Was das Problem von meinem Freund Kalle-Hase war? Er nannte seine Peggy im Liebestaumel "Miss Piggy"! Der Anfang vom Ende.
Nach der zweiten Flasche Merlot war zumindest mir alles klar. Klar wie ein Klarer. Davon hätte Kalle jetzt dringend einen gebraucht, der schwere Rote lähmte nämlich offenbar große Teile seines Kleinhirns. Mein lieber Freund Kalle, gerade frisch von seiner neuen Flamme verlassen, verstand die Welt nicht mehr.
Freitagabend auf meinem Sofa. Im Raum stand: Ein verbaler Fauxpas, der sich als Kosename getarnt hatte. „Ich fand den Namen süß in dem Moment!“, verteidigte sich Kalle. Gut, Kalle findet auch Britney Spears süß (allerdings vor der Aktion mit den abrasierten Haaren). Und Reptilien. Man könnte also sagen, dass Kalle eine sehr eigenwillige Definition von süß hegt. Wie auch immer: Als er gestern gemeinsam mit Peggy und eindeutigen Absichten im Bett gelegen hatte, hätte er in keinem Fall „Meine kleine Miss Piggy“ zu ihr sagen dürfen. Richtig gelesen. Miss Piggy! Abgeleitet von Peggy, wie Kalle-Hase mir erläuterte.
Mir fiel dazu nur Folgendes ein: Schweine im Weltall. Saftiger Hinterschinken. Mag vielleicht in den Ohren männlicher Schnitzelfans sexy klingen. Aber wenn der Kosename Miss Piggy mit voller Wucht auf das Trommelfell einer Frau trifft, gleicht das einem Terrorangriff auf ihr Ego. Wahrscheinlich windet sich die Arme jetzt gerade in einer Panade aus Selbstzweifeln und Hassattacken. An dieser Stelle sagen sich im Märchen nicht nur Hase und Igel gute Nacht. Damit war auch die vorübergehende Symbiose aus Kalle-Hase und Miss Peggy ein für allemal Geschichte.
Kalle wehrt sich übrigens nie, wenn ich Kalle-Hase zu ihm sage. Ich glaube, er mag das sogar irgendwie. Hase ist ja auch so ein neuer It-Kosename, mit dem man bedenkenlos liebe Freunde und im Büro auch Untergebene betiteln kann. Vornehmlich dann, wenn ihnen gerade kompletter Blödsinn aus dem Mund entweicht. Ja, Kosenamen können auch abschätzend sein. Deshalb ist die Verwendung von ebensolchen in der Liebe ehrlich gesagt nichts anderes als ein Minenfeld, auf denen vielversprechende Beziehungsanfänge mit jeder falschen Betonung implodieren können. Vor allem die putzigen Zweitnamen aus dem Reich der Tiere erfreuen sich hier großer Beliebtheit. Damit lag Langohr Kalle also schon mal grob richtig. Er hatte sich einfach nur gewaltig im Gehege vertan. (Obwohl mir persönlich bereits viele Kreuzungen aus Hase und Schwein in der freien Wildbahn begegnet sind.)
Wenn Sie mich fragen, verhält es sich mit dem Gebrauch von Kosenamen wie folgt: Wenn Liebende schon fremde Namen gebrauchen, um eine besondere Art der Nähe herzustellen, sollten es huldigende Worte sein, in denen Anbetung und Verführung mitschwingen. Als gegenläufig erweist sich allerdings der neueste Trend: Die männlichen Mäuschen sind auf dem Vormarsch. Weil ja Männer und Frauen nun mal um Gleichberechtigung bemüht sind, wird aus einem stolzen Ritter schon mal ein kleines graues Nagetier mit Knopfaugen. Am Anfang hat mein Kollege Lars noch gezuckt, als seine Freundin ihn öffentlich Mäuschen nannte. Eigentlich ein ganzer Kerl, der Lars. Nicht unattraktiv. Groß, breite Schultern, sonore Stimme. Und wie gesagt: Mein Kollege. Seiner Liebsten rutscht das kleine graue Wortknäuel also durchaus auch im semi-beruflichen Kontext raus. Aber was soll’s. Jetzt hat Lars sich daran gewöhnt, eine Maus zu sein. Seitdem bin ich zum Glück von verbotenen Tagträumen am Schreibtisch befreit. Ich persönlich halte Verniedlichungen dieser Art nämlich für den Tod der Erotik. Frei nach dem Motto: „Gib mir Tiernamen.“ – „Hasi.“ – „Gib mir böse Tiernamen.“ – „Böses Hasi!“
Nächsten Dienstag noch mehr Neuigkeiten aus dem Dschungel zum Thema: Du Tarzan, ich Jane.
Ihr Fräulein Wunder