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„Ich will meinem Partner vertrauen – aber wie?“
„Ich will meinem Partner vertrauen – aber wie?“ (Kategorie: Expertenboard)
Mein Problem ist, dass ich generell ein sehr nachdenklicher Mensch bin und viel hinterfrage, da ich schon sehr schlechte Erfahrungen gemacht habe. Dabei gibt es eigentlich keinen Grund an meinem Freund zu zweifeln..

Liebes Team,
ich bin jetzt seit knapp sechs Monaten mit meinem wirklich lieben, aber leider recht unzuverlässigen Freund zusammen. Von den Grundvoraussetzungen her könnte es nicht besser sein.
Jedoch habe ich, jetzt wo wir dabei sind in unsere erste gemeinsame Wohnung zusammenzuziehen,  die immer größer werdende Sorge, mit dieser Unzuverlässigkeit nicht umgehen zu können. Vor allem deswegen, weil ich Angst habe, dass dies einfach mangelndes Interesse bzw. mangelnde Wertschätzung meiner Person ist. Das führt dazu, dass ich immer mehr in eine Art "Verlassensangst" verfalle, die ich mit aller Kraft nicht zeigen will, damit ich nicht beginne zu klammern. Meine Gedanken kreisen aber natürlich trotzdem immer und immer wieder darum "was heisst es, wenn…" und es verletzt mich.
Mein Freund – Sternzeichen Wassermann, also freiheitsliebend – ist 32, selbstständig (also beruflich sehr gefragt) und hat vor mir noch nie den Schritt gewagt, mit einer Frau zusammenzuziehen. Bei mir hat er sich dann aber sogar recht schnell dazu entschieden, wie die sechs Monate beweisen. Für uns beide hat es sich einfach richtig angefühlt, diesen Schritt zu gehen.
Mein Problem jetzt ist aber, dass ich generell ein sehr nachdenklicher Mensch bin und viel hinterfrage, da ich beziehungstechnisch wirklich schon sehr schlechte Erfahrungen gemacht habe; was Untreue und Verlassenwerden betrifft. Mein Freund hatte im Gegenzug mit seinen beiden Ex-Freundinnen genau deshalb Streit, dass es für mich fast unmöglich ist, mein Problem zu thematisieren ohne einen verdammt wunden Punkt zu treffen…

Was kann ich tun, um den Spieß endlich wieder umzudrehen und mich selbst aus dieser Gedanken-Abwärts-Spirale herauszuholen. Denn: Offensichtlich gibt es keinen einzigen Grund für die Sorgen, aber ich denke mich in alle Szenarien hinein, so dass ich schon permanent Albträume habe. Zudem  möchte ich vor allem in ihm die Sehnsucht wecken, von sich aus früher nach Hause zu kommen?
Ich denke "diskutieren" würde genau das Gegenteil bewirken -  vor dem Hintergrund, dass es für ihn ein "rotes Tuch" ist. Deswegen die Frage: Was kann ich stattdessen tun?

Wäre schön, wenn Sie mir helfen könnten!

Lieben Gruß,
Natalie*
*Name von der Redaktion geändert

Antwort: Formulieren Sie Ihre Bedürfnisse nach Absprachen, Klarheit und Nähe!

Liebe Natalie,

die gute Botschaft: Es ist von Ihrem Freund ein eindeutiges Zeichen für Sie und Ihre Beziehung, nach so kurzer Zeit und zum ersten Mal mit einer Partnerin zusammen zu ziehen. Das drückt viel Verbindlichkeit und den Wunsch nach Nähe aus.
Auch wenn Sie schreiben, dass es von den Grundvoraussetzungen her nicht besser sein könnte, müssen Sie sich jedoch deutlich machen, dass Ihr Freund in seinen Bedürfnissen nach Unabhängigkeit und Freiraum anders ist als Sie. Was Sie aus Ihrer Haltung und Ihrem Bedürfnis nach Nähe und Gemeinsamkeit bei ihm als unzuverlässig empfinden, wird von Ihrem Freund anders bewertet. Unterschiede in den Grundbedürfnisse nach Nähe und Freiraum beinhalten häufig Konfliktpotential bei Paaren, weil es eben sehr emotionale Themen und für die meisten von starker Bedeutung sind.

Wie Sie schon schreiben, darüber zu diskutieren, bringt wenig Verständnis auf beiden Seiten. Sie sind hier unterschiedlich und werden das vermutlich auch in gewisser Weise bleiben. Das gilt es zu akzeptieren. Einen Partner nach den eigenen Wünschen zu verbiegen, funktioniert nicht, sondern provoziert meist gegenteiligen Verstärken. Wichtig ist, dass Sie beide einen Weg finden, damit umzugehen. Sie neigen durch Ihre negativen Erfahrungen dazu, sein gesamtes Verhalten auf sich zu beziehen. Also entweder für sich oder gegen sich zu interpretieren. Sie sehen in seinem Verhalten mangelnde Wertschätzung und fehlendes Interesse. Das ist aber nicht richtig. Sie legen Ihren Maßstab für die Beurteilung an. Aus der Sicht der Bedürfnisse Ihres Partners ist sein Verhalten ganz normal und seinen eigenen Wünschen entsprechend. Es ist nicht gegen Sie gerichtet.

Stellen Sie sich vor, er wäre mit einer Frau zusammen, die ebenfalls selbständig ist, beruflich sogar fünf von sechs Tagen in der Woche umher fliegen muss und dann auch noch abends gerne alleine ihre Freundinnen treffen möchte. In diesem Fall würde vielleicht ihr Freund Probleme mit dieser Unabhängigkeit bekommen und dem Bedürfnis nach Eigenständigkeit. Also alles eine Frage der Relation.
Was Sie jedoch tun können, ist Ihre Bedürfnisse nach zuverlässigen Absprachen, Klarheit und Nähe zu formulieren. Das können Sie selbstbewusst tun und müssen sich dafür nicht verstecken. Es ist besser, Ihre Gefühle deutlich anzusprechen, als zu versuchen, sie zu verstecken und dann latent über die Zeit in den Vorwurf zu geraten. Allein schon in der Körpersprache bringt man unbewusst Gefühle zum Ausdruck, die für ein Gegenüber spürbar sind. Das gemeinsame Wohnen wird Ihnen sicher eine gute Basis und mehr Vertrauen schenken.

Dennoch werden Sie öfters das Gefühl haben, auf Ihren Freund zu warten, weil er noch Termine hat und der Feierabend warten muss. Als Selbständiger wird er höchstwahrscheinlich immer mehr arbeiten müssen als Sie. Nutzen Sie daher die Zeit für sich und Ihr soziales Leben. Gestalten Sie Ihre Freizeit durch Hobbys und Sport, damit sie aus der subjektiven Schräglage des Wartens rauskommen.
Planen Sie mit Ihrem Freund die Wochenenden und verabreden Sie sich fest an bestimmten Abenden der Woche. Kommt es ständig zu Absagen oder Verspätungen, machen Sie ihm deutlich, dass es für Sie und Ihre Planung nicht ideal wäre und wie er sich das besser vorstellen könnte. Dann suchen Sie gemeinsam nach einer Lösung.

Durch Ihre Erfahrungen mit den Ex-Partnern ist Ihr Beziehungsvertrauen eingetrübt worden. Das Verhalten Ihres Freundes lässt das erneut aufflammen. Verständlich, weil es die gleichen wunden Punkte bedient. Auch wenn das Ihr eigenes Thema ist, erzählen Sie Ihrem Freund von Ihren wunden Punkten und Ängsten, ohne dabei in den Vorwurf zu gehen und von ihm eine Lösung zu fordern. Machen Sie ihm klar, dass er nur darum wissen soll, wo ihre sensiblen Themen sind. Die gemeinsame Zeit in den neuen vier Wänden wird viele Gelegenheiten dafür bieten.

Ich wünsche Ihnen aber erst einmal einen gelungen Start in der neuen gemeinsamen Bleibe!

Viele Grüße,
Lisa Fischbach


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