Rituale - die kleinen Erholungsinseln im grauen Alltag. Für Paare bedeuten sie Nähe und Harmonie und schweißen die Beziehung zusammen. So können Liebende auch Krisen und bewegte Zeiten meistern, denn diese Gemeinsamkeit macht stark und zufrieden. Doch auch Singles werden durch Rituale zufriedener.
Lara (46) und Henning (48) sind seit neun Jahren zusammen. "Mit zwei Vollzeitjobs und zwei halbwüchsigen Kindern bleiben wir als Paar im Alltag oft auf der Strecke", sagt die Immobilienmaklerin. Doch zweimal im Jahr gönnen sich die beiden eine gemeinsame Auszeit: "Jeder plant einmal im Jahr ein Wochenende zu zweit und überrascht damit den anderen." Erst kürzlich hat Lara ihren Mann nach Venedig entführt. Im Herbst lud Henning sie in ein Wellness-Hotel an der Ostsee ein. "Diese beiden Wochenenden sind nur für uns. Wir machen das seit Jahren." Sonst, so sinniert Lara, wären sie womöglich gar nicht mehr zusammen. "Wir sprechen dann über all das, was sonst zu kurz kommt, was uns bewegt, was uns fehlt. Es ist toll." Auch Diplom-Psychologin Lisa Fischbach weiß um die Wichtigkeit solcher Rituale. "Solche Inseln im Alltag sind ein guter Puffer gegen Stress, insbesondere in einem Leben, das viel Flexibilität und Unabhängigkeit verlangt."
Rituale machen Paare stark
Rituale schaffen nicht nur Beständigkeit und Verbindlichkeit, sie sind etwas Besonderes und bringen das gewisse Etwas in eingefahrene Beziehungen. "Liebevolle Rituale zu zweit schaffen Nähe und Harmonie und stärken den Zusammenhalt eines Paares", so die Psychologin. Doch sie sind auch eine Form des Dialogs, denn: "Die Entwicklung passender gemeinsamer Rituale unterstützt den positiven Austausch zwischen den Partnern und das macht zufriedener." Wer sich also zusammen mit dem Partner eine gewisse Auszeit vom Alltag überlegt, wird sich seinem Gegenüber näher und verbundener fühlen.
Doch auch Singles profitieren von der heilenden Kraft der Rituale: Rena (51) ist seit vier Jahren geschieden. Jeden Samstag geht die Studienrätin ins Schwimmbad, manchmal verbindet sie es mit einem Saunabesuch oder einem Massagetermin. "Wenn ich einmal nicht kann, dann fehlt mir etwas", sagt sie. Natürlich helfen Rituale auch Singles, sich vom Alltag abzugrenzen und Momente im Leben besonders zu machen. Rena hat beispielsweise gerade die Frühlings-Deko hervorgeholt. "Ich habe einige Dinge, die ich gern immer wieder dekoriere, sie stammen teils noch von meinen Eltern und für mich sind es besondere Augenblicke, wenn ich sie auspacke und aufhänge." Auch das Verwöhn-Menü an Feiertagen oder das Wohlfühlbad bei Kerzenschein sind Rituale, die Singles helfen können, das Alleinsein als weniger belastend zu empfinden.
Auch die kleinen Dinge zählen
Rituale müssen nicht immer groß und aufwändig sein. "Rituale sind so vielfältig wie die Menschen selbst", sagt Lisa Fischbach. Sie entstehen manchmal auch ganz zufällig. Manche Highlights liegen auf der Hand, wie Geburts- oder Jahrestage, Hochzeitstag oder der Tag des Kennenlernens.
Und dann gibt es noch die Rituale des alltäglichen Lebens. Viele Paare konstruieren diese oft unbewusst. Dazu gehören Abschieds- und Wiedersehensriten, bestimmte Tages- und Wochenrituale. Sie stehen laut Lisa Fischbach meist im Zusammenhang mit Freizeit, Essen, Schlafengehen und Sexualität. Wichtig: Paare sollten hinsichtlich der Bedeutung der Rituale auf einer Wellelänge liegen, damit sie nicht sinnentleert und künstlich wirken. Das passiert nämlich, wenn der Bezug irgendwie fehlt.
Helen (33) und Robert (32) wollten einmal pro Monat einen "Paar-Abend" einrichten: "Wir wollten zusammen kochen und über unsere Beziehung sprechen", sagt die Ärztin. "Wir dachten, das mache man so und dann würde die Beziehung automatisch glücklicher." Allerdings hatte das Ganze irgendwie etwas Verkrampftes, weil Helen und Robert auch so über sich und ihre Beziehung sprechen. Mittlerweile beschränken sie sich auf die gemeinsame Zubereitung eines neuen Rezeptes und genießen einfach diese unbeschwerten Abende miteinander.
Lebendige Rituale
Rituale sollten veränderlich bleiben. Nicht immer sind sie über einen langen Zeitraum tragfähig, meint die Psychologin. Sonst laufen wir Gefahr, dass auch das schönste Ritual an Bedeutung verliert und zu einer leeren Hülle wird. Wie sich das anfühlt, weiß Marie (48), deren Ex ihr einmal in der Woche Blumen schenkte: "Zuerst war es eine schöne und romantische Geste, doch dann erfuhr ich, dass er mich betrog und diese Blumen waren einfach nur noch schlimm."
So schön und gut Rituale auch sind: Sie müssen authentisch sein, also am besten selbst entwickelt und gepflegt werden, damit sie ihre positive Botschaft und Wirkung entfalten können. Lisa Fischbach: "Es gibt unzählige Möglichkeiten, Rituale in den Alltag einzubauen und durch sie Kraft und Freude zu schöpfen. Ein bisschen Kreativität und Engagement ist dabei von Paaren und Singles jedoch gleichermaßen gefragt."
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