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“Phänomen Kinderwunsch mit neuem Partner – woran liegt’s?”
“Phänomen Kinderwunsch mit neuem Partner – woran liegt’s?” (Kategorie: Expertenboard)
Warum verspüren kinderlose Frauen mit einem neuen Partner oft den Wunsch nach einem eigenen Kind?

Sehr geehrte Redaktion,  
ich möchte gerne herausfinden, warum bisher kinderlose Frauen (meist älter) nach dem Kennenlernen eines neuen Partners den tiefen Wunsch verspüren, ein “eigenes” Kind haben zu wollen?
Bin gespannt auf die Antwort!

Mit freundlichen Grüßen  
Pia* 
*Name von der Redaktion geändert

Antwort: Wenn der Bummelzug des Lebens zum ICE wird…

Hallo Pia,

in unserer postmodernen Welt, in der ja bekanntlich Orientierung und Werte fehlen bzw. nur noch schwer langfristig zu verinnerlichen sind, sind sowohl Frauen als auch Männer häufig verunsichert, wenn es um die Frage geht, wie oder ob sie überhaupt ihren Kinderwunsch verwirklichen sollen. Beziehungen passen sich an wirtschaftliche “Verhältnisse” an; man hat Ansprüche, Erwartungen und Hoffnungen. In längst vergangenen Zeiten wurden Entscheidungen noch “wie von selbst” getroffen. Der Lauf der Dinge war mehr oder weniger vorgezeichnet, bestimmt durch die soziale Herkunft, den bürgerlichen Stand, das Geschlecht oder die moralischen Erwartungen von Kirche und Gesellschaft. Heute verstehen wir uns als selbstbestimmte, emanzipierte Individuen, die nachdenken, bevor sie eine Wahl treffen. Dies führt aber auch oft dazu, dass Entscheidungen vertagt bzw. aufgeschoben werden – denn die Wahl ist auch gleichzeitig die Qual der Wahl, und der Mensch neigt nun einmal dazu, Unlustgefühle zu vermeiden.

Gerade die Entscheidung für oder gegen den eigenen Nachwuchs wird somit häufig in die Zukunft verlegt, und der Partner, mit dem man gegenwärtig noch seinen Tisch und sein Bett teilt, ist nicht mehr selbstverständlich auch derjenige, der als Mutter bzw. Vater für eine Familiengründung auserwählt wird. “Lebensabschnittspartner” eben. Dies führt dann zu mancherlei komplizierter – oder zumindest als kompliziert empfundener – Konstellation. Der Kinderwunsch ist dabei im Laufe der vielfältigen Entwicklungen (Berufs- und Ortswechsel, Trennungen) im Hintergrund geblieben – aber er hat sich keinesfalls in Luft aufgelöst. Plötzlich spielt dann auch das Alter eine Rolle, die biologische Uhr tickt nicht nur, man hört sie nun auch deutlicher. Das ist so, wie mit den kleinen Fältchen unter den Augen, den schwindenden Discobesuchen, den zunehmenden Gewohnheiten: Der Bummelzug des Lebens ist zu einem ICE geworden.

Für viele führt in einer solchen Lebenslage ein aufgeschobener Wunsch zu einem gewissen Druck, einem Erwartungsdruck an sich selbst und eben auch an einen neuen Partner, wenn dieser plötzlich ins eigene Leben getreten ist. Er soll jetzt Wunscherfüllungsgehilfe sein. Das sollte kein Problem sein, wenn man das Glück hat, jemanden zu lieben, der den gleichen Wunsch verspürt. Das ist dann fast wie ein Geschenk. Aber oft hat der Auserwählte vielleicht selbst schon Kinder und möchte nicht noch “nachlegen”. Oder er fühlt sich zu anderen Dingen im Leben berufen und hat das Familienthema bereits für sich abgehakt.

Im ersten Fall wird man damit konfrontiert, dass man nun nicht nur einer Patchwork-Familie ins Auge schauen muss – sondern auch den dazugehörigen, ehemaligen Partnern. Diese anzuerkennen und ihnen mit dem nötigen Respekt zu begegnen, fällt vielen schwer. Aber es ist unerlässlich, dass dies geschieht, denn den Kindern ist es egal, ob Vati oder Mutti angeblich böse sind: Sie wollen einfach alle lieben und von ihnen zurückgeliebt werden. Dies zu gewährleisten, ist die größte Herausforderung für eine neue Familiengründung.

Im zweiten Fall, also falls beide noch kinderlos sind, scheint die Sache auf den ersten Blick einfacher zu sein. Aber das kann täuschen. Denn entscheidend ist hier, dass niemand sich funktionalisiert oder benutzt fühlt. Wahre Liebe ist nicht zielgerichtet, sie schert sich nicht um unerfüllte Wünsche aus der Vergangenheit.  Sie ist vielmehr abhängig davon, ob sich solch ein Wunsch auch tatsächlich in der Gegenwart des neuen Paares einstellt – oder eben nicht. Die Idee “Ich habe mir schon so lange ein Kind gewünscht, und Du sollst mir nun dazu verhelfen” kann ziemlich nach hinten losgehen. Fazit: Man muss möglicherweise auf diesen Wunsch verzichten und einsehen, dass man zu lange gewartet hat. Das ist das, was den meisten am schwersten fällt. Wenn man das nicht kann, ist eine schnelle Trennung unumgänglich und die Suche geht weiter. In der Realität sieht es natürlich oft anders aus: Aus solchen Beziehungen entstehen Kinder, die dann mit einem mehr oder weniger frühen Auseinandergehen der Familie klarkommen müssen und dann in der nächsten Patchwork-Familie landen – oder mit einem alleinerziehenden Elternteil aufwachsen.

Besten Gruß
Volker Drewes


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