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Sex, Politik und Gesellschaft
Sex, Politik und Gesellschaft (Kategorie: Sexualitätsblog)
Die 60er waren wild - sexuell und politisch gesehen. Wo ist da der Zusammenhang?

In den Anfangsjahren meiner therapeutischen Ausbildung war eine gesellschaftspolitische Auseinandersetzung mit den Normen und Werten selbstverständlicher Bestandteil der Therapieausbildung.

"Nicht das Individuum ist neurotisch, sondern die Gesellschaft, in der es lebt." Dies war ein Credo, das zunächst übernommen wurde und die Haltung des Therapeuten mitbestimmen sollte. Ausschließlich von abweichendem Verhalten auszugehen, führte an den wahren Bedürfnissen der Hilfesuchenden vorbei – es ging darum, die Persönlichkeit in ihren gesunden Anteilen wiederherzustellen, zu fördern und zur Entfaltung zu bringen. Es sollte klar sein, dass das "Private das Öffentliche und das Öffentliche auch das Private" ist.

Dies galt und gilt auch heute noch insbesondere für den Bereich der Sexualität. In unserem intimsten Verhalten spiegelt sich immer auch eine gesellschaftliche Norm, die wir – bewusst oder unbewusst – verinnerlicht haben. Diese Verinnerlichung oder Identifizierung mit ganz bestimmten Vor-Lieben oder Überzeugungen geschah keinesfalls immer freiwillig. Die Folge davon waren Scham- und Schuldgefühle, Verunsicherungen der eigenen sexuellen Identität oder Hemmungen und Ängste. Ein wichtiger Wegbereiter zur Befreiung und Auflockerung war sicherlich die feministische Bewegung, die z.B. die männlich zentrierte Besetzung von erotischer Kunst und sexueller Symbolik als einseitig entlarvte. So wurde z.B. die berühmt-berüchtigte "Zwei-Orgasmus-Theorie", nach der die Frau eine Entwicklung vom klitoralen zum vaginalen Orgasmus durchmache, widerlegt. Die Theorie – beginnend mit Freud – wurde als "männliche Sichtweise" auf den weiblichen Körper begriffen, und heute weiß man, dass die Annahme einer solchen "Reifeentwicklung" nur zu unnötigen Schuldgefühlen bei vielen Frauen geführt hat. Und wahrscheinlich auch bei den Männern, wenn diese es nicht "geschafft" haben, für einen vaginalen Orgasmus zu "sorgen".

Heute frage ich mich manchmal, was eigentlich von diesen alten Vorstellungen in den Köpfen der Menschen noch übrig geblieben ist. Sind wir tatsächlich alle freier geworden und unabhängiger von äußeren Einflüsterungen? Sind wir inzwischen Herrscher über unsere Körper geworden? Sicherlich nicht. Wahrscheinlich ist, dass unsere Einstellungen und Vorlieben einfach nur mit der Zeit gegangen sind: Manche Dinge sind jetzt selbstverständlich, die früher noch als "unanständig" galten; andere hingegen sind schwieriger geworden. So hat sich der Blick auf den Körper – nicht mehr nur auf den weiblichen, sondern auch auf den männlichen – zwar nicht grundsätzlich, aber in seiner Intensität doch sehr geändert. Der Körper steht mehr denn je für Jugendlichkeit und Erfolg. Zudem gibt er dabei quasi "Auskunft" darüber, zu welcher gesellschaftlichen Gruppe wir gehören. Vielleicht ist das früher auch schon so gewesen, aber sicherlich nicht in diesem Ausmaß. Diese Verschiebung erlebe ich auch in der therapeutischen Praxis. Nicht so sehr konkrete sexuelle Probleme stehen im Vordergrund, sondern Ängste um den Wert der eigenen Person, der über den Körper reguliert wird. Diese "narzisstische" Entwicklung gilt für alle westlichen Industriestaaten und wird wahrscheinlich die Herausforderung für das moderne Individuum, wenn es um seine psychische Gesundheit und innere Stabilität geht. Was vielleicht verloren gegangen ist, ist die Radikalität einer Auseinandersetzung mit diesem Phänomen, vor allem sichtbar an dem Zustand der politischen Parteien. Hier könnte man sagen, ist also eine Spaltung zwischen Individuum und Gesellschaft – zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten – wieder eingekehrt, die nicht weiter hinterfragt wird.


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