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Wilhelm Reich und die Funktion des Orgasmus
Wilhelm Reich und die Funktion des Orgasmus (Kategorie: Sexualitätsblog)
Über einen der schönsten Tricks der Natur...

In einem Blog zum Thema "Sexualität" muss irgendwann auch einmal Wilhelm Reich, der große Arzt und Sexualforscher, erwähnt werden. Mir ist aufgefallen, dass ich das bisher versäumt habe. Ich möchte an dieser Stelle nicht auf seine umstrittenen Theorien zur "Orgonenergie" oder dergleichen eingehen, sondern ein paar Zeilen dazu schreiben, wie man in der heutigen Zeit seine Orgasmus-Theorie betrachten kann, bzw. wie aktuell diese – 52 Jahre nach seinem Tod – immer noch ist.

Gegenwärtig werden häufig sexuelle Themen in einen Zusammenhang mit soziologischen und vor allem auch evolutionsbiologischen Erkenntnissen gestellt. So wird z.B. das Treueverhalten des Mannes verglichen mit dem Treueverhalten der Frau. Es wird darauf hingewiesen, dass Männer deswegen eher fremdgehen, weil sie angeblich einem biologischen Programm zur Verbreitung ihres Genguts folgen würden. Frauen dagegen wären besonders eifersüchtig, wenn ihr Partner sich verlieben würde, weniger allerdings, wenn er "nur" fremdgehen würde – weil sie dies angeblich in ihrem Wunsch nach Versorgungssicherheit (Kinder, Familie) mehr bedrohen würde. Das Sexuelle selbst wird meist in Ratgebern in der Form abgehandelt, dass man den Hinweis bekommt, man solle doch offener "darüber sprechen" (Stichwort Kommunikation), öfters "etwas Neues ausprobieren", obwohl man eigentlich keine Lust dazu hat (Stichwort Gewöhnung) oder "mal wieder Blumen mitbringen", "ein schönes Essen zu zweit organisieren" und "eine neue Stellung versuchen" (Stichwort Beziehungspflege). Wer aber sagt uns etwas darüber, wie wir die schönste Nebensache der Welt ERLEBEN, wie wir uns dabei FÜHLEN?

Zunächst einmal hat Reich deutlich gemacht, dass er den Sex keinesfalls für die schönste Nebensache, sondern für die eigentliche Hauptsache im Menschenleben hält. Auch dies steht im Widerspruch zu heutigen Auffassungen, wonach es auch normal sei, dass Menschen durchaus ganz auf Sex verzichten können: sie sollten sich bloß nicht unnötig unter Druck setzen! Darüber hätte Reich nur gelacht und wahrscheinlich die Anmerkung gemacht: wieder mal eine neue, gerissene Lüge, um den Menschen von seinen eigentlichen Bedürfnissen und Wünschen abzulenken. Denn: für ihn hat der Orgasmus eine zentrale Funktion für das Wohlbefinden des Organismus. Als "vollständiger Orgasmus" nämlich stellt er das Individuum in eine Situation, in der es frei ist von allen (auch gesellschaftlichen) Zwängen und zutiefst – in einem anarchistischen Sinne – es selbst sein kann. Der vollständige Orgasmus ist ein biologisches und ein (gesellschaftliches) Beziehungsphänomen. Ein "biologisches" in dem Sinne, als dass wir jede Muskelverspannung überwinden und uns ganz unserer Lust hingeben können. Ein "Beziehungsphänomen" in dem Sinne, als dass wir jede Moral beiseite lassen und unserem Partner absolut vertrauensvoll begegnen, um eben eine ungetrübte Lust zur Entfaltung bringen zu können. Nach Reich sind also beim Orgasmus nicht nur lebensnotwendige, sondern lebenserweiternde Funktionen im Spiel: wir stellen uns unseren Ängsten auf der körperlichen Ebene und nutzen diese Ebene, um uns von Verboten, Zwängen und falschen Einflüsterungen zu befreien. In diesem Sinne war Reich revolutionär und ist es noch.

Reich hat die Idee des "Körperpanzers" entworfen. Der Körperpanzer bezeichnet die muskuläre Verspannung des Körpers, die ein Mensch heranbildet, um sich vor seinen eigenen Energien und Gefühlen zu schützen. Dies tut er, weil er Angst vor diesen Energien hat. Interessant dabei ist zu verstehen, dass es sich um POSITIVE Energien handelt. Diese aber sind durch Kontrolleinflüsse durch die Umwelt zu etwas Bedrohlichem geworden. Ein Kind z.B. wird beschämt oder zurechtgewiesen, wenn es mit seinen Genitalien spielt. In der Werbung z.B. wird das Sexuelle in Zusammenhang mit Macht und Dominanz dargestellt. Oder das Sexuelle wird zur rein mechanischen Ausübung von Körperverrenkungen degradiert. Schließlich gibt es auch Theorien die behaupten, man könne das Sexuelle in etwas anderes – z.B. etwas Kreatives – verwandeln oder man müsse es – in welcher Form auch immer – "zurückhalten". Es gibt tausende von Beispielen für diese Manipulation unserer eigentlichen "Menschennatur" – oder wie Reich es ausdrückt "des Menschentieres". Die Funktion des Orgasmus ist für ihn immer etwas Befreiendes, etwas, das den Menschen wieder in Einklang mit seiner eigentlichen Natur bringt – soweit eine kurze Erinnerung an diesen großen Wissenschaftler.


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