Man könnte sagen, dass die Liebe von hinten anders aussieht als von vorne.
Der exzentrische Künstler Salvador Dalí wurde mal gefragt, was er retten würde, wenn der Louvre – also die wichtigste Sammlung westlicher Kunst – in Flammen stünde. Seine Antwort war: "Das Feuer!"
Dalí war sicherlich einer der größten Provokateure des vergangenen Jahrhunderts. Wer seinen Bildern Titel gibt wie "Von den Hörnern ihrer eigenen Keuschheit autosodomisierte jugendliche Jungfrau", dem ist sicherlich nicht an gefälliger Kunst gelegen.
Provokation bedeutet ja eigentlich "hervorrufen" oder "herausfordern". Provokateure – und ich glaube auch große Kunst – fordern uns zum Infragestellen, zum Einfühlen, zum Brechen mit Tabus und Gewohnheiten heraus.
Und genau das tut auch die Liebe
Die Liebe fordert uns heraus durch das Rühren an unsere geheimsten Wünsche und größten Ängste, durch die Notwendigkeit sich zu offenbaren und Gewohnheiten zu verwerfen, durch die unüberwindliche Andersartigkeit des Partners oder auch durch die Notwendigkeit einer Trennung.
Im Rückblick betrachten wir vergangene Liebe meist mit mehr Abstand. Oft können wir sie erst im Nachhinein wertschätzen, wenn sie uns nicht mehr bedroht. Man könnte sagen, dass die Liebe von hinten anders aussieht als von vorne.
Wenn die Liebe vor uns steht, fragt sie, wer wir sind, wer wir werden könnten und welches Risiko wir einzugehen bereit sind. Im Nachhinein hängen wir uns gewissermaßen mit Weichzeichner bearbeitete Bilder an die Wände und seufzen versonnen: "Ja ja, die Liebe!"
Ein Mann malt wie ein Besessener, verstümmelt sich und erschießt sich schließlich selbst – seine Bilder verkaufen sich kaum. Hundert Jahre später werden sie als Wertanlagen gehandelt, hängen im Louvre herum und man gälte heute als Banause, wenn man in Van Goghs Werken keine Kunst sähe.
Ich glaube, dass alle großen Künstler mehr oder weniger stark "brennen müssen", wenn ihre Kunst andere herausfordern soll. Und sie brennen oft aufgrund von Leidenschaft und Liebe. Wer leise vor sich hin kokelt, wird kaum Weltbewegendes erschaffen.
Wenn Dalí also im Gedankenexperiment sämtliche Bilder des Louvre seelenruhig verbrennen lässt, dann vermutlich deshalb, weil er im Feuer selbst die Kraft der Transformation sah, die all die Kunst geschaffen hatte, die wir heute aus sicherer Distanz betrachten. Außerdem wusste er, wie es ist für diese Kunst zu brennen.
Viele Menschen möchten die Liebe im Asbestanzug. Unser Ego sucht nämlich einen Partner, der uns möglichst wenig herausfordert und nennt diesen Menschen dann "passend". Aber wir können nicht die bleiben, die wir sind, wenn wir uns entflammen lassen.
Jahre nach dem ersten Feuer hat unser Ego sich den Partner oft als eine Art emotionales Möbelstück einverleibt und aus dem "ich" ist ein "wir" geworden. Wenn sich dieses erweiterte Ego bedroht sieht, glauben wir, dass unsere Liebe gefährdet ist.
Aber eigentlich ist nicht die Liebe in Gefahr – die Liebe IST die Gefahr!
Können wir lernen, die Gefahr zu lieben?
2 Kommentare (älteste zuerst)wie wahr, wie wahr…
Hübsche Analogien:
Jahre nach dem "ersten Feuer" hat unser Ego sich den Partner oft als eine Art "emotionales Möbelstück" einverleibt und aus dem "ich2 ist ein "wir", ein erweitertes Ego geworden, dass, wenn es sich bedroht sieht, unseren Glauben (jetzt erst Glauben?,"wir" glauben doch schon längst an "emotionale Möbelstücke" und "erste Feuer" oder sogar daran, dass "wir" längst wüssten, was "unsere" Liebe ist