Wie kommt es, dass viele Menschen das intuitive Flirtverhalten (Mimik und Gestik) anscheinend verlernen?
Die Evolution hat uns mit einer breiten Emotions-Palette ausgestattet, die uns zu "ganzen" Menschen macht. Auch die Flirtkompetenz hat sie uns mitgegeben. Doch wieso versiegt das Potenzial manchmal?
Immens viele Impulse, Leidenschaften und Verhaltensweisen, die jeder nur allzu gut kennt, sind angeboren. Auch die Potenziale Angst, Eifersucht, Scham, Freude und Wut. Wir müssen uns ein Leben lang mit diesen Menschlichkeiten bewusst und vor allem alltäglich auseinandersetzen. Denn Sie wissen ja, liebe Leserin, lieber Leser: Zu wenig Eifersucht und Co. ist in Bezug auf die Lebensführung genauso kontraproduktiv wie das Zuviel davon.
Die Bedeutung der angeborenen Strukturen des Homo sapiens wird mir in der letzten Zeit immer wieder vor Augen geführt. Denn ich sehe meine mittlerweile zehn Wochen alte Tochter jeden Tag heranwachsen und gedeihen. Hochinteressant (und emotional bewegend). Aus väterlicher und auch aus wissenschaftlicher Perspektive ist vor allem die Baby-Kommunikation interessant.
Sehr positiv finde ich, dass die Kleine viel lächelt, sich häufig ihres Daseins freut (und ein eher ruhiges Temperament hat, was sich besonders in Sachen Schlafgewohnheiten positiv auswirkt). Ihr spielerisches Lächeln ist natürlich angeboren und soll dazu dienen, das soziale Umfeld positiv zu stimmen; auch soll dadurch die Mutter-Kind-Verständigung auf ein stabiles Fundament gestellt werden. Ich lächele natürlich oft zurück. Zum einen intuitiv, zum anderen auch mal bewusst, um das Wachstum der Spiegelneurone (Grundlage des Mitfühlens) anzuregen.
Nun, gerade die ersten beiden Lebensjahre sind immens wichtig für das spätere Leben, insbesondere in Bezug auf die Fähigkeit, mit den Mitmenschen positiv in Kontakt zu treten. Es entwickeln sich in dieser Phase bereits auf der affektiven Ebene neuronale Muster, auch Schemata genannt, die bis zum Tod des Betreffenden bestehen bleiben. "Das emotionale Gehirn vergisst nie" – so lautet die neurowissenschaftliche Erkenntnis schlechthin.
Im Jugend- und Erwachsenenalter – und das ist eine bedeutende Sache – färbt das emotionale Gehirn, das weitgehend unbewusst waltet und schaltet, die Selbst- und Fremdwahrnehmung im zwischenmenschlichen Alltag ein – und zwar sekündlich; auch das Flirtverhalten ist davon betroffen. Sympathie und Antipathie spielen daher immer eine große Rolle, auch wenn sich etwa zwei Menschen am Arbeitsplatz "nur" über ein Sachproblem unterhalten.
Wie kommt es, dass viele Menschen das intuitive Flirtverhalten (Mimik und Gestik) anscheinend verlernen? Klar, das angeborene Temperament darf nicht vernachlässigt werden. Die "Anlage" kann der Entwicklung eine völlig individuelle Note verleihen. Ein sehr introvertiertes Baby etwa provoziert ein anderes Elternverhalten als ein extrovertiertes. Manche haben da einfach Glück beziehungsweise sind etwas benachteiligt.
Doch wie dem auch sei: Wenn in den ersten Lebensjahren viele negative (oder "unspektakuläre") Beziehungserfahrungen im emotionalen Gehirn abgespeichert werden, führt dies häufig dazu, dass die Flirtbereitschaft, die eigentlich naturgegeben ist, versiegt.
Hieraus folgt, dass man sich selbst eventuell ein bisschen auf die Sprünge helfen muss, gerade wenn man meint, man könne nicht gut flirten. Diese "logische Erkenntnis" ist ja lediglich nur eine völlig persönliche(!) Interpretation der ersten Lebensjahre im Nachhinein. Zudem wird so eine Meinung vor allem durch unbewusst wirkende emotionale Hirnareale herbeigeführt.
Fazit: Jeder kann flirten, nur nutzen manche ihr Potenzial nicht mehr. Entweder weil es nicht gefördert wurde, oder aber weil Betreffende durch negative soziale Erfahrungen die Lust am zwischenmenschlichen Kontakt verloren haben.
Selbst wenn jemand viele nachteilige Konditionierungen erfahren hat, heißt das nicht, dass er auf Gedeih und Verderb seinem Schicksal als Flirtmuffel ausgeliefert ist. Das emotionale Gehirn "vergisst zwar nie", kann aber durch zahlreiche positive Flirts erfolgversprechend geprägt werden. Hierfür müssten Flirtmuffel aber erst mal zugeben: Es sind nicht (nur) "die Anderen", die für den Misserfolg verantwortlich sind, sondern auch meine früh ausgeprägte negative Erwartungshaltung; sie wirkt als sich selbst erfüllende Prophezeiung im Alltag. Wenn ich sie (= mich selbst) nicht ändere, bleibt alles beim Alten und ich bin in meiner Anti-Flirt-Lebensfalle gefangen.