Wie verhalten wir uns beim Kennenlernen, wenn wir unser Gegenüber nicht sehen können?
Tja, unser Hauptthema ist sehr facettenreich. Jetzt gibt es sogar ein TV-Format bei RTL, bei dem sich Singles im Dunkeln kennenlernen…
In der sogenannten Real Life-Doku geht es um drei weibliche und drei männliche Singles. Sie leben vier Tage lang gemeinsam in einer Villa. Doch die Geschlechter treffen datingtechnisch nur in der sogenannten stockfinsteren Black Box aufeinander. Nach und nach wechseln die Pärchen durch – und zwei Singles können sich bei beidseitigem Interesse für ein „reales Date“ entscheiden.
Letztens habe ich kurz mal reingezappt; ich erwischte eine Szene, in der ein Pärchen gerade in der Black Box ein Dinner zu sich nahm. Aus psychologischer Sicht war das (wenn es denn wirklich nicht gefaked war) einigermaßen interessant, schließlich konnte man als Zuschauer via Spezialkamera mehr sehen als die Betreffenden selbst: Mimik, Gestik, Körperhaltung usw. Obwohl die Singles nichts sehen konnten, spielte sich bei ihnen körpersprachlich genau das ab, was sich auch im Falle von „optischer“ Sympathie beziehungsweise Antipathie abspielt. Sie brauchten dazu also gar nichts zu sehen.
Sie kennen wahrscheinlich den Spruch: „Nachts sind alle Katzen grau“. Das trifft vielleicht auf Katzen, aber gewiss nicht auf Menschen zu. Denn: Wir konstruieren in alles, was wir wahrnehmen, einen Sinn. Unser Gehirn braucht Struktur, Ordnung. Stichwort: Erster Eindruck.
Dieses menschliche, allzu menschliche Streben konnte ich auch vor dem TV aus der Zuschauerposition heraus recht gut erkennen. Sämtliche Singles, die die Black Box hinter sich ließen, sprachen im Nachhinein vom Dating-Partner so, als würden sie ihn bestens kennen (inklusive Sympathie oder Antipathie) – und dass, ohne ihn gesehen zu haben. Es handelte sich dabei also lediglich um Interpretationen der Informationen, die ihnen ihre Sinne (mit Ausnahme des Sehsinns) lieferten. Interessanterweise war die jeweilige Interpretation die Grundlage für die spätere Entscheidung, ob näherer Kontakt erwünscht wurde oder nicht.
An diesem Beispiel sieht man mal wieder, wie konstruktivistisch unser Gehirn bei der Partnerwahl arbeitet, selbst dann, wenn ein wichtiger Orientierungssinn „ausfällt“. Und doch ergibt sich hierbei eine interessante Frage: Wie schwer wiegt das Erscheinungsbild beim Flirt?