Fast ein Viertel der 20- bis 30jährigen heutzutage führt eine Fernbeziehung. Dabei bleiben zwei Dinge, die für die Liebe besonders wichtig sind, häufig auf der Strecke.
Nähe und Vertrautheit. Die Kieler Ethnologin Franziska Stoll gibt im Interview Tipps, wie so eine Liebe auf Distanz gelingen kann.
Frau Stoll, warum gibt es immer mehr Fernbeziehungen?
Das Berufsleben verlangt immer mehr Flexibilität. Wer erfolgreich sein will, muss häufig sein Privatleben zurückstellen. Um das in Einklang zu bringen, werden vermehrt Fernbeziehungen geführt. Auch die Emanzipation hat dazu beigetragen. Frauen wollen ihren Beruf nicht mehr einfach so aufgeben, um dem Mann beispielsweise in eine andere Stadt zu folgen. Man könnte sagen, die steigende Zahl der Fernbeziehungen ist auch eine Folge des Strukturwandels in der Gesellschaft.
Also lebt kaum ein Paar freiwillig auf Distanz?
Oh doch. Es gibt durchaus Paare, die sogar innerhalb einer Stadt zwei getrennte Wohnungen haben, weil sie die private Freiheit und die Vorteile des Singlelebens auskosten wollen, ohne auf die Vorteile einer Beziehung zu verzichten. Sie schätzen auch die Sehnsucht als besondere Qualität und berichten, dass die gemeinsam verbrachte Zeit besonders intensiv sei. So bleibt eine Beziehung länger aufregend, weil es keinen nervtötenden Alltag gibt.
Halten die Vor- und Nachteile sich die Waage?
Das kann man so nicht sagen. Der größte Nachteil einer Fernbeziehung ist tatsächlich der fehlende gemeinsame Alltag. Der Mangel an Nähe, das ständige Reisen, die hohen Kosten und die fehlende Schulter zum Anlehnen können häufig Gründe für das Scheitern von Fernbeziehungen sein. Deshalb betrachten die meisten Paare das eher als Übergangslösung und nicht als Dauerzustand. Die dauernde Umstellung vom Alleinsein zum Zusammensein ist für viele ein Problem. Oft führt das zur Entfremdung zwischen den Partnern.
Und was raten Sie konkret, wenn zwei sich auf Distanz lieben?
Feste Rituale sind wichtig, um den fehlenden gemeinsamen Alltag zu kompensieren. Dazu sollte beispielsweise das abendliche Telefonat gehören, um einander auf den neuesten Stand zu bringen und die räumliche Distanz zu verringern. Vorzugsweise sollte dies über das Festnetztelefon geschehen, denn das ist verbindlicher, beide wissen, der andere ist jetzt zu Hause und nicht irgendwo im Öffentlichen Raum, außerhalb der Privatsphäre.
Wie macht man es richtig, wenn man sich trifft?
Viele Paare wollen alles nachholen, was sie in der Zeit der Trennung versäumt und vermisst haben. Oft sind dann die Erwartungen viel zu hoch. Oder aber, man vermeidet jeglichen Alltagsstress und läuft Gefahr, dass die Beziehung oberflächlich wird. Deshalb ist es wichtig, auch in einer Fernbeziehung gemeinsamen Alltag zu leben. Ob man dann möglichst viel unternimmt oder lieber zu zweit bleibt, ist von Paar zu Paar verschieden. Wichtig ist, dass beide Partner die gemeinsam verbrachte Zeit planen und mitbestimmen.
Ihre Tipps gegen den Abschiedsschmerz?
Einer der schlimmsten, immer wiederkehrenden Momente in jeder Fernbeziehung ist der Moment, in dem man wieder einmal Abschied nehmen muss. Man spricht hier auch vom Sonntagsgefühl. Das ist geprägt von Proteststimmung gegen die Abreise, Verwirrtheit, Anlehnungsbedürfnis und Gefühlschaos. Je schneller sich die Partner wieder in ihren eigenen Alltag eingefügt haben, desto eher überwinden sie auch dieses Gefühl. Manche kommen damit besser klar als andere, das ist eine Typfrage. Viele lenken sich mit Arbeit und ausgefüllter Freizeit ab, um die Zeit bis zum nächsten Wiedersehen zu überbrücken.
Sehr geehrte Frau Stoll, wir danken Ihnen für das Gespräch!
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