Haben Sie auch schon mal daran gedacht, dass man das Wort "Stress" eigentlich ruhig mal zum Unwort des Jahres küren sollte? Letztes Jahr hat es übrigens der Begriff "betriebsratsverseucht" geschafft, den hatte ich vorher noch nie gehört oder gelesen.
Aber "Stress" – den hat schließlich fast jeder mindestens einmal pro Woche, und man ist auch immer sehr freizügig damit, selbigen anderen einzugestehen. "Gott, war das wieder ein Stress!" "Mensch, das war doch bestimmt ganz schön Stress, was?!" "Ständig bin ich im Stress, verstehst du?" "Mann, jetzt mach doch bloß nicht so'n Stress!" usw.
Dann gibt es da noch die Stressforscher, Stressbewältigungsübungen und natürlich einen Haufen Stresstheorien. All das hat sich in den letzten 75 Jahren entwickelt, ausgelöst durch den Mediziner Hans Selye, der den Begriff aus der Physik entlehnt hatte. Unter Wikipedia finden wir dazu folgendes: "Stress hat eine evolutive Wirkung mit der Folge, dass Belastungen besser ertragen oder letztlich nicht mehr als Stress wirksam werden. Somit kann Stress durch Selektionsvorteile einzelner Individuen Adaptation und letztlich Artbildung bewirken. Durch genetische Fixierung von Merkmalen, welche Selektionsvorteile bewirken, können sich bestimmte erbliche Eigenschaften evolutiv durchsetzen. Beispiele solcher Eigenschaften sind Sukkulenz bei Pflanzen in Trockengebieten oder Sichelzellenanämie bei Menschen in Malariagebieten."
Daneben finden wir aber auch:
"Eine Stressreaktion ist ein subjektiver Zustand, der aus der Befürchtung entsteht, dass eine stark aversive, zeitlich nahe und subjektiv lang andauernde Situation wahrscheinlich nicht vermieden werden kann. Dabei erwartet die Person, dass sie nicht in der Lage ist, die Situation zu beeinflussen oder durch Einsatz von Ressourcen zu bewältigen. (…)
Auch psychische Belastungen sowie bestimmte eigene Einstellungen, Erwartungshaltungen und Befürchtungen können auf emotionaler Ebene Stressoren sein. Stress ist also die Anpassung des Körpers an diese Stressoren, bzw. seine Reaktion auf diese."
In diesem Zusammenhang finde ich nun ein Umfrageergebnis von "female affairs" aus dem Jahre 2008 interessant. Hier wurden Frauen nach der Sexualität von Männern gefragt. Wie gut würden sie über sexuelle Vorlieben und Wünsche ihrer geschlechtlichen Counterparts Bescheid wissen? Auf die Frage, was denn "Stress beim Sex" für den Mann sein könne, antworteten die Frauen mit 67 Prozent "Erwartungsdruck", 59 Prozent "Sich für die Befriedigung der Partnerin verantwortlich Fühlen", 35 Prozent "zu viel reden", 30 Prozent "Angst vor Schwangerschaft", 22 Prozent "nicht über Sex sprechen können", 12 Prozent "andere Hemmungen" und 6 Prozent "Angst vor Aids".
Das ist erst einmal eine Menge Stress. Und die Frauen lagen mit ihren Einschätzungen dabei offenbar goldrichtig. Wenn man die Männer selbst befragte, dann gaben immerhin 66 Prozent an, sie hätten Stress beim Sex und 59 Prozent davon gaben preis, dass dies an übermäßigem Erwartungsdruck liegen würde. 62 Prozent hatten Stress, weil sie sich für die Befriedigung der Frau verantwortlich fühlten.
Nun offenbart sich hier ein gewisser Widerspruch: Wenn wir nämlich davon ausgehen, dass die Anpassung an Stressfaktoren eine "evolutive Wirkung", bzw. einen Selektionsvorteil schaffen kann, dann müsste ja auch der sexuelle Erwartungs- und Erfüllungsdruck der gestressten Männer beim Sex ihnen gegenüber ihren entspannteren Artgenossen einen solchen Vorteil verschaffen. Wir dürften also nicht mehr nur davon ausgehen, dass dieses Verhalten etwas Schädliches oder Negatives ist, wie dies die zweite Definition (siehe oben) suggeriert. Die Tatsache, dass 62 Prozent der Männer gestresst sind, wenn sie sich für die Befriedigung der Partnerin verantwortlich fühlen, erscheint also jetzt in einem anderen Licht. Vielleicht tragen sie nämlich unbewusst etwas zur Erhaltung der Art bei und sollten sich nicht zusätzlich noch damit stressen, sondern durchaus ein wenig stolz auf ihre Einstellung sein! Sollten sie sich allerdings damit stressen, dann entwickeln sie das, was man in der Psychologie den so genannten "Symptomstress" nennt: Stress, den man bekommt, wenn man sich Stress deswegen macht, weil man Stress hat.
Wer ist denn beim Sex für den Stress verantwortlich? Wenn, wie ich lese, 67% der Frauen sagen, dass…haben dann die Frauen dafür gesorgt, dass der Mann den Stress hat, oder hat sich das der Mann nur eingebildet, dass er liefern muss? Wenn natürlich die Frau nur erwartet und der Mann akzeptiert, dass er zu liefern hat, dann verstehe ich das schon. Aber dann ist das ja auch keine Partnerschaft. Für den Mann nur eine Bringschuld? Darauf verzichte ich als Mann.