Wer kennt sie nicht, die Klischees über Informatiker: Sie sind selbstverständlich Brillenträger, kleben Tag und Nacht vor ihrem Rechner, geben auf Körperhygiene ebenso wenig acht wie auf ihr Aussehen und Soziallegastheniker vor dem Herren sind sie sowieso.
Und weil diese bemitleidenswerten Kreaturen so gar keine Ahnung vom menschlichen Miteinander haben, lernen sie nun am Hasso-Plattner-Institut für Software-Systemtechnik in Potsdam das Flirten. Ausgerechnet der Radio-Moderator und Flirt-Experte Phillipp von Senftleben wurde erwählt, den IT-lern die so genannten Soft Skills, die man zum Flirten braucht, nahe zu bringen. Na klar, ein bisschen Einfühlungsvermögen ist in jedem Beruf bisweilen vonnöten und sollte tatsächlich zur Ausbildung selbstverständlich dazu gehören. Diese Erkenntnis ist ebenso einleuchtend wie lobenswert für ein Institut wie dieses.
Die Holzhammer-Methode
Aber dass es unbedingt Brachial-Flirter von Senftleben sein muss, der dieses Wissen vermittelt, macht die gute Absicht schon wieder zunichte. Die Strategien, die von Senftleben propagiert, sind objektiv betrachtet doch recht oberflächlich. Geht es doch bei den von ihm kolportierten Flirt-Tipps in erster Linie darum, eine Frau "herumzukriegen". Immerhin gehört es zu seinen herausragendsten Leistungen, wildfremden Frauen ihre Telefonnummern abzuluchsen. Ob und wie er sich im weiteren Verlauf einer solchen Bekanntschaft durch Verve und Esprit hervortut, ist fraglich.
Nun, und genau darum soll es doch bei den Soft Skills, die man zum Flirten braucht nicht gehen: Sondern darum, andere Menschen in ihren individuellen Besonderheiten und Stimmungen wahrzunehmen. Wenn dies allzu sehr nach Schema F stattfindet, wird es schnell peinlich. Ob sich die angehenden Programmierer damit einen Gefallen tun?
Davon mal ganz abgesehen: Einige meiner besten Freunde sind IT-ler und die entsprechen keineswegs dem gängigen Klischee. Dem entsprechen schon eher die brachialen Flirt-Strategien des Fun-Radiomoderators.
Ich halte diese "Informatiker lernen flirten"-Masche für eine wirkungsvolle Marketing-Plazierung, aber für ansonsten übertrieben, da sie eigentlich nur noch mehr das Image der Informatiker unterstreicht (da es impliziert, dass diese es nötig hätten). Das ist überholt und falsch. In vielen Informatik-Studiengängen (so auch bei uns) bekommt man außerdem soziale Kompetenzseminare verpasst. Und Informatiker, die unhygienisch sind kenne ich beim besten Willen nicht, sie sind vergleichsweise eher hygienischer.
Ich denke auch, dass man so etwas keinesfalls verallgemeinern darf. Mag sein, dass es solche Informatiker gibt. Aber es gibt mit Sicherheit diesen oben beschriebenen Typ auch unter Ärzten, Lehrern (und das weiß ich aus eigener Erfahrung), Betriebwirten et cetera.
Des Weiteren kann ich mir nicht vorstellen, dass alle schüchternen Männer (und für solche soll das Seminar wohl gedacht sein) Informatiker sind. Kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen…