Das Auflösen von Klammern ist nicht nur Algebra. Auch jenseits von Mathematik geht die Gleichung auf, wenn man dabei beachtet, dass Punkt- vor Strichrechnung gilt.
Die vielleicht schwierigste Lektion für einen Single Mitte 30 ist, dass die Liebe nicht berechenbar ist. In diesem Alter haben wir in allen andere Bereichen des Lebens viel erreicht. Die Strategien mögen sich unterscheiden – der eine hat es mit Ausdauer und Fleiß geschafft, der andere mit Plagiaten und der Nächste mit Kreativität. Doch alles Anstrengen, Abschreiben oder Ausdenken nützt in der Liebe rein gar nichts. Das größte Gefühl der Welt lässt sich weder kopieren noch kreieren. Das finde auch ich als frischgebackener Single mehr als ärgerlich. Zumal man ja wie im letzten Artikel beschrieben, dann auch gerne noch auf irgendwelche Links wie „Männer erobern“ klickt und denkt, man könne dem Schicksal vorauseilen.
Und sobald dann ein geeigneter Beziehungskandidat tatsächlich in unser Leben tritt, klammern sich viele von uns an die Idee, wie es sein könnte mit ihm. An die Möglichkeit, dass er Mr. Right ist. Dabei ist er einfach nur ein Mensch, den wir noch nicht kennen. Der vielleicht optisch in unser Beuteschema passt, aber deshalb noch lange nicht in unser Leben. Doch sobald wir eine gewisse Verbindung spüren, klammern wir die Realität aus – und den anderen womöglich ein.
So sind viele Mädels beim zweiten Date gedanklich schon bei der Frage, wie sein Nachname zusammen mit ihrem Vornamen klingt. Klar, denn sie sehen ihren Schwarm bereits auf Knien um ihre Hand anhalten und überlegen sich, dass die gemeinsamen Kinder hoffentlich sein schön geschwungenes Kinn erben sollten, aber bitte nicht die Segelohren.
Dabei überlegt er gerade noch, ob er nicht doch lieber das Champions League-Spiel sehen soll und dafür das Date platzen lässt, ob er ihr Lispeln anstrengend oder sexy finden soll, ob sie wohl doch bloß einen Push Up-BH trägt und was er tut, wenn sie den heute nicht für ihn auszieht. Das mögen Klischees sein. Doch tatsächlich stelle ich fest, dass Frauen um die sich anbahnende Zweisamkeit gern schnellstmöglich eine Klammer setzen, noch bevor sie die Faktoren dieser Verbindung kennen.
Vielmehr klammern sie sich an ihre Vorstellung von Mr. Right, einem perfekten Leben, einer idealen Beziehung. So ein neuer Mann, der als Lichtgestalt am Singlefirmament auftaucht, bietet schließlich die perfekte Projektionsfläche für alle Wünsche, die sich eine Prinzessin so ausmalen kann, während sie auf den Prinzen auf seinem Gaul wartet. Und so plumpste neulich auch Lena mal wieder von Wolke Sieben in die Jauchegrube des Liebeskummers.
„Er wollte lieber mit seinen Jungs losziehen als mit mir ins Kino. Er hatte sich sowie schon immer seltener gemeldet. Aber das habe ich mir nicht bieten lassen. Ich habe dann ein bisschen Telefonterror gemacht, weil ich wusste, dass er am nächsten Tag zu Hause ist.“ Bei solch einer starren Klammer bekommt wohl jeder Manschetten. Und so war es dann auch nach wenigen Wochen schon wieder vorbei. „Dabei hätte ich sogar gerne seinen Nachnamen angenommen, das klang gut zusammen“, bemerkte Lena noch.
Die Gleichung der Liebe geht offenbar nur dann auf, wenn man die Klammern richtig löst. Punkt- vor Strichrechnung in Algebra. BH-Frage vor Heiratswunsch. Die Zeit sollten wir Mädels uns nehmen…
Ihr Fräulein Wunder