Jeder muss für sich selber entscheiden, ob er sich zeigen möchte oder nicht. Auch wenn die Antwort nicht schmecken sollte, sie hilft meist.
„Das geht nun schon ein knappes Jahr so. Ich weiß einfach nicht mehr weiter!“ So die Worte meiner Klientin, einer 31 jährigen dunkelhaarigen Frau. Sie hat sich in einen Arbeitskollegen aus einer anderen Abteilung verliebt. Sie geht davon aus, dass er nichts ahnt, weil er sich immer so souverän verhält. Sie sehen sich ein paar Mal die Woche im Job und verstehen sich inzwischen richtig gut. Seit ein paar Monaten hat sie sogar immer ein leichtes Kribbeln im Bauch, wenn sie zusammen in der Kantine Mittag essen oder sich nur zufällig im Flur über den Weg laufen. Als er im Herbst zwei Wochen auf Geschäftsreise war und sie anschießend Urlaub hatte, vergingen vier Wochen ohne Kontakt. Da hat sich richtig gemerkt, was er ihr bedeutet und dass sie verliebt ist.
Einige Probleme machen es ihr sehr schwer, den nächsten Schritt zu wagen. Sie beschreibt sich als unglaublich schüchtern, wenn Gefühle ins Spiel kommen. Außerdem traut sie sich nicht, den ersten Schritt zu machen. Der solle ihrer Meinung nach vom Mann ausgehen. Sie ist sehr unsicher, ob der Kollege gleiches empfindet und sich lediglich wie sie nicht traut. Was aber, wenn auf der anderen Seite nicht mehr als Sympathie vorhanden ist?
Alles Bedenken, die ich nachvollziehen kann. Was kann sie ändern? Wenn sie nichts tut, bleibt alles wie es ist. Dann leidet sie still und heimlich weiter. Abwarten birgt zwar das kleinste Risiko, nicht sein Gesicht zu verlieren, wenn man beispielsweise Gefühle offen legt, die nicht erwidert werden. Doch in dieser Konstellation verschafft es kaum eine Lösung, eher Leid in kleinen Raten und das auf Dauer. Unbefriedigend!
Wir analysieren ihre Art und ihre Verhaltensweisen im Umgang mit dem Kollegen. Deutlich wird: Sie verpasst zahlreiche Chancen, weil sie sich unbewusst betont kumpelhaft zeigt und wenig eindeutige Signale oder nonverbalen Einladungen sendet. Aus Angst, aufdringlich zu wirken, zu viel von sich zu verraten, anbiedernd und billig zu sein, unterdrückt sie alle Flirtsignale. Das ist eine typische Überreaktion, wenn man sich „unauffällig“ und „nicht lesbar“ geben will. Dann springt man in die negative Übertreibung. Anstatt lebendig im Kontakt zu bleiben, rutscht man in die körperlich distanzierte Kumpelschublade. Im Kontakt in der Coachingsitzung erlebe ich meine Klientin ganz anders: Feminin, verspielt, lustig und charmant. Wäre sie so im Kontakt zu ihrem Kollegen, wäre viel mehr Flirt in der Luft. Wir arbeiten am Einsatz von Körpersignalen, ihren Wirkungen und wie man diese benutzen kann. Ein Blick etwas länger in die Augen als „erlaubt“, kann so viel aussagen und eine verblüffende Wirkung haben. Charmantes Flirten wirkt nicht billig. Viele haben jedoch Angst, leicht und spielerisch im Kontakt zu sein. Aber warum? Es bereichert doch nur eine Begegnung. Aus Sorge, einen Mann nicht wieder loszuwerden, vermeiden viele Frauen einen kleinen Flirt im zwischenmenschlichen Umgang und zeigen sich lieber cool und souverän. Das macht den Kontakt jedoch sachlich. Im Büro sicher angemessen.
Wir sprechen über die Chancen, sich mehr zu zeigen und den Kontakt privater werden zu lassen. Mit einer im entspannten Moment in den Raum gesprochenen Frage wie: „Wir können doch mal abends zusammen essen gehen.“, macht man geschickt ein Angebot, ohne ein Entscheidung zu erzwingen. Darauf gibt es nicht wirklich einen Korb. Wer nicht bereit ist, etwas von seinem Interesse durchschimmern zu lassen, der erntet auch wenig. Jeder muss für sich selber entscheiden, ob er sich zeigen möchte oder nicht. Auch wenn die Antwort nicht schmecken sollte, sie hilft meist. Denn Klarheit macht es möglich, seine Gefühle neu zu sortieren oder loszulassen.