Unser Blogautor über das neue Buch der Catherine Millet.
Neulich im Cafe las ich ein Interview im "Spiegel" mit der französischen Autorin Catherine Millet.
Die 62jährige Millet ist Kunstexpertin, lebt in Paris, ist verheiratet und hatte 2001 ein – vor allem in Frankreich – viel beachtetes Skandalbuch über ihr Sexualleben veröffentlicht (Das sexuelle Leben der Catherine M.). Offenbar hatte man ihr als "unscheinbar auftretende Frau" nicht zugetraut, mit einer famosen Kaltblütigkeit auch die letzten Instanzen ihres Trieblebens auszuloten, detailliert zu beschreiben und: Eine Menge Tantiemen dafür einzustreichen. Schließlich lag sie mit ihrer "schonungslosen" Vorgehensweise im Trend: Die Beschreibung sexueller Akte im Einzelnen nebst der Benennung aller dazu gehörenden körperlichen Geräusche, der Beschaffenheit der in Wallung geratenen Eingeweide und die Lust der Selbstdarstellung ist inzwischen Kult. Oder eigentlich auch schon nicht mehr? Denn da dieser Art von Entblößung jede Erotik abgeht, wird die Angelegenheit schnell langweilig – man möchte den Schlachthof menschlicher Verrenkungen, der in erster Linie das Aussondern von Körperflüssigkeiten beschreibt, nach einem kurzen Empörungs- oder Bewunderungsritual (je nachdem, welcher Gemeinde man sich selbst zuordnet) lieber schnell hinter sich lassen.
Nun also der Nachschlag. Frau Millet veröffentlicht ihr Buch "Eifersucht", das im Hanser Verlag auf Deutsch erschienen ist. Nach Meinung des "Spiegels" setzt sie in diesem Buch "die Erkundung des eigenen Ich fort". Wir haben es also demnach mit einer Art öffentlicher Psychoanalyse zu tun. Sich einer solchen zu unterziehen ist – vor allem, wenn man sie selber bezahlen muss, was in diesem Falle nur wahrscheinlich ist, denn es handelt sich um SELBSTERFAHRUNG – eine sehr teure Angelegenheit. Schnell überschlagen bedeutet das: Drei Jahre auf der Couch kosten bei vier Wochensitzungen mindestens 40.000 Euro! Diese dürfte die Autorin aber inzwischen längst wieder drin haben. In ihrem Buch beschreibt sie detailliert nun nicht mehr ihre körperliche Begierde, den Aufschrei ihrer Eingeweide also, sondern jetzt den Aufschrei ihrer Seele, nachdem ihr Ehemann ihr auf die Schliche gekommen ist und sich nun selbst in freizügige Abenteuer stürzt. Frau M. entdeckt, dass sie entdeckt wurde und: Wird eifersüchtig! Das mag überraschen, auch die Autorin fragt sich, was sie vielleicht selbst dazu beigetragen haben könnte, versteht aber ihre eigenen Reaktionen ganz vieldeutig und -schichtig – typisch Intellektuelle – als eine "Verschiebung eines schrecklichen Gewichts im Unterbewusstsein". So weit, so gut bzw. so banal. Was ich dann aber doch interessant fand, war ihre Antwort auf die Frage:
SPIEGEL: Aber die Leute blicken seitdem anders auf Sie, wenn Sie auftreten: Das ist die Catherine M. Ist das nicht unbehaglich?
Millet: Wissen Sie, die Leute, mit denen ich zu tun habe, sind in der Regel sehr höflich und wohlerzogen. So wie Sie ja auch. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele Frauen sich durch mich ermutigt fühlen, über sich selbst zu sprechen. Nein, ich höre kein unangenehmes Gewisper, wenn ich mich in der Öffentlichkeit zeige.
Frau Millet bewegt sich also offenbar in einem Umkreis, der diese Art von Selbstdarstellung bzw. öffentlicher Selbstoffenbarung nicht mit Stirnrunzeln und Entzug sozialer Aufmerksamkeit bestraft, sondern im Gegenteil: Viele Frauen fühlen sich jetzt sogar ermutigt! Diesen Frauen möchte ich jetzt eine Frage stellen: Wann gedenken sie, bitte schön, ebenfalls ihre Memoiren, seien sie sexuell oder von Eifersucht geprägt, der Öffentlichkeit bekannt zu machen? Ich denke da z.B. an einige psychologische Kolleginnen, oder an die Drehbuchautorin von nebenan, an die Ladenbesitzerin von gegenüber, die Kassiererin bei Kaisers oder die Politesse, der ich wieder mal ein Ticket letzte Woche zu verdanken hatte. Wie wäre es, wenn alle diese Frauen – und dementsprechend deren (Ehe-)Männer – einfach alle ihre Zügellosigkeiten plus emotionaler Auswüchse öffentlich bekennen würden – als eine Art kollektiver Selbstreinigung? Und die Tantiemen könnte man in einen gemeinsamen Topf fließen lassen, um endlich in Berlin dafür zu sorgen, dass die Strassen von ihrem Winterdreck befreit werden.