Oh, die süße Last der Shoppingtüten. Wie im Rausch verließ ich das Geschäft. Und ich gebe zu: Ich könnt' schon wieder...
Als die Schiebetür sich langsam öffnete, begann mein Herz schneller zu schlagen, immer schneller. Meine Wangen röteten sich, ich spürte, wie sich langsam eine aufregende Wärme in mir ausbreitete und konnte nur hoffen, dass mein Deo das mitmachen würde. Mein Rendezvous mit meinem Lieblingslabel in Hamburgs City. Eigentlich war es sogar eine Ménage à trois, denn meine Freundin Anja wohnte dieser intimen Begegnung bei.
Sanft streichelten meine Finger die edlen Stoffe, sie wanderten von Bügel zu Bügel, glitten über die edlen Stoffe, zitterten ein wenig, wenn sie ein besonders aufregendes Teil unter sich spürten. Eifersüchtig wachte ich darüber, ob Anja nicht auch gerade ein zartes Stück Stoff durch ihre Hände fließen ließ, das eigentlich ich begehrte. Doch schnell vergaß ich die Welt um mich herum.
Ich nahm mir einfach, was ich wollte. Griff zu, wenn ich spürte, dass es richtig war. Aufgewühlt zog ich den Vorhang der Umkleidekabine zu. Entkleidete mich, Kleidungsstück für Kleidungsstück. Hüllte mich in die auserwählten Stoffe, die sich so fremd und neu anfühlten. Ich spürte, es passte einfach. Wie im Rausch gab ich mich dem Überfluss hin, steigerte mich in die Schönheit meiner herrlichen Entdeckungen hinein. In der Umkleide nebenan hörte ich Anja leise stöhnen. Die Jeans war wohl doch zu eng. Als ich leicht verschwitzt an die Kasse trat und nach der Kreditkarte griff, durchströmte mich ein Glücksgefühl, das ein Kribbeln in alle Fasern meines Körpers schickte. Ich sah auch Anja aus der Umkleidekabine kommen. Frustriert ließ sie den Haufen Klamotten in die ausgebreiteten Arme der Verkäuferin fallen. "Nichts dabei?", fragte die. Manche Dinge lässt man lieber unausgesprochen.
Mit glühenden Wangen stemmte ich die vollen Tüten, oh süße Last, und erhaschte beim Hinausgehen mein strahlendes Lächeln in einem der Spiegel. Anja mit trübem Blick an meiner Seite. „Wollen wir noch einen Kaffee trinken gehen?“, schlug ich vor. Anja nickte. Es war ihr nur ein schwacher Trost. Also lud ich sie auf einen prickelnden Prosecco ein. „Ich wusste gar nicht, wie mir geschah“, schwärmte ich. Es war einfach schon so lange her gewesen, dass ich mich in einem Geschäft derart einem Kaufrausch hingegeben hatte. Ich spürte dieses unvergleichliche Gefühl der totalen Entspannung, genoss die Ruhe nach dem Sturm. Ich fühlte mich beflügelt und geerdet zugleich. „Das fühlte sich an wie Sex!“, schwärmte ich Anja vor. Sie nippte an ihrem Prosecco. „Wie schade, dass du heute nicht zum Zug gekommen bist. Ich wünschte, du würdest dich auch gerade so großartig fühlen.“ „Nicht schlimm.“, sagte sie trocken. „Nächstes Mal vielleicht wieder!“
Wir mussten lachen. Das mit dem Höhepunkt ist beim Shopping nicht viel anders als beim Sex. Jedenfalls für Frauen. Und ich muss Ihnen gestehen: Ich könnt’ schon wieder … Wo ist meine Kreditkarte?
Ihr Fräulein Wunder