Endlich ist es soweit! Seit ein paar Tagen scheint die Sonne in Hamburg mehr als fünf Stunden am Stück und heute vermeldet auch der Kalender schwarz auf weiß "Frühlingsanfang". Es ist also amtlich: Der blaue Himmel, das wunderbare Licht und die längeren Tage erhöhen das Aktivitätsniveau und heben unsere Stimmung.
Das Straßenbild ändert sich schlagartig. Die Straßencafés sind gefüllt und bei einem köstlichen Latte Macchiato wird lebendig geplaudert. Ein Blick umher und schnell ist klar, die Sonne und die mildere Luft bedingt viele fröhliche und aufgeschlossene Gesichter und eine gewisse Leichtigkeit. Das Herz wird beschwingter, die Sinne offener für die aufblühende Natur, unser Gegenüber und den Wunsch nach Schmetterlingen im Bauch. Frühlingsgefühle kurbeln die Flirtlaune an.
Alles nur eine Frage der Sonnestrahlen? Manche Experten machen biochemische Vorgänge im Körper für solche positiven Gefühlsveränderungen verantwortlich. Wissenschaftler der amerikanischen Yale University haben herausgefunden, dass das Hormon Melatonin, ein Hormon der Zirbeldrüse, unsere sexuelle Lust entscheidend beeinflusst.
Und wie funktioniert das genau? Der Körper produziert das Hormon Melatonin ausschließlich bei Dunkelheit. Sobald sich die Sonne zeigt, geht die Melatoninproduktion zurück. Neben einer wichtigen Rolle für unseren Schlaf-Wach-Rhythmus, greift Melatonin zudem in geschlechtliche Prozesse ein. Mit zunehmender Dunkelheit wie im Winter steigt die Hormonproduktion von Melatonin, was unsere Libido hemmt. Umgekehrt bedeutet dies: Zunehmendes Licht, also abnehmendes Melatonin, regt die Lust an der Lust an. Nun sind die Nächte im Winterhalbjahr länger als im Sommer. Damit ist im Winter der nachweisbare Melatoninspiegel höher als im Sommer. Im Frühling, wenn die Tage wieder länger und die Nächte kürzer werden, steigt deshalb unsere Lustempfinden an: Wir bekommen Frühlingsgefühle.
Evolutionsbiologen vermuten in diesem Phänomen ein Überbleibsel unserer Vorfahren. "Natürlich gibt es Frühlingsgefühle beim Menschen, wie es auch Frühlingsgefühle bei den Tieren gibt. Der biologische Hintergrund ist letztendlich die saisonale Veränderung verschiedener Hormone, der Sexualhormone, Schilddrüsenhormone und anderer", so Professor Günter Stalla vom Münchner Max-Planck-Institut.
Der Auffassung von Frühlingsgefühlen widerspricht der Freiburger Professor Martin Reincke, Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie: "Rein hormonell betrachtet gibt es die viel zitierten Frühlingsgefühle gar nicht. Echte Frühlingsgefühle kann man höchstens noch bei Eskimos ausmachen." In der zivilisierten Welt mache sich der Wechsel vom Winter zum Frühling bei den menschlichen Hormonen nicht mehr bemerkbar. "Richtige Dunkelheit und Kälte gibt es heute gar nicht mehr. Deshalb stellen sich die Hormone auch nicht mehr um", sagte Reincke. Einen Einfluss auf das Sexualverhalten des Menschen habe der Frühling daher nicht mehr: Reincke zufolge genießt der moderne Mensch aus diesem Grund zumindest hormonell einen zwölfmonatigen Frühling. Dies mache dann auch den großen Unterschied zur Tierwelt aus.
Auch wenn für die zivilisierte Menschen die Frühlingsgefühle nicht mehr durch unsere Hormonveränderungen zu erklären sind, so einfach weg zu diskutieren sind sie nicht. Bedenkt man, dass das größte menschliche Sexualorgan immer noch der Kopf ist, dem der Frühling in sinnlicher Hinsicht täglich neue "Offenbarungen" präsentiert, lässt sich das Rätsel vielleicht auch ohne Hormonanalyse lösen. Und eines ist auf jeden Fall klar: Sonne macht gute Laune und das sind die besten Vorraussetzungen für einen Frühlingsflirt.