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Kategorie | Fräulein Wunder wundert sich über die Liebe


Frau Dr. Wunder und die Liebeshypochonder
Frau Dr. Wunder und die Liebeshypochonder (Kategorie: Fräulein Wunder wundert sich über die Liebe)
Eingebildete Liebeskranke sind beratungsresistent. Warum sie trotzdem bei ihren Freunden in Therapie gehen? Ganz einfach: Sie wollen sich selbst nicht bei peinlichen Selbstgesprächen erwischen.

Liebe und ihre Symptome. Während wir uns im glücklichen Umstand des Verliebsteins befinden, sind wir offenbar zum Leiden verdammt. Die Krankheitsbilder sind vielfältig. Ich meine nicht die Schmetterlinge im Bauch, die sind ja noch vergleichsweise harmlos. Ich spreche von dem körpereigenen Drogencocktail, der Liebeskranken eine Reihe handfester Symptome einimpft – organische Ursache Fehlanzeige. Und so hypochondrieren die Liebeskranken vor sich hin, am liebsten in aller Öffentlichkeit, mindestens aber in Gegenwart von guten Freunden.
Hat sich der Liebeserreger erst ausgebreitet, ist die Inkubationszeit bis zum Auftreten erster Symptome meist kurz. Vor dem Wiedersehen des Objekts der Begierde verstärken sich die Beschwerden zumeist. Schwindel. Ohrenrauschen. Herzrasen. Übelkeit. Hilfe, Notarzt! Doch die Schulmedizin ist auf diesem Ohr taub. Zum Glück gilt das nicht für die besten Freunde, denkt sich der Liebeshypochonder und wählt die Nummern seines Vertrauens. Vielleicht kommt Ihnen das alles sehr bekannt vor, weil Sie entweder selbst betroffen sind oder aber weil Ihre Freunde Ihnen die Approbation zum Dr. Love verliehen haben.

Das Telefon. Es klingelt. Mir schwant Böses. Ich weiß, dass Tiffy gestern ein Date hatte und der Besuch von Lenas Beihnahefreund geschätzte zwei Stunden her ist. Außerdem hat Kalle Hase morgen das zweite Treffen mit einer süßen Schnecke.
Schon der Klingelton kommt mir leicht hysterisch vor. Insgeheim hoffe ich, dass es meine Mutter ist, die gerade anruft. Denn eigentlich kommt gleich meine Lieblingsserie im Fernsehen, die guckt meine Mutter auch und würde daher freiwillig nach wenigen Minuten auflegen.
Jeder andere mögliche und mit großer Wahrscheinlichkeit hypochondrische Anrufer würde mich von der Anamnese bis zur Ferndiagnose zwischen ein und drei Stunden kosten. Denn ich bin Dr. Wunder, eine Mischung aus Liebesheiler, Seelentröster und Bewährungshelfer, wenn der Infektionsherd doch eigentlich schon ausgemacht wurde und der Liebeskranke dennoch nicht widerstandsfähig genug ist, um das körpereigene Abwehrsystem einzuschalten.
Tiffy ist dran. Offenbar sind bei ihrem neuen Date alte Narben wieder aufgebrochen. Ich weiß: Sie möchte in einem zweistündigen Telefongespräch die jahrelang verheilt geglaubten Wunden wieder zusammenflicken. Dabei ist meine Diagnose schon nach ein paar Minuten klar: „Tiffy, es ist nur ein Phantomschmerz.“ Denn die Seele spielt den Liebeshypochondern gemeine Streiche; gehört das ursprüngliche Problem doch längst der Vergangenheit an und ist zu den Akten gelegt. Erfolgreich kann ich die Behandlung auf eine halbe Stunde reduzieren. Dr. Wunder macht Feierabend. Ich atme auf.
Doch dann. Das Telefon klingelt wieder. Lena. Ihr Freund ist nicht gekommen. Wie, nicht gekommen? Die Situationsbeschreibung ist zweideutig. Jetzt hat Lena Bauchweh und ihr ist übel und sie möchte gerne Schluss machen. Ich gehe davon aus, dass er sie versetzt hat. Ich rate ihr, zur Beruhigung einen Schnaps zu trinken und dann erstmal eine Runde spazieren zu gehen. Doch ich kenne sie ja und weiß: Danach wird sie wieder anrufen, nur dass sie betrunken sein und alles als noch viel dramatischer empfinden wird.
Ich entschließe mich, die Behandlung ambulant fortzusetzen. „Lena, komm doch einfach her, auf meine Couch“, schlage ich ihr vor, „wir reden und schauen gemütlich fernsehen.“ Die TV-Therapie wird Wunder wirken, denke ich mir so, zumindest bei mir selbst. Ich freue mich auf die Entspannung, auch, wenn ein Liebeskranker neben mir ins Taschentuch schnäuzt. Ich weiß, morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Denn zur typischen Symptomatik der Liebeshypochonder gesellt sich doch immer noch das „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern“-Syndrom, das bisher noch bei all meinen Patienten zu beobachten war. Lena ist zwei Tage später von ihrer Trennungsidee geheilt, als hätte sie aus dem Fluss des Vergessens getrunken. Sie schwebt auf Wolke Sieben und macht sich auch keine Sorgen mehr über seine wirklich fadenscheinige Ausrede. Als ich Tiffy zwei Wochen später nach ihrem narbensprengenden Typen frage, weiß sie zunächst gar nicht, wen ich eigentlich meine. Das ist wieder einmal typisch für die Liebeshypochonder! Dank magischer Selbstheilungskräfte verschwinden die aus dem Nichts geborenen Symptome wieder ins Nirvana der eingebildeten Krankheiten. Dabei ist egal, wie sehr sich ein Dr. Wunder bemüht, ob er seine Lieblingssendungen ausfallen lässt oder sich einen Fusselberg an die Lippen quatscht: Liebeshypochonder sind resistent gegen jegliche therapeutische Bemühungen. Sie wollen einfach ihren eigenen, meist leidgeschwängerten Worten lauschen und dabei nicht in die peinliche Situation geraten, sich beim Selbstgespräch zu erwischen. Und ich hab wieder nur die Hälfte meiner Lieblingsserie mitbekommen. Sprechzeiten wären die Lösung! Ich will ja nicht so sein, sagen wir nach Vereinbarung, außer mittwochs von 20.15 bis 22 Uhr.

Ihr Fräulein Wunder


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