Als Mal-wieder-Single schaue mir den Markt erst einmal aus sicherer Distanz an. Ein Werbebanner im World Wide Singlenetz führt mich zu einer Männerverstehenanleitung...
„Los, geh aus, genieße das Leben!“, sagen meine Freunde. „Keine Zeit verlieren, der Nächste, bitte!“, skandieren sie. Sie finden mein neues Singleleben aufregend, denn es steckt voller Möglichkeiten, denen sie in ihrem eigenen Alltag keinen Platz einräumen. Weil den schon ihr jeweiliger Mr. Right einnimmt. „Wie wohl dein neuer Freund aussehen wird?“, sinnierte Greta letzte Woche, im achten Monat schwanger. „Sicher wieder ein Hübscher!“, prognostiziert sie. Hohoho, laaangsam, denke ich mir. Erst einmal genügt mir ein bisschen Theorie. Ich gehe wieder in die Lehre, bevor ich mich der Praxis widme. Heute teile ich mit Ihnen die Erkenntnisse aus Lektion 1: Mach dich rar – sei ein Star!
Männer und Frauen passen nicht zusammen. Diesen Satz lernte ich mit Mitte 20 von meiner damaligen Chefin. Nebenbei auch, wie man Pressemitteilungen schreibt und harte Fakten wie diese in ein schmeichelndes Gewand aus Worten hüllt. In Sachen Männer und Frauen musste ich lernen: Alles Schönreden hilft nichts. Eher ein kleiner Sprachkurs Mann-Frau. Zunächst entschied ich mich für Learning-by-doing, doch heute, etwa acht Jahre später, begreife ich langsam, dass ich es immer noch nicht drauf habe. Dieses Männerverstehending. Ich muss doch noch mal einen Grundkurs in Sachen Testosteron buchen. Vielleicht nicht unbedingt bei Kalle. Bei ihm habe ich bereits genügend Feldforschung betrieben. Aber Cord, mein schwuler junger hübscher Freund, muss mir unbedingt demnächst Nachhilfe erteilen. Er weiß, wie Frauen ticken und noch viel besser, was Männer wollen. Na gut, was schwule Männer wollen. Vor einigen Tagen habe ich auf einen dieser Links geklickt. „Verliebe dich!“, „So verdrehst du Männern den Kopf“ und „Mr. Right erobern“. Ich frage mich, woher das Internet überhaupt weiß, dass ich wieder solo bin. Aber wenn es mir seine Lektionen aufdrängen möchte, bitte.
Hinter dem Link empfing mich ein virtueller Coach. Er versprach mir erstmal einige Gratis-Impulse zum Thema Männerverstehen. Wollte ich haben. Ich erfuhr – Überraschung – dass Männer und Frauen nun mal nicht zusammen passen. Dass wir Frauen immer davon ausgehen, dass ein Mann dasselbe braucht wie wir – und das wäre dann Aufmerksamkeit und Liebesbezeugungen im Übermaß. Doch genau das finden Männer doof. Ist es nur ein Klischee, das der Coach bedient, wenn er sagt: Verberge deine Begeisterung. Sei nicht anhänglich. Denn, Achtung: Männer empfinden das als Schwäche.
Kurz: Mach dich rar – sei ein Star! Und wie das funktioniert, erfahren Sie hier. Stand da. Kostet natürlich eine Kleinigkeit. Ok, der Ratschlag an sich hätte auch von meiner Oma kommen können. Die kann ich jetzt natürlich nicht mehr fragen, wie das mit dem männermordenden Star-Appeal funktioniert. Der virtuelle Coach hingegen wollte sein Wissen unbedingt mit mir teilen. Aber danke, ich kaufe nichts. Er lässt nicht locker. Wie ein interessierter Liebhaber verhält er sich. Denn seither bekomme ich alle paar Tage eine Mail von ihm, gespickt mit lebensnahen Beispielen. Das Erstaunliche: Beim Lesen fühlt es sich an, als sei man gerade mit einem „Gib mir Zeit.“ oder „Ich habe erst wieder nächste Woche Zeit. Telefonieren wird auch schwierig.“ abgespeist worden. Und dann ist da dieser verlockende Link. Hier erfährst du, was er damit wirklich meint. Der Witz ist: Ich weiß auch ohne Coach, was hinter solchen Statements steckt. Klingt jedenfalls nicht gerade nach: Du bist meine Traumfrau, lass uns heiraten! Aber das, lässt mich der Coach wissen, kann ich ändern. Wie, erfährst du hier. Die Frage, auf die er wohl keine Antwort hat, ist für mich aber: Will ich überhaupt eine Beziehung, wenn ich mich dafür komplett verstellen muss? Wenn ich taktieren muss und mein Interesse nicht zeigen darf? Ich bin davon überzeugt: Hier versagt die Theorie. Dennoch wünsche ich mir, beim nächsten Mann weniger begeistert zu sein. Ihn weniger zu wollen als er mich. Aber nicht, damit er mich für Miss Right hält. Sondern, damit ich weniger verletzlich bin.
Ihr Fräulein Wunder