Neujahrsmorgen lese ich einen Artikel im Spiegel Nr. 52, der mich mit der für dieses Magazin doch recht ungewöhnlichen Überschrift "Die brutalen Sexpraktiken der Tiefsee-Tintenfische" auf den Inhalt neugierig gemacht hat.
Ich schlage Seite 115 auf und lese: "Sex in der Tiefsee ist eine diffizile Angelegenheit. Es beginnt schon mit der Suche nach der Partnerin: wie sie finden in den Weiten des stockdunklen Ozeans?" Das Erfolgsrezept des forschenden Biologen Jan Ties Hoving von der Universität Groningen "Nutze den Augenblick" springt mir sofort ins Auge. "Wie Recht er hat", denke ich, wage dabei aber nicht seine Forschungsarbeiten zu beurteilen, sondern wandere in meinen Gedanken zur Partnersuche zwischen Menschen und halte die Aussage für eine ganz wichtige Grundregeln beim Flirten und Kennenlernen.
Wir begegnen im Alltag zahlreichen Menschen, sei es auf dem Weg zur Arbeit, in der Warteschlange an der Kinokasse, beim Einkaufen, an der Käsetheke, auf der Straße, im Café, neben uns auf der Parkbank, im Zug oder beim Warten im Einwohnermeldeamt. Flirten lässt sich überall, nicht nur am Abend beim Tanzen oder in Bars. Dort scheint es zwar "legitimer", weil hier der Flirtfaktor allgemein höher ist. Aber es ist nicht unbedingt erfolgreicher. Gerade in solchen Situationen, in denen wir mehr Flirtoffensiven erwarten, werden unsere Schutzschilder schneller ausgefahren, möchte man einen ungestörten Abend verbringen.
Der Alltag bietet viel mehr Chancen als oft wahrgenommen. Sind wir offen und interessiert, mit Menschen in Kontakt zu treten, bieten sich unzählige Chancen, Blicke auszutauschen, ein Lächeln zu schenken oder zu bekommen, in ein Gespräch einzusteigen. Häufig vermeiden wir aber eher Kontakt. Wir verstecken uns hinter hochgezogenen Mantelkrägen, hinter Büchern und Zeitungen, schirmen uns mit Musik auf den Ohren oder dem Laptop auf dem Schoß ab, blicken zur Seite, wenn uns Blicke treffen. Wer hingegen bereit ist, Augenkontakt zuzulassen oder zu initiieren und offen ist, wird leichter in Kontakt kommen. Und gerade beim Flirten gilt die goldene Regel "Nutze den Augenblick". Ein erster Blick in die Augen, der erwidert wird, ein Lächeln mit einem weiteren Blick ist die beste Chance und Einladung auf ein "Hallo", bevor der junge Mann mit seinen Einkäufen aus der Warteschlange abbiegt, die interessante Frau neben Ihnen aufsteht und im Flugzeug ganz woanders sitzt, der attraktive Typ im Wartezimmer beim Arzt zur Behandlung aufgerufen wird. Wer immer auf eine bessere Gelegenheit wartet, verpasst den richtigen Augenblick und vielleicht eine große Chance auf eine tolle Begegnung. Wie passend, dass mir eine Freundin letzte Woche erzählte, ihren Freund beim Zahnarzt kennengelernt zu haben, indem sie sich beide gegenseitig Mut machten und einhelliger Meinung waren, dass einem schon beim Hören des Bohrgeräusches ganz furchtbar mulmig werden würde. Bei keinem wurde gebohrt, stattdessen ging man Kaffeetrinken.