Kürzlich, während der Herbstwind draußen die letzten Blätter von den Bäumen wehte, seufzte meine Freundin L. schwermütig am Telefon, dass ihr als Single-Enddreißigerin ja nun eine harte Zeit bevorstünde. Die langen, dunklen und vor allem einsamen Abende machten ihr schwer zu schaffen.
Und obwohl sie oft und gern ausgehe, könne sie das ja nicht jeden Abend tun. Klar, ein Fernsehabend oder ein gutes Buch seien mal ganz nett. Mal. Aber eben nicht fünf Abende die Woche plus das gesamte Wochenende! Wir sprachen dann eine Weile darüber, was man im Herbst und Winter alles so unternehmen könne, um den Winterblues zu bekämpfen. Denn zu Hause falle einem ja gerade im Winter die Decke auf den Kopf und die Depression lauere überall.
Immer in Action
Kurz darauf jedoch kam mir diese Jagd nach Unterhaltung und Gesellschaft ein wenig arg aktionistisch vor. Ich erinnerte mich an einen alten ostfriesischen Bauern, mit dem ich vor einigen Jahren sprach. Er sagte, er liebe den Winter, da sei man so herrlich auf sich selbst gestellt. Man habe wenig zu tun und könne entspannt vorm Ofen sitzen und über sich selbst und das Leben nachdenken. Das sei zwar nicht immer schön, aber notwendig.
Recht hat er! Wir sollten der Event-Gesellschaft mit ihrem künstlichen Druck, immer etwas vorzuhaben und erleben zu müssen, ein Schnippchen schlagen und uns stattdessen genüsslich dem süßen Nichtstun widmen. L. hatte Bedenken, ihr Singledasein und ihre Einsamkeit könnten ihr dann umso mehr zu schaffen machen.
Bloß: Wenn wir vor unangenehmen Empfindungen davon laufen, damit wir sie nicht spüren müssen, so machen wir sie nur mundtot und nicht ungeschehen. Vielleicht hilft ein Perspektivwechsel: Wir lassen alle Gefühle zu, die mit dem Alleinsein verbunden sind. Womöglich ist es beklemmend und bedrückend und wir sind unglücklich mit der Situation. Aber wir können sie annehmen und ihr ins Auge blicken.
Ein Schritt zum Selbst
Und indem wir uns ihr bewusst stellen und ihr die Stirn bieten, statt vor ihr davon zu laufen, machen wir einen entscheidenden Schritt in der Bewältigung. Denn ändern können wir die Situation ja eh nicht von jetzt auf gleich. Das hat übrigens auch L. inzwischen erkannt. Und als ich sie gestern anrief und vorschlug, spontan zum Italiener um die Ecke zu gehen, sagte sie, heute könne sie nicht. Sie habe es sich gerade auf ihrem Sofa gemütlich gemacht mit einer Tasse Kräutertee und ihrer Lieblings-CD und sie habe ein Date, auf das sie sich schon sehr freue – mit sich selbst.