Über die Vorurteile der Geschlechter und ihre Relevanz im Sexualleben...
Eine interessante Wortschöpfung habe ich neulich im Netz gefunden: Der Begriff "vulvisch" war mir noch unbekannt. Die beiden Sexualtherapeuten Doris Christinger und Peter Schröter aus der Schweiz haben ihn, wenn nicht erfunden, so doch zu neuer Leuchtkraft verholfen.
Er soll das archetypisch Weibliche bezeichnen und zum Durchbruch in einer immer noch phallisch-dominierten Männerwelt verhelfen. Hintergrund ist mal wieder die ewige Frage nach der Kunst der bleibenden Anziehungskraft in einer längeren Beziehung / Ehe.
Bekanntlich gibt es ja viele Statistiken, die belegen, dass mit den Jahren die erotische Energie im Abnehmen begriffen ist und sich dann zwei Schlafmützen das Ehebett teilen. Wann genau dieser Zeitpunkt eintrifft, ist wohl sehr verschieden. Hier stellt sich also die Frage, wovon er abhängig ist und was man dann eventuell dagegen tun kann. Die beiden Schweizer Sexforscher empfehlen nun die Rückbesinnung auf unser archetypisches Erbe, d.h. männlich-weibliche Verhaltensweisen und Charakterzüge, die angeblich von Natur aus als gegeben angenommen werden dürfen. Ein uralter Streit und immer wieder Thema für politische (Un-)-Korrektheitsdiskussionen, bei denen die männlich-weiblichen Fetzen fliegen. Inhaltlich ist die These also nichts Neues: Dem Mann werden Eigenschaften, wie Mut, Risikobereitschaft, Wachheit, Verantwortungsbewusstsein, Klarheit und Aggression zugesprochen; die Frau soll vor allem "Liebe empfangen und verschenken". Das passt dann zu den beiden Sexualorganen, könnte man meinen, denn auch die "phallische Phase" in der Kindheitsentwicklung bezeichnet ja sowohl für Jungen als auch für Mädchen das aggressive Sich-Zeigen, das man braucht, um später mit Stolz gepaart ein gesundes Selbstbewusstsein vorweisen zu können. Von einer "vulvischen Phase" habe ich dagegen noch nie etwas gehört. Sich auf diese Ur-Prägungen zu besinnen, soll dann wieder zu mehr "Feuer" in der Beziehung und zu befriedigendem Geschlechtsverkehr führen. Ich finde das alles ja schön und gut; und kann selber noch die Anekdote vom kleinen Amor beisteuern, der mit seinen Liebespfeilen immer nur in die Richtung zielt, wo es spannend ist, sprich: Wo zwischen den Partnern noch Kontakt und Angriffslust herrschen. Muss man das aber unbedingt mit angeblich archetypischen Urbildern verknüpfen?
Einleuchtender finde ich eher die Hinweise beider Experten auf die fehlende Offenheit bei fortgeschrittenen Paaren, also die Tendenz, sich gegenseitig als "fertige Menschen" zu betrachten. Dann wird es mit der Zeit langweilig. Hier fehlt in der Tat bei vielen der Mut, klarer und deutlicher ihre Bedürfnisse zu kommunizieren.
Allerdings ist doch wohl das eigentliche Problem dabei, dass man sich nicht nur gegenseitig beim Stehenbleiben zuschaut, sondern auch vor sich selbst Schwierigkeiten hat, sich ständig neu erfinden und weiterentwickeln zu müssen, damit es dann auch in der Partnerschaft wieder funkt. Dies kann gerade einen Erwartungsdruck hervorrufen, dem viele dann nicht gewachsen sind und sich in sich zurückziehen. Man sollte also das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Auf der anderen Seite immer mal wieder ein Ansporn, sich auf etwas Neues einzulassen oder seinen Partner mit einer kleinen Selbstoffenbarung zu überraschen (Er: "Gestern habe ich da doch einen verdammt guten Porno gesehen!" Sie: "Mein Yogalehrer hat ja 'nen ganz schönen Knackarsch!") kann sicherlich auch nichts schaden…