Silvestervormittag. Ich blätterte mich beim Friseur so durch meine Fönfrisur. "Ewige Liebe" titelte eine Zeitschrift. "Was Paare unzertrennlich macht". Sollte ich jetzt und hier eine Antwort auf die älteste Frage der Welt erhalten?
Es gibt wohl kaum einen schöneren Beginn des Jahresausklangs, als sich den heilenden Händen seines Friseurs anzuvertrauen. Vergessen die Bad Hair-Days der vergangenen Monate – und egal, welche Stürme des Lebens mich in der Zukunft heimsuchen sollten: Das Haar sitzt, wenn ich das neue Jahr begrüße.
Als ich Silvester so dasaß und mir die Haare hochstecken ließ, dachte ich mir, ich könne ja in zweifacher Hinsicht was für den Kopf tun. Und schaute in zweifacher Hinsicht in den „Spiegel“. In dem Exemplar, das vor mir hing, prüfte ich ab und zu den Status meiner Metamorphose. Während in der gedruckten Variante auf meinem Schoß die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen über die ewige Liebe, zusammengedampft auf fünf Zeitschriften-Doppelseiten, den Weg in mein Bewusstsein fanden. Sollte sie tatsächlich so einfach sein, die Formel für eine lange, glückliche Beziehung oder im Umkehrschluss für wiederkehrendes Liebesleid?
„Lebe lieber unvollkommen.“, heißt der Aufmacherratschlag. Jaja. Wir dürfen keine Erwartungen haben. Ansprüche sind offenbar der Spliss der Liebe. Wenn man den kappt, wird dann die Beziehung wirklich voller, erfüllter, gesünder? Ich meine, das Verhältnis zu meinen Haaren ist doch ähnlich. Ich habe meinem Friseur heute als Vorlage ein Foto von einer Hollywooddiva auf dem roten Teppich gezeigt. Dennoch sehe ich ihm Spiegel ganz deutlich, dass ich auch kurz vor dem Finale meiner Verwandlung immer noch wie Fräulein Wunder aussehe und nicht wie Keira Knightley. Während, ja, ich muss es zugeben, mir in Sachen Beziehungen immer noch die Hollywood-90-Minüter als Idealvorstellung im Kopf herumspuken. Nach dem Happy End wird abgeblendet, während da der ganze Beziehungsstress für Realliebende ja erst anfängt.
Im Prinzip ist „Amefi“ Schuld, erfahre ich in dem Artikel. Die Formel „Alles mit einem für immer“ funktioniert wohl nur in Hochglanz-Schmachtfetzen und Margarine-Werbung, nicht aber zwischen Termindruck, Bad Hair-Days, Schlechtelaunemomenten und offenen Zahnpastatuben, die das wahre Leben über unserer rosaroten Vorstellung ausquetscht. Das eigentliche Rezept für Liebesglück passt nun laut der Spiegel-Kollegen, der interviewten Paartherapeuten und vom Leben therapierten Paare sogar in fünf Stichworte.
Freundschaft statt Leidenschaft, Gleich und Gleich gesellt sich gern, auch mal die Klappe halten können – damit überlebt man dann auch die schlechte Nachricht, dass Kinder Beziehungskiller seien und Sex als überwertet betrachtet werden müsse. Das alles sagt die Wissenschaft. Mein Verstand wusste das im Prinzip schon vorher. Mein Herz jedoch spricht eine andere Sprache. Es findet Freundschaft langweilig und Leidenschaft toll. Es will Romantik an 360 von 365 Tagen und am liebsten rund um die Uhr wild vor Liebe hüpfen und klopfen. Mindestens aber wünscht es sich Seelenverwandtschaft und auf Händen getragen zu werden. Ich habe zum wiederholten Male festgestellt, dass diese Idee von Liebe nur eine süße Illusion sein kann. Und ich nehme die wissenschaftlichen Erkenntnisse gerne mit ins neue Jahr. Ich ahne, dass ich sie noch brauchen könnte.
Meine Hochsteckkreation jedenfalls hatte Star-Appeal, als ich mich majestätisch von meinem Hollywood-Frisierthron erhob. Doch was soll ich sagen? Die feuchte Hamburger Luft kroch in meine Keira-Knightley-Gedächtnisfrisur. Und als ich im Kreise meiner Freunde das neue Jahr willkommen hieß, hatte das wahre Leben auch von meinen Haaren wieder vollständig Besitz ergriffen. Sie waren alles andere als perfekt. Und das war okay. Mein Vorsatz für 2012 ist es, nicht nur an meine Haare, sondern auch an die Liebe realistische Erwartungen zu stellen. Und es okay zu finden.
Ihr Fräulein Wunder