Den meisten ist ihr Beziehungsstil oft nicht bewusst.
Jeder Flirt verläuft anders. Manche Menschen lassen beim Small Talk zu viel, andere zu wenig Nähe zu, manche flüchten aus heiterem Himmel – ohne ersichtlichen Anlass. Sind das Spuren der Kindheit?
Wer gerne flirtet, der weiß aus Erfahrung: Frau beziehungsweise Herr Unbekannt reagiert auf verbale Kontaktaufnahmen nicht immer so, wie man es erwartet. Selbst wenn der erste Spruch "sitzt", sich ein nettes Gespräch entwickelt ? dann heißt das noch gar nichts. Was nach dem ersten Flirt kommt, ist weitgehend unplanbar. Denn es gibt eine nicht bekannte Größe in der Flirt-Gleichung: Der Andere.
Mir selbst erging es schon so (und Ihnen sicher auch): So mancher Flirt, verheißungsvoll, wie er vielleicht war, entpuppte sich im Nachhinein als Strohfeuer. Man hat sich gut unterhalten, sogar ein Date fürs nächste Wochenende ausgemacht. Und was passiert? Nichts! Aus den Augen, aus dem Sinn.
Ein solcher Reinfall kann viele Gründe haben; vielleicht pflegt der andere ja einen sogenannten unsicher-vermeidenden Bindungsstil…
Bindungsstile wurden schon vor Jahrzehnten untersucht. John Bowlby ist der Begründer der Bindungsforschung. Mittlerweile geht man von vier verschiedenen Bindungsstilen aus, die sich bereits im Kindesalter zeigen und relativ konstant im ganzen Leben bestehen bleiben. Entsprechend sind manche Menschen aufgrund entsprechender sozialer Erfahrungen…
…sicher gebunden (sie können "normale" Beziehungen ohne große Schwankungen führen),
…unsicher-vermeidend gebunden (sie haben eine hohe rationale Intelligenz und streben Kontrolle in der Partnerschaft an),
…unsicher-ambivalent gebunden (sie zeigen widersprüchliche Verhaltensweisen und legen sich nur selten auf jemanden wirklich fest),
…desorganisiert gebunden (Betreffende zeigen das "Komm her – geh' weg"-Verhalten, das heißt, sie klammern sich zu schnell an jemanden und stoßen ihn kurz darauf wieder weg – Fortsetzung folgt).
Dummerweise ist den meisten Menschen nicht bewusst, welchen Beziehungsstil sie offenbaren. Denn er prägt sich, wie oben schon gesagt, schon in den ersten beiden Lebensjahren aus. In dieser Zeitspanne wird vorwiegend unser emotionales Gehirn, wissenschaftlich gesagt: Die limbische Ebene, geprägt. Später kommt erst die kortikale Ebene hinzu, sprich das "logische Denken". (Daher fehlt auch darüber hinaus die Einsicht in die Ursachen des eigenen Bindungsstils.)
Man kommt "im Nachhinein" nicht mehr bewusst an die ersten Lebensjahre heran – es fehlten damals ja die Hirnareale, die für das bewusste Erinnern (explizites Gedächtnis) zuständig sind. Noch tragischer: Bindungsunsichere Menschen neigen zu einem speziellen Wahrnehmungsfehler: Zur sogenannten externalen Kausalitätsattribuierung.
- Sie sehen ihr Dilemma ausschließlich als von außen verursacht und nicht als "mitverschuldet" an: "Die Männer, die ich kennenlerne, sind alle so komisch!" Dabei wird aber vorauseilend oft ein bestimmtes Erwartungsmuster dem anderen unbewusst mitgeteilt. Und das Unheil nimmt seinen Lauf…
Nun denn. Hieraus ergeben sich zwei Anregungen:
1. Wenn Sie Abfuhren (Körbe) bekommen, dann kann das auch mal daran liegen, dass Sie einfach nicht ins (Bindungs-)Beuteschema des anderen passen. Das "Problem", wenn Sie so wollen, liegt dann gar nicht bei Ihnen, sondern in seinen irrationalen Partnersuchbildern.
2. Achten Sie, wenn Sie jemanden neu kennenlernen, vor allem darauf, wie sich der andere in der Anfangszeit verhält. Seien Sie aufmerksam in Bezug auf Anzeichen des sicheren Bindungsstils ("normale" Verhaltensweisen), des unsicher-vermeidenden (redet viel, tut aber nichts), des unsicher-ambivalenten (windet sich immer aus Absprachen heraus) und des desorganisierten (extreme Nähe wechselt sich mit extremer Entfernung ab).
Ich danke Ihnen für Ihren Artikel, den ich sehr gut finde. Beleuchtet er doch das zentrale Problem der "Beziehungsfähigkeit", die von Singles auf der Partnersuche landläufig fälschlicherweise bei sich und dem Gegenüber des Interesses vorausgesetzt wird.
In meiner Praxis arbeite ich als Coach, Lebens- und Paarberaterin im Bereich der Aussöhnung mit den Eltern und Rückbindung, und arbeite mit Menschen, die ihr Bindungsverhalten wirklich verändern wollen, weil ihnen ihr 50%iger Anteil an der Verantwortung am Misslingen bzw. der Schieflage ihrer Beziehungen bewusst geworden ist.
Leider ist nur noch ca. 50% unseres Volkes sicher gebunden (Tendenz u.a. durch die Säuglingskrippenbewegung leider stark steigend), was mehr und mehr zu der, von Ihnen m. M. nach zurecht als "Tragödie" benannten Situation, dem existenten "Bindungsnotstand" führt.
Mit freundlichen Grüßen Ihre
Katja von Armansperg