Bestseller-Autorin Nina George (34) schreibt unter dem Pseudonym Anne West erfrischend unverkrampfte Ratgeber zum Thema Beziehungen und Sexualität. Hier plaudert sie über ihre Lieblingsthemen.
Frau George, warum interessieren Sie sich so sehr für Sexualität?
"Neben Essen ist das ein Thema, das jeden betrifft, und den Umgang miteinander beeinflusst. Wir sind zwar intelligente Geschöpfe, vernunftorientiert und fähig zur mentalen Abstraktion – aber eben auch triebgesteuert. Das ist ein grundlegendes Bedürfnis, wie atmen, essen, schlafen und das Macht- und Sicherheitsbedürfnis. Diese Gegensätze zwischen Kopf und Bauch sorgen für eine ganz eigene Dynamik im Verhalten. Mich interessiert es, genauer hinzusehen, was der Trieb in unendlich vielen Facetten und Bereichen mit uns macht."
Und was raten Sie in Ihren Büchern?
"Ich rate zum Zweifel und zur Unperfektion. Ich weiß es auch nicht 'besser', denn jeder kann nur allein für sich herausfinden, was ihm wichtig ist und in welcher Form. Ich möchte Menschen davor bewahren, How to-Ratgebern zu glauben, und dann frustriert zu sein, dass es nicht klappt, wie sie es sich vorstellen. Es gibt keine Gelingrezepte, die für alle gelten. Das Leben ist unberechenbar; Ratgeber erzählen uns, wie es angeblich sein könnte oder müsste, und treffen damit auf den natürlichen Drang, alles richtig machen zu wollen. Doch "richtig" gibt es nicht, nur ethische Grundsätze, die aber nichts mit Ratgebern zu tun haben."
Woher nehmen Sie Ihre Erfahrungen?
"Die liegen vor der Haustür. Als Gesprächsschnorrerin höre ich in jedem Café, bei jeder Busfahrt, in jedem Telefonat eine neue Eigenheit über Beziehungen. Natürlich verarbeite ich auch viele eigene Erfahrungen und Beobachtungen; ich schreibe eigentlich über meine eigenen Sehnsüchte, Hoffnungen, über das Scheitern und Menschwerden."
Haben Männer und Frauen überhaupt eine Chance, sich zu verstehen?
"Klar! Männer und Frauen sind gar nicht so verschieden, wie immer behauptet wird – die einzigen herausragenden Unterschiede liegen im Chromosomensatz, und in der männlichen Fähigkeit, beim Kugelstoßen weitere Entfernungen zu erzielen. Alle anderen Unterschiede sind nicht verallgemeinerbar. Klischeemacherei und Über-Psychologisieren waren jetzt einige Jahre in Mode und es war sicherlich amüsant, wer warum angeblich nicht einparken kann oder die Butter im Kühlschrank übersieht. Doch das ist eindimensional und trifft nicht den Kern der Frau-Mann-Beziehung. Das häufigste Problem, das zu Miss-Verstehen führt, ist: Keine oder von Scham geprägte Kommunikation. Wir trauen uns nicht, zu reden. Was wir wollen, wünschen, brauchen. Dabei kann man mit Reden jedes Problem lösen; denn ist es in Worte zu fassen, kann es auch angepackt und verändert werden. Das größte Problem ist das Schweigen: Was nicht formulierbar ist, wird sich kaum lösen lassen. Dabei kann man sogar darüber reden, dass man sich schwer tut, zu reden, und dadurch zu einer gemeinsamen Kommunikation finden! Und dabei reden, wie man denkt, anstatt empfohlenen Kommunikationsmustern zu folgen. Dieses ganze Gerede von Streitkultur und so weiter, wie man formulieren sollte – das ist unlebbar. Jeder soll so sein, wie er ist. Nur Authentizität in der Kommunikation wird auf Dauer ein Paar zum Reden bringen."
Männer und Frauen müssen also bloß reden?
"Im Prinzip schon. Sich gegenseitig auf dem Laufenden zu halten, kann selbst kleinste Missstimmungen entschärfen, die sonst auf Dauer zu Unzufriedenheit führen. Beispiel: Sie will mit ihm schlafen, er nicht. Sie traut sich zu sagen, dass es sie enttäuscht, aber auch verunsichert. Er hat die Möglichkeit zu erklären, warum er nicht möchte, weil er heute noch in Gedanken bei Anderem ist, und kann aber gleichzeitig auf ihre Verunsicherung eingehen und eine Ersatzhandlung anbieten. Verginge dieser Moment schweigend, würden beide mehr und mehr verunsichert, was das denn da eben war, und aus dieser Unsicherheit heraus verkrampfter miteinander umgehen.
Doch es ist nicht nur das gegenseitige Auf dem Laufenden Halten. Eine weitere Facette ist das Miteinandersein: Behandeln Sie Ihren Liebespartner immer so, wie Sie auch Ihren besten Freund behandeln: Mit Respekt und Offenheit, keine Machtspiele, keine Manipulation, keine präventiven Angriffe, um zu vermeiden, verletzt zu werden. Wie viele Paare behandeln einander unhöflicher, als sie es bei Fremden wagen! Manchmal nur aus dem Grund, dass der Andere sie nicht so liebt, wie sie es sich vorstellen. Machen Sie sich frei von den gängigen Klischees, Frauen sind nicht immer so und so, Männer so und so, und eine gute Beziehung muss das und das sein. Ich bin da eine hoffnungsvolle Idealistin, dass sich dieses Wissen durchsetzt: Wir sind einander ähnlich, haben ähnliche Liebes-Bedürfnisse, aber können uns nur so lieben, wie es individuell möglich ist."
Warum sind Beziehungen so kompliziert?
"Es ist die Kunst, wahrzunehmen, was zwischen zwei Menschen passiert, den Anderen zu sehen, wie er ist – und nicht Dinge von ihm zu erwarten, die er nicht bieten kann. Man sollte nie vergessen, dass nicht der Andere oder gar die Beziehung dafür da ist, ein fades Leben in Schwung zu bringen. Am schwersten ist es, die Hoffnungen zu ertragen, die man aneinander hat. Viel lieber sollte man die gemeinsamen Möglichkeiten entdecken. Die manchmal völlig anders aussehen als die Vorstellungen, wie eine Liebe zu sein hat! Das ist nicht einfach zu ertragen, dass das Leben etwas anderes vorhat als unsere Träume es wünschten."
Wir alle haben Unmengen von Ratgebern gelesen und sollten eigentlich wissen, wie es geht. Warum klappt es trotzdem nicht?
"Keiner weiß über die Liebe etwas Genaues. Sie ist für jeden anders. Wir wissen, wie eine Beziehung scheitert, aber wie die Liebe bleibt, ist immer noch ein Rätsel. Wir sind angefüllt mit Klischees – Bücher, Medien, Hollywoodfilme. Wir haben alle eine romantische Ader. Aber es ist ein Mythos, dass Liebe immer dramatisch sein muss, um wahr zu sein. Das Leben ist keine Romanze, und nach dem Happy End geht es erst richtig los: Dann kommt nämlich der Alltag. Wir wissen nicht zuviel, wir glauben nur, zu wissen. Liebe ist kein Wissen, es ist Gefühl. Es ist das einzige Gefühl, für das wir ein Gegenüber brauchen. Und deswegen ist es absolut unberechenbar und unsteuerbar. Lasst uns aufhören, die Liebe zu steuern, und schauen wir lieber, was wir in unserem Verhalten unserem Partner gegenüber verbessern können: Nämlich mit Interesse und Wohlwollen agieren, niemals mit Besserwisserei oder Selbstverständlichkeit. Dann hat es die Liebe schon viel leichter, zu bleiben."
Sehr geehrte Frau George, wir danken Ihnen für das Gespräch!
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