Mann sitzt allein am Meer und denkt über Beziehungsunfähigkeit nach

Beziehungsunfähigkeit ja oder nein? – Das steckt hinter der Generation Beziehungsunfähig

von: ElitePartner Redaktion , 15. Februar 2018

Leidet die Generation der 18- bis 35-Jährigen wirklich an Beziehungsunfähigkeit, wie uns das gleichnamige Buch und die gesellschaftliche Debatte glauben machen wollen? Und kann man Beziehungsunfähigkeit heilen? Unsere Diplom-Psychologin Lisa Fischbach, die seit mehr als zehn Jahren zu Partnerschaften forscht und die besagte Generation in vielen Liebesfragen in ihrer Praxis berät, steht der These sehr kritisch gegenüber. Ein Gespräch über Bindungsunfähigkeit, Narzissmus und die ewige Sehnsucht nach der dauerhaften Liebe.

Frau Fischbach, wie erklären Sie sich den Erfolg von Michael Nasts Buch „Generation beziehungsunfähig“ und den Run auf seine Lesungen?

Lisa Fischbach: „Es handelt sich dabei um ein Zeitgeist-Portrait, das meiner Einschätzung nach ungefähr zwanzig bis dreißig Prozent der Generation von 20- bis 40-Jährigen aus der Seele spricht. Sie fühlen sich von den Ausführungen in ihren Beziehungs- und Lebensthemen verstanden. Die Lesungen von Michael Nast sind vor allem für betroffene Frauen Balsam für Beziehungswunden, Liebeskummer oder gescheiterte Versuche, in eine neue Partnerschaft zu gelangen. Vor allem wird aber auch durch die Gemeinsamkeit in solchen Großveranstaltungen das Gefühl erzeugt, mit seinen durch Beziehungsunfähigkeit begründeten Beziehungsproblemen nicht allein zu sein. Sharing, also das Teilen bestimmter Gefühle mit Gleichgesinnten, ist eine Methode, die in Selbsthilfegruppen vielfach positive Wirkung hat und zur Erleichterung führt.“

Beziehungsunfähige Männer & Frauen: Was ist denn eigentlich dran an Michael Nasts These?

Lisa Fischbach: „Ich persönlich habe Schwierigkeiten mit der Generalisierung. Der Autor verallgemeinert eine persönliche Erlebniswelt aus dem Berliner Mikrokosmos und Beobachtungen darin und schüttet sie über eine ganze Generation aus. Hier wird fachlich falsch und undifferenziert eine Pseudo-Diagnose für Millionen Menschen gestellt. Es wird behauptet in dieser Generation seien Mann und Frau beziehungsunfähig. Das würde mich als betroffene Generation richtig sauer machen. Vielmehr sollte unterschieden werden, dass es sich in den allermeisten Fällen nicht um eine pathologische Störung in der Beziehungsfähigkeit handelt, sondern um eine phasenweise Beziehungsunwilligkeit oder schlicht und ergreifend die fehlende Bereitschaft, sich auf eine feste Partnerschaft einzulassen, weil der Fokus auf andere Lebensbereiche gerichtet ist.

Und unsere ElitePartner-Studie 2017 zeigt sogar, dass es der Generation Y auch an dieser Bereitschaft nicht unbedingt fehlt. 96 Prozent der Singles zwischen 18 und 35 finden es normal, in einer Beziehung Kompromisse einzugehen. Ganz konkret gefragt, sind sie in fast jeder Hinsicht bereiter, dem Partner zuliebe etwas zu tun oder aufzugeben, als ältere Generationen. Und: Nur 32 Prozent sagen von sich selbst, dass es ihnen schwerfällt, sich auf einen einzigen Menschen festzulegen – nicht mehr, als in anderen Altersgruppen. Da fragt man sich schon: Auf welcher Basis stellt Herr Nast seine Diagnose der Bindungsstörung?“

Sie beziehen sehr klar Position. Ärgert Sie die Beziehungsunfähigkeit-Hypothese sogar?

Lisa Fischbach: „Ja, denn ich finde es, milde gesagt, interessant, dass gegenwärtig all diejenigen, die in das Horn der Beziehungsunfähigkeit tröten, für die oft ungenierte Pathologisierung derart viel Applaus ernten. Besonders auch noch von den vermeintlich Betroffenen. Der Erfolg liegt wohl daran, dass mit dem Etikett „beziehungsunfähige Frau“ oder „beziehungsunfähiger Mann“ eine erleichternde Kategorie geschaffen wird.

Scheitern beim Flirten und Anbahnen kann auf diese Weise hundertprozentig beim Gegenüber verankert und somit aus der eigenen Verantwortung genommen werden. Läuft es mit den Fragen zum Kennenlernen nicht rund oder wird aus einem Flirt keine große Liebe, ist die Diagnose schnell zur Hand: Eindeutig ein Fall von Beziehungsunfähigkeit. Der andere hat den Knacks, bei mir selbst ist alles in Ordnung.

Bisweilen verhält es sich auch anders herum: Ich habe einen Knacks, aber Bindungsprobleme sind in meiner Generation ganz normal, ich kann gar nichts dafür, dass ich niemanden finde und muss mir auch gar nicht erst Mühe geben. Eine solche Haltung ist auf Dauer Gift für eine Partnerschaft. Denn für das Gelingen eines stabilen Miteinanders sollten beide Partner 100 Prozent Verantwortung tragen und weder den anderen verantwortlich machen, noch selbst resignieren.“

Also gibt es keine Generation Beziehungsunfähig – alles haltlos erfunden?

Lisa Fischbach: „Der Fehler in der Beziehungsunfähigkeits-Hypothese liegt in der Verallgemeinerung. Richtiger wäre, von der Generation Selbstoptimierung zu sprechen. Selbstverwirklichung ist zu einem weitverbreiteten und positiv besetzten gesellschaftlichen Wert geworden. Aber auf eine Weise auch zu einem Muss, einem Imperativ ohne Alternative, möchte man gesellschaftlich dazugehören. Die allgegenwärtigen Optimierungstendenzen im Beruf und bei sich selbst sind zunehmend auch in der Liebe zu spüren: Sie machen hinter dem Thema Beziehungsunfähigkeit keinen Halt. Deshalb sind Beziehungen heutzutage anderen und vergleichsweise mehr Ansprüchen ausgesetzt. Sie werden weniger angebahnt und weniger durch gesellschaftliche Zwänge, religiöse Werte aufrechterhalten. Außerdem sollen sie viele Erwartungen erfüllen, Stabilität bieten, Raum für persönliche Entfaltung lassen, Spaß machen und inspirieren.

Vielfach wird heutzutage weniger der passende Partner für eine glückliche Partnerschaft gesucht, sondern schlicht der beste Partner für eine perfekte Beziehung. Da ist eine Tendenz zur Maximierung zu spüren. Ich finde, dass mit dieser „Mercedes-Mentalität“ – das Beste oder nichts – wenig gewonnen wird. Man erlebt mit einer solchen Haltung Partnersuche, Partner finden und Partner halten häufiger als problematisch. Wenn sich diese Ansprüche verselbständigen, könnte man sogar von einer Art Beziehungsunfähigkeit sprechen.“

Also heißt es für diese Generation doch: Mann und Frau sind beziehungsunfähig?

Lisa Fischbach: „Ja, für den Teil dieser Generation, bei dem sich die sehr hohen Ansprüche zum Hinderungsgrund entwickeln, in eine Beziehung zu gelangen. In dem Fall trifft die symptomatische Zuschreibung der Beziehungsunfähigkeit zu. Die Suche nach dem besten Partner für die perfekte Beziehung kann Singles einsam machen. Wer die Einstellung hat, eine Beziehung müsse von Anfang an perfekt passen, sonst lohne es sich nicht zu investieren, der hat eine sehr konsumorientierte Einstellung zur Partnerschaft.

Liebe sollte nicht durch die Brille der kapitalistischen Marktwirtschaft betrachtet und zu einer Ware werden, sondern immer das Ergebnis einer Entwicklung zwischen zwei Menschen bleiben. Das ist oft nicht der einfachste und bequemste Weg, aber es ist ein Erfolgsrezept. Der häufige Austausch gegen einen vermeintlich besseren Partner macht unglücklich. Genauso wie erst gar keine Partnerschaft zu starten, weil immer etwas nicht passt. Hinter dieser Anspruchshaltung verbergen sich aber häufig auch Beziehungsängste.“

Beziehungsangst, Beziehungsunfähigkeit, Bindungsunfähigkeit – was ist genau der Unterschied?

Lisa Fischbach: „Die Begriffe gehören auf eine Art und Weise eng zusammen, werden aber oft nicht sauber verwendet. Ich versuche einmal etwas Sortierungshilfe: “Bindungsstörung“ ist ein Fachbegriff für eine Diagnosezuschreibung nach dem Internationalen Klassifikationssystem ICD-10, mit dem alle Krankheiten, körperliche wie psychische Störungen, klassifiziert werden. Hier handelt sich um eine gestörte Entwicklung des Bindungsverhaltens, meist aufgrund von Traumata in der Kindheit. Eine solch elementare und weitreichende Störung liegt in massiver Ausprägung eher selten bei den vielen vermeintlich beziehungsunfähigen Frauen oder Männern vor

Dennoch ist die Entwicklung des eigenen Bindungsstils entscheidend bei der Ausbildung einer gesunden Beziehungsfähigkeit. Konnten in der Kindheit keine stabilen, zuverlässigen und liebevollen Beziehungen zu den Eltern oder adäquaten Beziehungspersonen erlebt werden, kam es stattdessen zu Ablehnung, Vernachlässigung, Gewalt oder sogar Missbrauch, werden Bindungsstile entwickelt, die einem im späteren Leben den Weg in eine Beziehung erschweren oder unmöglich machen.

Das sichtbare Verhalten im Erwachsenenalter ist dann die so genannte Beziehungsunfähigkeit. Von ihr spricht man korrekterweise, wenn sich jemand seit langer Zeit eine verbindliche Partnerschaft wünscht, aber nicht in der Lage ist, sich in einer Beziehung zu öffnen, tiefergehende emotionale oder körperliche Nähe zuzulassen und unter diesem Zustand selbst sehr leidet. Der Grund für diese Unfähigkeit liegt in einer massiven Beziehungsangst, die die Nähe in einer Partnerschaft auslöst. Mögliche Ursachen können zum einen in früheren Beziehungen liegen, die besonders unglücklich verlaufen sind oder in denen der Betroffene stark verletzt oder enttäuscht wurde. Oder eben in Bindungsproblemen, die jedoch sehr häufig bereits in der frühesten Kindheit entstehen und sich in Liebesbeziehungen wieder aktivieren.“

Aber liegt es nicht auch an einer gewissen Beziehungsunfähigkeit, dass Beziehungen aktuell immer kürzer werden?

Lisa Fischbach: „Nein, das hat andere Ursachen als beziehungsunfähige Männer und Frauen. Die Sehnsucht nach einer Liebesbeziehung wird unangefochten eines der wichtigsten menschlichen Bedürfnisse bleiben. Wir sind soziale Wesen, ohne Berührungen und soziale Eingebundenheit sterben wir. Auch der Wunsch nach lebenslanger Partnerschaft hat nicht abgenommen, das ist für die meisten immer noch romantisches Ideal. Das zeigen auch unsere Studien: für 87 Prozent der Menschen in Deutschland ist es in einer Partnerschaft wichtig, dauerhaft zusammenzubleiben – ob mit oder ohne Kind. 71 Prozent wünschen sich idealerweise nur eine lebenslange Partnerschaft.

Daran ändern die Scheidungsstatistiken oder eigene Erfahrungen von gescheiterten Partnerschaften kaum etwas. Richtig ist, dass Beziehungen instabiler geworden sind, die Bereitschaft abgenommen hat, in die Lösung von Problemen zu investieren und sich gesellschaftliche Konventionen und Zwänge aufgelöst haben, die Beziehungen forcieren. Bei vielen ist zudem die Frustrationstoleranz gesunken und die Trennungsbereitschaft gestiegen. Man bleibt nicht mehr um jeden Preis in einer Beziehung. Mit Beziehungsunfähigkeit hat das meist nichts zu tun“

Woran liegt das?

Lisa Fischbach: „Liebesbeziehungen müssen heutzutage in einer neuen Form persönliche Zufriedenheit schaffen. Durch einen gesellschaftlichen Paradigmenwechsel hin zu immer mehr Selbstverwirklichung und Bedürfnisorientierung nimmt die Tendenz zu narzisstischer Haltung und Persönlichkeitsstruktur zu. Das bedeutet, im Vordergrund steht das Erreichen einer hohen Zufriedenheit auf allen Ebenen des Lebens. Dieser Anspruch in Verbindung mit Beziehungsunfähigkeit wird auch an Partnerschaften gestellt, sie werden anders beurteilt, man ist weniger bereit, lange darin auszuharren. Die ElitePartner-Studie 2017 hat zum Beispiel ergeben, dass sich 54 Prozent der Vergebenen trennen würden, wenn sie in ihrer Beziehung nicht mehr glücklich sind. Unter 30 Jahren sind es sogar 63 Prozent. Man ist also auf gewisse Weise schneller bereit, Bindungen aufzulösen und auf der anderen Seite zurückhaltender, Bindungen einzugehen. Und da wären wir wieder am Anfang dieses Gespräches und der vermeintlich nicht zu heilenden Beziehungsunfähigkeit …“

Ist „Beziehungsunfähigkeit“ letztendlich eine falsche Schlussfolgerung?

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die „Generation beziehungsunfähig“ laut ElitePartner-Expertin Lisa Fischbach nicht existiert – zumindest nicht so, wie sie dargestellt ist. Natürlich gibt es tatsächliche Bindungsängste, die eine gesunde Partnerschaft blockieren können. Oftmals entstehen diese aus vorherige negative Erfahrungen aus Kindheit oder vergangene Beziehungen. Doch einge gesamte Generation, in der Männer und Frauen bindungsunfähig sind, gar unter Beziehungsunfähigkeit leiden, sieht die Diplom-Psychologin nicht. Daher gibt es auch keinen generellen Weg die verschriene Bindungsunfähigkeit zu heilen – schließlich existiere sie nicht in dieser Form. Am Ende sei auch das Phänomen der kurzlebigeren Beziehungen in unserer Zeit damit zu begründen, dass die Trennungsbereitschaft gestiegen und die Frustrationsschwelle gesunken ist. Viele Menschen sind inzwischen wesentlich schneller dazu bereit, eine Beziehung zu beenden und gehen feste Partnerschaften langsamer ein.

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