Herbert ist 39 Jahre alt und ganz das Gegenteil von dem, was man "flippig" nennen würde.
Seit zehn Jahren ist er mit Ulla, einer Sozialpädagogin zusammen, die 300 Kilometer weit von seinem eigenen Wohnort entfernt lebt. Bis vor kurzem hat er sie fast jedes Wochenende besucht, erzählt er. Auch die Urlaube haben sie regelmäßig gemeinsam verbracht.
Seit Neuestem verändert sich die Beziehung jedoch. Ulla hat immer weniger Zeit für Herbert und versteht sich plötzlich mit ihrem Nachbarn so gut, der ein paar Häuser weiter lebt. Eines Tages erfährt er dann, dass der Nachbar nun sogar bei ihr im Haus wohnt – und zwar auf derselben Etage wie sie und dass sie die Wohnungen miteinander getauscht haben.
Doch trotz des massiven Verdachts, dass zwischen Ulla und dem Nachbarn schon lange etwas läuft, macht die Freundin keine Anstalten, sich offiziell von Herbert zu trennen. Ich rate Herbert, dass er darauf bestehen sollte, wenigstens noch einmal zu Ulla zu fahren, um sich von meiner Theorie zu überzeugen, dass sie und ihr neuer Lover bereits gemeinsam in einer Wohnung leben. Herbert kann sich das zwar nicht vorstellen, folgt aber meinem Rat und kommt um eine Erkenntnis reicher zurück: Tatsächlich weist bei Ulla und ihrem Nachbarn alles auf einen gemeinsamen Hausstand hin.
Nun gilt es, Herbert in unseren Sitzungen aufzubauen und ihm zu helfen, sich von der Beziehung mit Ulla zu lösen. Dazu gehört auch, Möglichkeiten zu finden, die einen klaren Abschluss dieses Lebensabschnitts markieren. Außerdem rate ich Herbert auch, etwas an seinem äußeren Erscheinungsbild zu verändern: "Ein neues Outfit und eine neue Brille müssen her!"
Nach einiger Zeit ist Herbert tatsächlich so weit, dass er sich vorstellen kann, sich auf jemand Neues einzulassen. Bloß: Wo sollte er schon eine Frau kennenlernen? Er versucht es zunächst mit einem Single-Kochkurs, aber zwischen all den anderen Leuten fühlt er sich erst recht unsicher und gehemmt.
So kommen wir schließlich auf die Idee, eine Kontaktanzeige für ihn aufzugeben. Ich hatte vor längerer Zeit einmal eine Anzeige aufbewahrt, die sehr ausführlich und sympathisch formuliert war. Dieses Beispiel lege ich Herbert vor und gemeinsam entwickeln wir daraus eine Variante, die zu ihm passt: "Lediger Mann (39), 1,84 m, schlank, Nichtraucher, freundlich, kunst- und sportinteressiert, ruhiger Zeitgenosse mit Familiensinn sucht dich. Alter? Hmm, 30-40 +/-, zum gemeinsamen Lachen & Leben. Ich bin es leid, allein durchs Leben zu wandern und möchte die Dinge des Lebens mit dir genießen. Zuschrift bitte nur mit Bild."
Auf diese Anzeige bekommt Herbert acht Zuschriften, die er zur nächsten Sitzung mitbringt. Auf meinen eindringlichen Rat hin antwortet er dann einer Frau, obwohl sie ihn auf den ersten Blick überhaupt nicht anspricht. Ines ist Lehrerin, hat zwei Kinder und lebt in derselben Stadt wie er. – Und was soll ich Ihnen sagen? Genau die ist es am Ende, mit der er sich auf Anhieb gut versteht und bis heute zusammen ist!
Ein letztes Mal höre ich von Herbert, als bei ihm eine Urlaubsreise nach Nepal ansteht, die er bereits gebucht hatte, bevor er Ines kennenlernte. Ganz aufgeregt ruft er mich an und sagt: "In fünf Stunden muss ich auf dem Flughafen sein, und ich weiß einfach nicht, ob ich fahren soll oder hierbleiben. Ines kann ja nicht mit, weil sie keine Ferien hat, aber ich habe solche Angst, dass womöglich alles vorbei ist zwischen uns, wenn ich in drei Wochen wiederkomme."
In unserem Gespräch kommt dann heraus, dass Ines ihn durchaus ermuntert hat, die Reise anzutreten – mit dem Versprechen, ganz brav auf ihn zu warten.
Nun gibt es mehrere Optionen, die ich ihm aufzähle: Entweder Sie bleiben zu Hause, weil Sie jetzt einfach so verliebt sind und es Ihnen egal ist, das Geld für die Reise in den Wind zu schießen. Oder Sie treten die Reise an, so wie Sie es geplant haben. Denn schließlich werden im Laufe der Beziehung immer wieder solche Situationen auf Sie zukommen, dass Sie und Ines mal für ein paar Tage oder Wochen eigene Wege gehen. Und dann gibt es noch den dritten Weg: Sie können erst einmal losfahren – und sollte sich nach einer Woche herausstellen, dass Sie es in Nepal ohne Ines einfach nicht aushalten, dann pfeifen Sie einfach auf das rausgeworfene Geld und nehmen das nächstbeste Flugzeug nach Hause.
An diese dritte Möglichkeit hatte Herbert noch gar nicht gedacht. Das scheint ihm die beste Lösung zu sein, und so legt er schließlich beruhigt und erleichtert auf. Am Ende, so erfahre ich später von ihm, verläuft alles wunderbar. Er macht die Reise von Anfang bis Ende mit, und als er nach Hause kommt, steht Ines freudestrahlend am Flughafen, um ihn abzuholen. Inzwischen haben beide eine gemeinsame Wohnung bezogen.
Meine Einschätzung zu dieser Geschichte:
- Resignation ist kein Weg. Stattdessen gibt es tausend Schritte, die man gehen kann und sollte, um wieder Freude im Leben zu finden.
- In Bezug auf seine "alte" Beziehung hat Herbert genau das Richtige getan, was ich auch jedem anderen raten würde: Wenn Ihre Partnerin sich nicht ganz eindeutig für Sie entscheidet, dann ziehen Sie selbst konsequent den Schlussstrich. Ulla konnte die Beziehung zu Herbert offenbar nicht loslassen, deshalb hat sie ihn so lange noch regelmäßig angerufen. Sie sollten sich in so einem Fall aber nicht zum Spielball der Unentschiedenheit Ihres Gegenübers machen lassen.
- Ich bin eine überzeugte Anhängerin der norddeutschen Redensart "Op jeden Pott passt een Deckel". Auch wenn Sie als schüchterner Mensch den Frauen gegenüber noch so unsicher und gehemmt sind: Nehmen Sie Kontakt auf. Auch an Ihnen gibt es liebenswerte Seiten, die ein anderer Mensch erkennen und wertschätzen wird. Versuchen Sie, mehr Selbstvertrauen zu gewinnen, dann werden andere auch Vertrauen in Sie haben. Möglichkeiten, eine neue Partnerin kennenzulernen, sind beispielsweise ein ungezwungener Club-Urlaub, eine Kochgruppe oder ein Kurs an der Volkshochschule. Wenn Sie keine bestehende Gruppe für Ihre Interessen finden, ergreifen Sie selbst die Initiative und suchen Sie per Annonce nach Gleichgesinnten.
Fragen an die Autorin:
Du hast geschrieben:
Hallo aus Berlin,
das lag klar auf der Hand: Die Damen, die sich der klient per Foto ausgesucht hatte, waren schon am Telefon zu schwierig und zickig oder unpassend.
So war mein Rat nicht weithergeholt die Dame, die ich sowieso schon für passender hielt, doch anzurufen,
Mein Klient wollte die Dame nicht in betracht ziehen, da sie zwei Kinder hat. Nun versteht er sich super mit den Kindern (übrigens von anfang an)!!!
Mehr lag dem ganzen nicht zu Grunde.
Es war eine wunderbare Arbeit mit dem Klienten, da er wirklich für Veränderungen offen war.
Herzliche Grüße
Silvia Fauck