Männer weinen nicht. Wie echte Indianer kennen sie keinen Schmerz.
Das ist nicht nur hinreichend bekannt, sondern in vielen Familien leider immer noch Grundlage der Erziehung.
Auch wenn in vielen klugen Ratgebern davor gewarnt wird, kleine Jungen schon im Elternhaus zu harten und unbeugsamen "ganzen Kerlen" zurechtzustauchen, ist der Umgang mit Verlusten, Schmerzen und vermeintlichen Niederlagen zwischen Männern und Frauen auch heute noch sehr unterschiedlich.
Wenn ein Mann in meiner Praxis vor lauter Kummer in Tränen ausbricht, entschuldigt er sich sofort. Innerhalb von Sekunden. Sein Weinen ist ihm peinlich und in höchstem Maße unangenehm. Er versucht krampfhaft, es zu unterdrücken, weil er es als Schwäche und persönliches Versagen ansieht. Immer wieder muss ich ihn ermutigen, seinen Tränen freien Lauf zu lassen. Ich muss ihm erklären, wie wichtig es ist, dass sich die Verkrampfung löst, dass etwas fließt. Trotzdem schämt er sich weiter.
Manche Menschen können in der ersten Phase aber nicht weinen. Sie sind wie erstarrt. Ihr Gesicht sieht aus wie eine Maske. Ihre Bewegungen sind marionettenhaft. Während meiner Ausbildung bekam ich von meiner Mentorin für diese Situation folgenden Rat: "Schicken Sie diese Klienten mit einer großen Packung Taschentücher und mehreren traurigen oder sentimentalen Videos nach Hause. Sie sollen sich mit diesen Filmen so lange zurückziehen, bis die befreienden Tränen fließen."
Wir alle wissen aus Erfahrung: Haben wir unseren Kummer nicht hinreichend betrauert und beweint, sitzen die Tränen äußerst locker. Ein schiefer Blick, ein falsches Wort – und schon heulen wir los. Zum Glück, denn schon der Volksmund weiß: "Jede ungeweinte Tränen kommt als körperliches Symptom zurück." Deshalb mein Rat: Versuchen Sie gar nicht erst, das befreiende Weinen abzukürzen oder gar zu unterdrücken. Es muss sein und wird sich so lange immer wieder zurückmelden, bis es seine wohltuende und lindernde Wirkung getan hat. Auch alter Seelenkummer, den Sie in Ihrem Alltag vielleicht jahrelang weggedrückt haben, wird nun systematisch mit beweint. Das ist wie eine reinigende Seelenwäsche, die Sie sich auf keinen Fall versagen sollten.
Dazu ein dramatisches Fallbeispiel aus der Liebeskummer-Praxis:
Holger (42), hoch dotierter Stararchitekt, verliert seine Frau durch eine Krebserkrankung und bleibt mit der einjährigen Tochter zurück. Schon wenige Monate nach der Beerdigung begegnet er der jungen, bildhübschen Martina (25), die gerade dabei ist, sich als Architektin ebenfalls einen Namen zu machen. Schnell kommt es zu intimen Kontakten. Martina wird schwanger. Es wird geheiratet. Kurz danach werden zwei weitere Kinder geboren. Ende gut, alles gut?
Ganz und gar nicht. Martina kommt zu mir in die Praxis. Sie ist verzweifelt. Sie hat Holger nie geliebt. Er sie auch nicht. Ihre Ehe ist am Ende. Man trennt sich. Alle Kinder bleiben bei ihr. Finanziell gibt es keine Probleme. Holger findet sie großzügig ab. Trösten kann sie das jedoch nicht.
Was ist passiert? Hier sind sich zwei Menschen begegnet, die das, was ihnen widerfahren ist, nicht betrauert haben. Holger hat den Tod seiner geliebten ersten Frau nie richtig verkraftet, nie beweint. Erst jetzt, nach der Trennung von Martina, geht er regelmäßig auf den Friedhof und hält stumme Zwiesprache mit der Mutter seines ersten Kindes. Martina lernt bei mir, ihre schwierige Kindheit aufzuarbeiten. Sie hatte einen weichen, labilen Vater, der in der Familie wenig Einfluss hatte. Zu ihrer Mutter, einer harten und dominanten Frau, hat sie nie eine harmonische Beziehung aufbauen können, denn diese war auf das hübsche Aussehen und die Intelligenz ihrer Tochter immer eifersüchtig. Sie strafte Martina entweder mit Nichtachtung oder Vorwürfen.
Hier haben die ungeweinten Tränen ein glückliches Miteinander von Holger und Martina verhindert. Der nicht bearbeitete Schmerz stand ihnen vom ersten Moment an im Weg. Erst mit ihren nächsten Partnern haben Holger und Martina eine Chance auf eine harmonische Beziehung, weil die Trauer dann bewältigt ist.
Ähnlich dramatisch die Liebes- und Leidensgeschichte von Ralf (45), einem Ingenieur aus Süddeutschland.
Vier Jahre lang hat er versucht, die Trennung von seiner Freundin als Bagatelle abzutun. Weder in der Firma noch in der Liebeskummer-Praxis war er bereit, über seinen Schmerz zu reden oder gar ihn zu bearbeiten.
Er wurstelte immer weiter, hetzte von Termin zu Termin und versuchte vor allen zu verbergen, dass er verlassen worden war. Bis er vier Jahre nach der Trennung ausgerechnet im Urlaub mit einem Herzinfarkt zusammenbrach und erst während der Reha begann, sein persönliches Drama zu beweinen und zu betrauern. Nur so hatte er eine Chance, nicht nur körperlich, sondern auch seelisch zu gesunden.