"Bei Anruf nackt" heißt das äußerst amüsante und kluge Buch der Journalistin und Autorin Ulrike Bornschein. Darin resümiert sie ihre Erlebnisse bei der Online-Partnersuche. Im Interview erklärt sie, was sie dabei über sich selbst und die Männer gelernt hat.
Frau Bornschein, warum hat es mit der Partnersuche im Internet bei Ihnen nicht geklappt?
Es hat durchaus geklappt. Ich hatte eine ganze Reihe kurzer Affären und Beziehungen. Dass sie nicht lebensfähig waren, kann man nicht den Partnerportalen anlasten. Ich habe sehr viel über mich selbst und die Männer gelernt. Je häufiger ich mich den Ritualen des Kennenlernens stellte, desto gelassener wurde ich im Umgang mit Männern. Es schärft die Beobachtungsgabe und hilft, die eigenen Bedürfnisse zu fokussieren. Gerade enttäuschende Begegnungen beförderten eine wichtige Erkenntnis: Ich bin eine erwachsene Frau, die nicht mehr everybody's darling sein will. Außerdem ist mir klar geworden, dass kein wirklich wahrnehmbarer gesellschaftlicher Dialog stattfindet, der das Wesen der Liebe in der zweiten Lebenshälfte zum Inhalt hätte oder wenigstens zu beschreiben versuchte. Denn jenseits von Reproduktionswünschen und Versorgungsinstinkten eröffnet sich in dieser Lebensphase die großartige Chance, Zuwendung und Verantwortung aber auch Hingabe und Erotik in bisher ungekannter Freiheit zu entdecken und entwickeln.
Sie haben einige sehr schräge Begegnungen gehabt. Was stimmt nicht mit den Männern?
Ökonomischen Erfolg und tradierte Werte und Rollenzuweisungen sind bei vielen Männern viel stärker verzahnt, als mir bewusst war. Männer dieses Typs sind in den hochpreisigen Portalen logischerweise oft anzutreffen, denn sie sind aktiv und effizient. Entsteht ein Kontakt, fordern sie sehr schnell sehr viel: Sie wünschen sich, dass die von ihnen erwählten Frauen sich mit Intuition, Charme und Intelligenz in ihr Leben einfügen. Wenn zum Beispiel aus einer Fernbeziehung ein gemeinsames Leben werden soll, wird der Wohnortwechsel eher von der Frau erwartet – mit allen möglichen beruflichen und privaten Nachteilen, die das mit sich bringen kann. Ich habe mich oft gewundert, dass kluge und empathische Männer mit völlig unrealistischen Wünschen und Sehnsüchten auf der Suche nach ihrer Traumfrau sind – anstatt sich auf das aufregende Abenteuer einzulassen.
Ist die Online-Partnersuche dennoch empfehlenswert?
Wer ernsthaft einen Partner sucht, bekommt hier eine zusätzliche, aus meiner Sicht wirklich gute Möglichkeit geboten, ihn zu finden. Es ist aber ebenso wichtig, sich nicht auf die virtuelle Suche zu begrenzen. Aus einem interessanten Gespräch über Sinn und Unsinn von Internet-Partnerportalen kann ein hinreißend entspannender Flirt an einer Hotelbar werden. Habe ich jedenfalls festgestellt.
Wann sollte man lieber die Finger davon lassen?
Wer nicht in der Lage ist oder sich nicht die Mühe machen will, möglichst fehlerfrei einfache Sätze zu formulieren, hat es schwer. Schriftliche Ausdrucksfähigkeit ist leider auch bei Akademikern Mangelware. Die peinliche Ausrede "Um Schriftkram kümmert sich sonst meine Sekretärin." wird geradezu inflationär verwendet. Und "Toleranz" hat nichts mit "toll" zu tun. Dabei sind klar formulierte Gedanken ein Zeichen der Wertschätzung und unterstreichen Ernsthaftigkeit und Glaubwürdigkeit des Absenders. Auch wer Zurückweisungen nur schwer aushalten kann, wird im Internet oft Grund zum Frieren bekommen. Gerade Frauen schildern immer wieder, dass sie sich sehr verletzt fühlen, wenn sie "verabschiedet" oder "weggeklickt" werden. Männer sind scheinbar dickfelliger. Ich habe dieses "ex und hopp" als emotionales Trainingscamp aufgefasst und empfehle jedem, virtuelle Zurückweisungen nicht persönlich zu nehmen.
Ihre ganz persönlichen Tipps für die Suche im Netz?
Vor allem Frauen sollten mit der Preisgabe von Name, Adresse und Telefonnummern vorsichtig sein. Treffen an neutralen Orten, weitab der sonst bevorzugten Partymeilen und eine Prepaid-Telefonkarte können viel Ärger ersparen. Entgehen Sie dem "Supermarkt-Phänomen": Das Angebot erscheint unübersichtlich, die Auswahl riesengroß? Sie haben einen wunderbaren Mann getroffen, aber vielleicht steckt hinter dem nächsten Profil ein noch größeres, perfektes Glück? Wenn Sie nach einer dauerhaften, langfristigen Partnerschaft suchen, folgen Sie Ihrer Intuition und vertiefen Sie immer nur einen Kontakt und lassen Sie sich Zeit. Sonst verkommt Online-Dating zum frustrierenden Selbstzweck. Weniger ist mehr. Führen Sie bei gegenseitigem Interesse keine ausufernd langen Mailwechsel und zögern Sie ein Kennenlernen nicht hinaus. Einen Partner finden Sie nur, wenn Sie ihm auch begegnen. Das geht nur in der Realität. Partnerportale sind ein Sprungbrett dorthin ? nicht mehr und nicht weniger.
Frau Bornschein, wir danken für das Gespräch!
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