlagert sich denn das Flirten und Kennenlernen immer mehr in die Virtualität?

Prof. Dr. Kirsten von Sydow: Wenn man in der U-Bahn oder im Bus fährt, fragt man sich, ob überhaupt noch geflirtet wird. Die ganze Zeit gucken alle auf ihr Smartphone gucken und sind gar nicht mehr richtig da.

Prof. Dr. Burghard Andresen: Ja, ich denke schon. Aber das heißt nicht, dass Menschen, die sich diesen Medien hingeben, Nerds ohne Sozialkompetenz sind, wie es oft heißt. Alle Studien, die ich gelesen habe, sagen, die starken Internet-User haben eine oft eine zweite Seite, sind überwiegend gesellig und kontaktfähig. Nicht selten ist die soziale Kompetenz sogar stärker ausgeprägt als bei weniger internet-affinen Menschen.

Lisa Fischbach: Ein Freund sagte letztens zu einer Singlefrau Anfang 40, wenn Du einen Partner willst, musst Du ins Netz gehen, da findet Kennenlernen heute statt. Draußen guckt keiner mehr. Er meinte nicht, dass im realen Leben alle verpartnert sind, sondern dass es keinen Sinn hat draußen zu flirten. Geflirtet wird online. Aber was bedeutet das, wenn man das mal weiterspinnt? Ich gebe selber Flirtseminare und bin eh schon der Meinung, dass Deutschland keine Flirthochburg ist.

Prof. Dr. Burghard Andresen: Das muss man aber in der gesamten Breite sehen. Wir sind sozusagen bildschirm-fixiert. Es gibt den Trend, dass wir zunehmend auf moderne audio-visuelle Medien fixiert sind, Fernsehen, Handy, Computer, Videospiele, alles was uns in eine digitale und virtuelle Welt hineinzieht. Das ist ein Gesamttrend, den kann man bedrohlich finden, aber zunächst einmal muss man ihn erkennen. Wir entwickeln eine Art Bildschirmmentalität.

Dr. Jost Schwaner: Aber selbst dann muss man die Frage stellen, ob das dann wiederum Auswirkungen auf die Art und Weise Beziehungen einzugehen hat, ob das Auswirkungen auf die Qualität dieses Prozesses und die Qualität der Beziehung hat.

Prof. Dr. Burghard Andresen: Klar. Und insofern muss man sagen, dass Internet-Dating die Gesellschaft erheblich verändert. Nur sehe ich darin nicht gleich eine Kulturkatastrophe.

Wenn Sie es gerade sagen, verändert die Beziehungslandschaft erheblich, was machen wir denn jetzt damit? Wie gehen wir denn jetzt mit dieser Entwicklung um, was kann man denn vielleicht Singles raten, die sich gerade auf diesem Beziehungsmarkt bewegen?

Prof. Dr. Burghard Andresen: Ich hätte das Bedürfnis, die Prozesse des Matchings beim Online-Dating zu optimieren. Dazu braucht man aber solide, gute Verlaufsstudien, das ist eine sehr anspruchsvolle Sache. Was machen wir zum Beispiel mit dem üblichen Persönlichkeitsmatching? Wir bräuchten Daten über Personen, die sich noch nicht kennengelernt haben, aber in Kürze irgendwie aufeinander stoßen werden, die müssten wir in einer Langzeitstudie erforschen. Und dann herauskriegen, welche meiner Matching-Operationen, die man auch noch variabel gestalten kann, später zu mehr Bindung, zu mehr positivem Outcome führen. Eine solche Forschung gibt es noch nicht. Es gibt die Forschung zur Frühpartnerschaft. Die Fragestellung war hier, wie zum Beispiel jungverheirate oder junggebundene Paare miteinander in einer standardisierten Gesprächssituation umgehen. Und dieses in dieser Situation, in der die Beziehung schon etabliert ist. Aus solchen Experimenten konnte man erfolgreiche Vorhersagen machen zum späteren Outcome. Nur das haben wir ja beim Online-Matching nicht. Wir haben wildfremde Personen, die sich noch nicht kennen, die in keiner Interaktion sind. Und für diese sozusagen abstrakt, von ihrer Persönlichkeit aus, von ihren Vorlieben, Präferenzen her eine Vorhersage zu machen, wer passt zu wem. Das ist eine nicht nur gewagte, sondern hochanspruchsvolle Sache, die von der Forschung bisher noch nicht richtig durchdrungen ist.

Also Ihre Empfehlung an ElitePartner oder auch eine andere Agentur würde dann lauten?

Prof. Dr. Burghard Andresen: Solche anspruchsvollen Studien zu machen oder zu fördern. Das sollte gar nicht an den Algorithmus einer bestimmten Agentur gebunden sein. Aber auf jeden Fall muss man mit noch nicht gebundenen Personen anfangen, die aber in Kürze Beziehungen haben werden. Diese Personen müssen in ihrer Persönlichkeit und ihren beziehungsbezogenen Präferenzen untersucht werden, bevor sie sich aufeinander eingespielt haben. Das ist forschungstechnisch sehr schwierig. Aber es muss unbedingt gemacht werden, damit man mehr Halt bei den Vorhersagen hat und auch das Produktversprechen zum erfolgreichen Matching, das ja die meisten Agenturen vor sich hertragen, bestmöglichst eingehalten werden kann.

Sie konzentrieren sich auf das Matching, wenn man jetzt aber von Gegebenheiten des Online-Kennenlernens ausgeht, was jetzt vielleicht auch bei LoveScout der Fall sein könnte, was wäre da Ihr Wunsch an die Agenturen, um der Shopping-Mentalität vorzubeugen?

Prof. Dr. Burghard Andresen: Zu allererst vielleicht nicht in diese Richtung zu werben. Das wird in manchen Marktsegmenten des Online-Dating teilweise im Exzess betrieben.

Frau von Sydow, Sie sagten anfangs, das wir jetzt häufiger in der Situation sind, einen Korb zu bekommen oder zu geben, weil wir eben mehr daten. Heute haben wir vielleicht zehn Dates im Jahr, früher waren es zwei. Wie kann man die Datingkompetenz stärken? In den USA gab es immer schon bestimmte Datingrituale, beim dritten Date passiert dann das, der Mann ruft an etc.

Prof. Dr. Kirsten von Sydow: Sie haben gesagt, dass jetzt gerade Frauen über 50 eher eine traditionelle Strategie verfolgen, zum Beispiel nur einen Mann daten. Und ich höre das auch häufiger von Klientinnen, dass die sich dann nicht trauen, noch einen anderen zu daten. Es gibt einfach unterschiedliche Regeln. Also das parallel wild querfeldein, wo dann manche sehr leiden, weil die haben sich vielleicht in einen Mann verliebt, und dann stellt sich heraus, der hat noch sieben andere Frauen parallel gedatet und das war für den ein Spiel.

Ist das so ein Männer-Frauen-Ding, dass Männer eher parallel daten?

Prof. Dr. Burghard Andresen: Es ist bestätigt, dass Männer insgesamt breiter streuen und initiativischer sind. Das heißt dann für sie auch, dass sie häufiger Absagen erteilen müssen, denn sie stoßen ja mehr Kontakte an. Und dann fahren viele Männer eher die kalte Vermeidungsstrategie. Eine sehr unpersönliche Form der Beendigung eines Kontaktes. Nicht mehr antworten oder sich einfach verdrücken.

Was könnte eine Empfehlung sein? Wenn es so ist im Moment, weil alle noch überfordert sind ob dieser Gegebenheiten, was kann da machen? Nachhilfeunterricht geben, auf Seminare schicken?

Prof. Dr. Kirsten von Sydow: Da müsste man mehr über die Motive der Männer wissen. Ob ihnen die Verletzung nicht bewusst ist, ob sie zuviel Angst haben, sich dem Schmerz des Gegenübers zu stellen.

Prof. Dr. Burghard Andresen: Eher das. Es ist eine schwierige Situation, jemandem zu sagen, du bist nicht mein Typ. Das ist eine menschlich schwierige Situation. Und da ist die allernächste Reaktion, das vermeide ich irgendwie.

Frau Fischbach, was raten Sie in Ihrer Praxis oder hier in der Beratung auch den Singles, um sich für das Dating zu stärken?

Lisa Fischbach: Erstmal Bewusstsein schaffen, dass hinter der Virtualität Personen stecken. Das wird gerne vergessen. Die Männer in meiner Praxis klagen selten über fehlende Resonanz oder Ignoranz. Das erleben eher Frauen. Die haben eine größere Korb-Kompetenz entwickelt, sie stellen sich eher hin und beenden die Sache, sagen woran es liegt. Vielleicht aus dem Wunsch, selber so behandelt zu werden. Bei Männern erlebe ich oft, dass sie sich in der Virtualität und Anonymität verstecken. Da appelliere ich natürlich an Wertschätzung. Dennoch stehe ich immer wieder vor dem Dilemma, dass ich das Gefühl habe, manche verfallen in so eine Shopping-Mentalität und mich frage, wie man die da herausholt.

Prof. Dr. Kirsten von Sydow: Die Frage ist, ob Sie rausgeholt werden wollen. Ich glaube, es gibt sehr unterschiedliche Gruppen. Wer diese Shopping-Mentalität hat, für den ist das ein idealer Spielort.

Dan Slater stellt es ja so dar, als wäre das so der Spaß an der Sache an sich. Als würde Online-Dating einfach so viel Spaß machen, bestimmten Typen jedenfalls, dass sie damit gar nicht aufhören wollen. Was ich jetzt aber mitbekommen habe, also als ich unter unseren Mitgliedern mal gefragt habe, wie die dazu stehen und zu klären, warum das so ist, dann haben die das eigentlich nicht bestätigen können. Die wünschen sich eigentlich, sich so schnell wie möglich abmelden zu können mit der richtigen Beziehung an ihrer Seite, die gar keine Lust haben auf diesen ewigen Prozess.

Prof. Dr. Burghard Andresen: Wir bewegen uns ja teilweise im Bereich der Verhaltenssüchte, die durch das Internet gefördert werden, Sexsucht, Pornosucht, Kaufsucht, Spielsucht u.a.. Das alles findet heute immer mehr im Internet statt. Und selbstverständlich wird sich in diesem Gefilde von Partnersuche auch so etwas wie Suchtverhalten manifestieren. Mich würde es nicht wundern, wenn niedergelassene Psychotherapeuten und Beratungsstellen zunehmend von Online-Partnersuch-Sucht sprechen. Oder auch von Sucht nach Sexabenteuern mittels Online-Dating.

Aber geht es da immer nur um Sex oder geht es da auch vielleicht um den Kick der Verliebtheit?

Lisa Fischbach: Ich erlebe Klienten, die entscheidungsunfähig werden. Die gar nicht das Ziel haben, mit vielen ins Bett zu gehen, sondern die das Gefühl haben, die stehen vor einem Dilemma, dass sie sagen, der ist nett, der ist auch nett, die habe ich jetzt getroffen, aber wer soll es jetzt werden?

Prof. Dr. Burghard Andresen: Das kann man dann eigentlich nicht unter Sucht fassen, aber es hat ähnliche Qualitäten, weil es immer wieder dazu führt, dass man die Seite aufruft oder nochmal durchguckt. Das hat eher zwanghafte Qualitäten. Da tummeln sich mögliche Störungsbilder, sicher nicht bei der breiten Masse, aber doch im Einzelnen, die auch Therapeuten direkt unmittelbar dann auch interessieren werden.

Prof. Dr. Kirsten von Sydow: Ein Störungsbild ist es ja nur, wenn es bei der Person selbst oder der Umwelt zu ernsthaften Leiden führt. Aber wenn man einfach Spaß hat, tut es das wahrscheinlich nicht. Natürlich kann man darüber aufklären, dass es so etwas gibt und wie man vielleicht so jemanden schnell erkennt. Und wenn man dann etwas anderes will, da schnell Abstand herstellt.

Einmal weg vom reinen Online-Dating, was würden Sie Ihren Kindern oder Klienten mit auf den Weg geben, als Empfehlung für den modernen Beziehungsmarkt?

Prof. Dr. Kirsten von Sydow: Dass sie ihren Weg finden und in dem inneren Widerspruch zwischen Bindung und Abenteuerlust ihre Balance finden. Es ist beides wichtig. Abenteuer können eine wunderbare Sache sein, die uns tolle Erfahrungen schenken, vielleicht verpasst man etwas, wenn man dies nie lebt. Aber ich würde es nicht als Dauerlebensform propagieren.
Es ist manchmal auch wichtig, aus einer Beziehung auszubrechen und etwas anderes zu machen. Es gibt ja von der Schweizer Paartherapeutin Rosemarie Welter-Enderlin den schönen Satz: Es gibt die Treue zu sich selbst und es gibt die Treue zum Partner. Zu gehen oder eine Außenbeziehung zu führen, das kann auch Ausdruck von Treue zu sich selbst sein. Und ein wichtiger Schritt, aber es ist immer auch eine schwere Krise für alle Beteiligten.

Jost, wo siehst Du Online-Dating im Jahr 2030?

Dr. Jost Schwaner: Ich würde Freunden, Verwandten, Kindern, Kunden dasselbe raten: Dass sie das System, was sich heute bietet, nutzen. Es ist schon ein paar Mal der Begriff Shopping-Mentalität gefallen, der hat etwas negativ Wertendes. Ich glaube, dass es einen Riesenvorteil hat, dass man die Chance hat, sich mehrere potentielle Partner anzusehen, schon vor dem Treffen einige Daten zu erfahren. Ja, es hat etwas von Markt, aber ich finde das ganz positiv. Es gibt doch nichts Schlimmeres – mal die Antithese – wenn ich denke, dass mein Gegenüber der letzte Mohikaner ist. Und ich muss jetzt zugreifen, weil ich keine Alternative habe.
Wenn man Auswahl hat, sollte man diese nutzen, auch in Richtung Paralleldating. Nicht nur eine Partneranfrage stellen, sondern 15. Und wenn Du drei Antworten erhältst und in der Situation bist, einen Korb geben zu müssen, dann ist das so. Ich glaube, wir müssen den Leuten lediglich vermitteln, dass es die Gefahr der Nichtantwort gibt und wie man damit umgeht.
Zur Frage, wie es 2030 aussieht: Es gibt noch mehr Menge, noch mehr Auswahl auf dem Partnermarkt. Zudem werden die Suchstrategien ausgefeilter, so dass ich die Menge an Partnern besser auswählen kann. Hinzu kommen neue Technologien, wobei die heute schon real sind: Augmented Reality, zum Beispiel. Es gibt bereits Technologien, wo ich mein Smartphone auf ein Gesicht halte und die Gesichtsfelderkennung über eine entsprechende Software sagt mir, das ist Kunde XYZ von der Plattform ABC. Und dann können Sie in 30 Sekunden jemanden, das Profil von jemandem einsehen, der eben noch anonym war. Das ist nicht Star Trek, das ist heute. Bisher ist das eine Technologie von Gay-Plattformen. Da sind die Annäherungsweisen ja teilweise signifikant anders als im Hetero-Bereich, einfach schneller.

Prof. Dr. Burghard Andresen: Die Mengensteigerung führt ja zu einer Verunsicherung bei der Auswahl und zu einer potentiellen Frustration. Das heißt, den Trend sehe ich auch so, jetzt bieten Sie vielleicht jedem Kunden 200 Partnervorschläge, es werden sicher immer mehr. Und viele sind inzwischen multiple aktiv, auf mehreren Portalen. Vor allem, wenn es sich um kostengünstige handelt. Die Steigerung der schieren Anzahl kann zu einem Problem führen, weil die Leute mit dieser Überflutung nicht angemessen umgehen können. Und dieses Problem lösen die Online-Firmen nicht, sondern sie lassen den Kunden damit allein. Denn es scheint heute eine gute Werbestrategie zu sein, mit der Menge zu arbeiten. So und so viele Millionen Mitglieder, das scheint immer noch in den Köpfen der Menschen ein positiver Wert zu sein: Ich habe also noch mehr Auswahl, und das ist gut. Die wissen nichts von der Forschung, dass die große Auswahl zu Frust führt, jedenfalls wenn es übertrieben wird. Und da sehe ich etwas, was auseinanderläuft, die Forschung sagt das eine und der Trend im Angebot sagt das andere.
Das mit den visuellen Medien sehe ich auch so, das wird sich entwickeln, so dass man praktisch eine Art Online-Speeddating machen kann. Das regt auch der Prof. Finkel an. Weil das allgemeine Matching nicht so recht funktioniere, solle man doch lieber so etwas Lebensnahes machen, wo man in eine Art lebendigen Online-Initialkontakt mit dem potenziellen Partner eintreten könne.
Ob man beim Matching wirklich die Biochemie erfolgreich nutzen kann, in dem man z.B. mit den entsprechenden Immunsystem-Parametern arbeitet, das wird versucht, aber ich glaube das wird sich nicht durchsetzen.

Prof. Dr. Thomas Klein: Ich denke, die große Auswahl ist unbestreitbar ein großer Vorteil. Die Frage ist, man sucht ja einen Partner und wann reduziert man diese Auswahl? Wenn man diese Reduktion zu lange verzögert, wird es mit dem Beziehungsprozess, mit dem einen, mit dem es hätte vielleicht etwas werden können, irgendwann nichts mehr.
In der Soziologie hat Gary Becker die Begrifflichkeit intensive und extensive Partnersuche geprägt. Das ist in den 70er Jahren erschienen, damals ging es nicht um Online-Dating, sondern um nichteheliche Lebensgemeinschaften, wobei man erstmal extensiv einen Partner sucht und dann intensiv durch diese Lebensgemeinschaften herausfindet, wie es passt.

Lisa, vielleicht zum Schluss, du hast hattest davon gesprochen, dass es zu einer Art Börsencrash in der Liebe kommen könnte. Was meinst Du damit?

Lisa Fischbach: Ich habe einfach nur mal die Spirale weiter nach oben gedreht. Ich sehe in meiner Praxis, dass für Beziehungen in kritischen Momenten sehr wenig getan wird, man eher aussteigt. Manchmal, wenn ich in der Paarberatung diese passive Haltung erkenne und bedauere, denke ich, eine Beziehung sollte dem Paar doch mehr Wert sein als ein Farbfernseher. Für den recherchiert man, vergleicht Angebote, legt für ein schickes Model gerne über 800 Euro hin. Häufig kommen Paare erst um 20 nach zwölf in die Beratung und finden es dann sehr teuer, wenn eine Stunde 100 Euro kostet. Wenn sich das Rad der Schnelligkeit in der Beziehung so weiter dreht, stellt sich für mich die Frage des Beziehungswertes. Es gibt diesen großen Wunsch danach, aber man tut in der konsumorientierten Gesellschaft immer weniger dafür. Daher meine These, dass es irgendwann mal einen Crash gibt, einen reinigenden Wirbelsturm. Die Initialzündung für eine Gegenbewegung. Wie bei allem gibt es immer eine puristische Gegenbewegung zum Massenphänomen. Wie beispielsweise im Tourismus: Es gibt immer luxuriösere 6 Sterne Hotels und auf der anderen Seite den kleinen, traditionellen Bauernhof mit der Reduktion aufs Nötigste. Und wenn wir das Entschleunigende nicht selber schaffen, wird es das Ende der Spirale für uns regeln. Nach einem Burnout geht man ins Kloster, zum Herunterkommen. Ein dramatisches Szenario, aber ich denke, das Besinnen auf das Wesentliche täte unserer Beziehungslandschaft gut.

Prof. Dr. Burghard Andresen: Aber ob eine dramatisch reinigende Liebes-Umkehr weg vom Konsum und Markt kollektiv einsetzt oder therapeutisch bewegbar ist, bleibt die Frage. Individuell kennen wir alle den tragischen Liebeskummer und das verzweifelte Zerwürfnis, das letztlich befreiend wirkt. Ich sehe das mit dem gesellschaftlichen Crash-Gedanken eher als romantisches Flucht-Szenario. Liebes-Burnout, und dann zurück zur wahren Natur der Liebe. Spielerisch gesehen gefällt mir der Gedanken, aber welche Gegenbewegung zum aktuellen Trend wird wirklich passieren?

Prof. Dr. Kirsten von Sydow: Verliebtheit hat eine enorme bindende Kraft, die ganz viel Klebstoff entfalten kann und nicht auszuhebeln ist. Das wird so bleiben, das ist biologisch in uns angelegt. Ich denke auch, es wird rasante technische Weiterentwicklungen geben, aber es gibt immer auch das echte Leben. Und vielleicht werden die Leute auch in 50 Jahren ab und zu noch auf der Straße oder in der Kneipe mal gucken, wer da so geht, sitzt oder steht.

Das ist doch ein schönes Schlusswort. Vielen Dank.

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