Für manche Paare stellt der gemeinsame Urlaub die Beziehung auf eine große Probe.
Urlaub kann zur Zerreißprobe werden. Nicht nur für ein junges Glück, frisch Verliebte oder Langzeitpaare. Jede dritte Scheidung wird nach dem Urlaub eingereicht. Das hat das Abaris-Institut für Psychotherapie herausgefunden. Warum Reisen zu einem Risiko für die Beziehung werden kann, erfahren Sie hier!
Ob an den Stränden Portugals oder in der Abgeschiedenheit Schwedens, auf Südtiroler Wanderwegen oder südfranzösischen Zeltplätzen, in den Ferienclubs Ibizas oder den langen Nächten in Barcelona – egal welcher Art und in welchem Milieu der Urlaub stattfindet, er ist ein Risikofaktor für die Beziehung. Das belegen nicht nur Berichte aus Zeitungen zur Urlaubszeit, nein auch repräsentative Zahlen und therapeutisches Know-how weisen immer wieder auf den Zusammenhang hin. Ich selber kann ebenfalls von einer vermehrten Nachfrage nach Beratung in der Zeit ab Ende August aus meiner Praxis berichten. Zu mir kommen nicht diejenigen, die sich um die Frage des Urlaubsziels zanken. Es sind überwiegend Paare, die in den gemeinsamen Ferien festgestellt haben, dass Grundsätzliches schief läuft.
Aber warum kommt diese Erkenntnis ausgerechnet während der eigentlich schönsten Zeit des Jahres? Warum sind vor allem Paare im Urlaub so schnell voneinander gestresst? Das hat mehrere Gründe: Zum einen befreit der Urlaub vom schützenden Korsett des Alltags und macht wie unter einem Brennglas Missstände und schwelende Konflikte im Miteinander sichtbar. So belastet beispielsweise die chronisch negative Stimmung des Partners schon seit geraumer Zeit die Beziehung. Jedoch erst im Urlaub wird sie zum Streitfall. Die gesunde Distanz, die sich im Alltag ganz zwangsläufig etwa durch unterschiedliche Arbeitsstellen, familiäre Verpflichtungen oder Freizeitaktivitäten ergibt, fehlt mit einem Mal. Der Urlaub bringt 24 Stunden gemeinsame Zeit. Für viele Paare ungewohnt und dadurch herausfordernd. Laut verschiedener Statistiken reden deutsche Paare durchschnittlich nicht wirklich viel miteinander (weniger als eine halbe Stunde), umso weniger, je länger sie zusammen sind. Plötzlich steht Paaren, die wenig Übung haben, ein intensives, zugewandtes Gespräch zu führen, fast unbegrenzte Zeit füreinander zur Verfügung. Der Gesprächsstoff geht rasch aus oder es kommen Themen auf den Tisch, die schon lange still und heimlich unter der Oberfläche schlummerten, nur nie Raum oder Gehör erhielten.
Manchmal ist es vielleicht auch die Nähe an sich, die zu viel ist. Das trifft eher die Langzeitpaare als die frisch Verliebten. Denn die können eher nicht von sich lassen. Doch für alle kann gelten, dass alte, aber im Alltag verdrängte oder neue unbekannte Seiten des Partners entdeckt werden. Das sind selten Schokoladenseiten. Da zeigt sich die Morgenmuffeligkeit täglich in Reinkultur und vermiest jedes gemütliche Frühstück mit Blick aufs Meer oder die zuhause geschätzte Sparsamkeit wird als unangenehm geizig erlebt, wenn im Urlaub die billigsten Restaurants aufgesucht werden oder bei der Überlegung eines Tauchkursus eine Kosten-Nutzen-Rechnung aufgestellt wird.
Das Beste ist also: Auch im Urlaub das richtige Verhältnis von Nähe und Distanz einzuhalten. Man muss nicht rund um die Uhr Zeit miteinander verbringen. Völlig in Ordnung, wenn er einen Tag nur am Strand in der Sonne liegen will, sie aber einen Tagesausflug zu Ausgrabungen unternimmt. Das hat zudem den Vorteil, sich abends Neues berichten zu können.
Beiden Geschlechtern gemein sind zudem erhöhte Erwartungen an die Urlaubszeit. Zwei tolle Wochen sollen wettmachen, woran es den Rest des Jahres über mangelt: Ruhe, Erholung, Spaß, Zärtlichkeit, Zeit für einander. Die anderen Monate leben sie auf die Ferien hin. Wenn diese dann nicht genauso laufen, wie man sich das vornimmt, ist die Enttäuschung groß. Besser ist es, sich als Paar auch im restlichen Jahr kleine Auszeiten zu nehmen und den Urlaub nicht mit Erwartungen zu überladen. Um diese Ansprüche zu entlarven wäre es sicher sinnvoll, sich als Paar vorher über die Erwartungen an die Urlaubszeit sorgfältig auszutauschen.