Ich frage mich nur, wie lange das noch gut geht? Irgendwann ist jede Grenze überschritten. Auf keinen Fall möchte ich irgendwann in der Psychiatrie landen. Brauche ich professionelle Hilfe?
Liebe Redaktion!
Ich fühle mich jeden Tag ein bisschen schlechter. Keine Freunde, keine Freundin, was hilft einem ein toller Job, wenn es niemanden gibt, mit dem ich meine Freude teilen kann. Ja, ich bin verzweifelt, unzufrieden, einsam und fühle mich ungeliebt!
Das schlimmste ist, dass niemand weiß, was in mir vorgeht. Ich bin wohl viel zu stolz, um meine wahren Gefühle preis zu geben. Jeder glaubt ich bin glücklich und zufrieden und meint, dass ich daher auch belastbar bin, aber das bin ich in Wirklichkeit nicht bzw. nicht mehr. (…)
Ich sehne mich so sehr nach einer Beziehung mit einer netten Partnerin, aber zuerst muss ich mal mit mir selbst zufrieden sein. Ich sage jetzt nicht, wenn ich eine Freundin hätte, dann wäre alles gut. Aber ich hätte zumindest wieder mal das Gefühl, Teil dieser Welt zu sein. Typisch für mich ist auch noch, dass ich nur schwer nein sagen kann, wenn mich jemand um etwas bittet. Der typische Ja-Sager eben. Vermutlich um Freunde zu finden, die dann auch mal was für mich tun, aber in unserer Welt kommt eben nur selten etwas zurück. Es ist schon Ewigkeiten her, dass mich jemand an die Hand genommen hat und sagt: So, heute möcht ich mal, dass es dir gut geht! Ich bitte halt auch selten jemanden um etwas und mache es lieber selber. Naja, ein Vertrauensproblem.
Ich weiß sehr gut warum ich einsam und unglücklich bin, aber das, was mir einfällt dagegen tun zu können (fortgehen zum Beispiel) möchte ich nicht, weil ich mich unwohl dabei fühle. Hatte aber versucht einen alten Schulfreund zu kontaktieren, der allerdings nie geantwortet hatte. Ich bin im Moment ziemlich deprimiert, meistens am Wochenende, wenn ich viel Zeit zum Nachdenken habe. Ich bin eben ein sehr nachdenklicher Mensch. Dennoch ist meine psychische Verfassung viel zu stark, um verrückt zu werden. Ich frage mich nur, wie lange das noch gut geht? Irgendwann ist jede Grenze überschritten. Auf keinen Fall möchte ich irgendwann in der Psychiatrie landen. Brauche ich professionelle Hilfe? Aber für jemanden wie mich, der kaum Hilfe annimmt, ist es ja schon schwierig überhaupt Hilfe aufzusuchen.
Vielleicht habt ihr ein paar Ratschläge für mich.
Würde mich sehr darüber freuen!
LG, Karsten*
*Name von der Redaktion geändert
"Versuchen Sie, aus dem Teufelskreis auszubrechen!"
Lieber Karsten,
vielen Dank für die Schilderung Ihrer inneren Situation. Aus Ihren Zeilen wird deutlich, wie viel Kraft Sie täglich aufbringen, um Ihre Fassade nach außen aufrecht zu halten und Ihren psychischen Zustand in Schach zu halten. Dies erzeugt einen erheblichen Stress und Druck in Ihnen. Sie nehmen vermehrt Ihre innere Zerrissenheit wahr. Nun gibt es einen Teil in Ihnen, der mehr und mehr ein Problem damit hat, so weiter zu machen wie bisher. Mit "Teil" meine ich einen Persönlichkeitsanteil, einen Ich-Zustand von vielen möglichen. Wenn ich diesem einen Namen geben würde, dann hieße er "der sich befreien Wollende" oder "der sich zeigen Wollende". Ihm gegenüber steht der Angepasste, derjenige, den Sie im Außen zeigen. Diese beiden "Gefühlsanteile" in Ihnen sind im Konflikt und das spüren Sie aktuell.
Sie haben schon einen entscheidenden Schritt unternommen: Sich an das Expertenboard gewandt und sich mit Ihren Gefühlen gezeigt. Auch wenn Ihnen das bei unbekannten Personen leicht fällt, wie Sie schreiben, ist das eine Leistung. Dadurch, dass Sie sich aus Angst vor Ablehnung nicht Ihren vertrauten Bekannten und Freunden mit Ihren wahren Gefühlen zeigen, schützen Sie sich zwar, aber Sie nehmen sich ebenfalls die Chance, positive Erfahrungen zu machen, Verständnis und Zuwendung zu erfahren. Sie legen hingegen Ihre Energie in die Aufrechterhaltung Ihrer Fassade. Das machen Sie seit Jahren perfekt und wasserdicht. Wie Sie richtig wahrnehmen, haben Sie sich einen Teufelskreis konstruiert. Sie geben kaum einem die Möglichkeit, zu Ihrem wahren Kern durch zu dringen. Würde man Sie ansprechen, wie es Ihnen denn wirklich so geht, würden Sie vermutlich sagen: Prima!
Der richtige Weg ist, den Anteil genauer zu befragen, der in Ihnen ausbrechen und sich zeigen will. Was braucht der, um endlich noch aktiver zu werden? Was könnten Sie diesem an die Hand geben, damit er stärker ist als der "Angepasste", die Zweifel und Ängste? Wenn Sie diesen Teil konkret danach fragen würden, was würde er Ihnen antworten?
Ich denke auch, dass Sie die ganze Konstruktion noch lange auf diese Weise weiter machen können. Aber möchten Sie das? Es wird nicht anders gehen, als wirklich etwas zu ändern, so wie Sie angefangen haben, "nein" zu sagen. Sie sollten versuchen, sich Freunden anzuvertrauen. Lassen Sie dort die Fassade mal vorsichtig fallen. Wenn Sie merken, dass Ihnen das nicht gelingt, sollten Sie sich psychologische Beratung suchen. Sie haben den Vorteil, dass Sie sich fremden Menschen eher anvertrauen können, weil es nichts zu verlieren gibt. Das ist eine gute Vorraussetzung.
Ich wünsche Ihnen Mut und noch mehr Entschlossenheit,
Lisa Fischbach