Liebe auf Distanz ist heute keine Seltenheit mehr. So gehen Sie damit um.
"Seit 8 Monaten habe ich das, was ich nie wollte, eine Fernbeziehung. Angefangen hat es, nachdem ich meinen heutigen Freund bereits zwei Jahre flüchtig kannte. Er war in meiner Stadt anlässlich einer Party und hatte mich gefragt, ob ich ihn begleiten möchte.
Aus einem Mittagessen am See wurde ein Nachmittag auf meinem Balkon und ein sehr alkoholischer Abend auf der besagten Party. Jeder hielt uns für ein Paar und nach dem zehnten Glas Wein habe ich ihn einfach geküsst oder er mich, wir sind uns nicht mehr sicher wer anfing. Daraufhin haben wir uns die restliche Zeit ununterbrochen geküsst und hatten einen herrlichen Abend.
Am nächsten Tag trafen wir uns noch zu einem Abschiedskaffee, weil er mittags abreisen wollte. Aus dem Abschiedkaffee wurde ein ganzer Tag, der um 22 Uhr in meiner Wohnung endete. Zum Abschied meinte er: "Wir können so ein Wochenende ja mal wiederholen". Ich war sprachlos, denn ich war mir bis zu dem Zeitpunkt sicher: Das war eine einmalige Sache, schließlich kannten wir uns ja irgendwie seit 2 Jahren, wenn auch nicht richtig. Wahrscheinlich bin ich genau deshalb total unverkrampft an die ganze Sache rangegangen und habe es einfach geschehen lassen, ohne Nachzudenken. Das ist normaler Weise ganz und gar keine Stärke von mir und hätte ich nachgedacht, hätte ich mich mit keinem Mann eingelassen, der 4 Stunden Zugfahrt von mir entfernt wohnt.
Nach ein paar E-Mails und Sms kam es am nächsten Wochenende zum erneuten Treffen in meiner Stadt, nach 3-4 Wochen war ich bei ihm und auf der Rückfahrt hatte ich einen schweren Autounfall. Mein Handyakku war gleichzeitig leer, als ich mein Handy wieder einschaltete, hatte ich zig Anrufe von ihm in Abwesenheit. Das hat mich beeindruckt. Ich hingegen hatte mich vor meiner Rückfahrt getraut, ein Herz an seinen Spiegel zu malen. Das hat er dann erst Stunden später bemerkt, nach 2-3 Tagen kam er mich besuchen. Nach diesem Besuch waren wir dann ohne drüber zu sprechen "offiziell" zusammen.
Von dort an haben wir uns über 8 Monate eigentlich jedes Wochenende getroffen, meist in meiner Stadt, weil es die Hauptstadt ist und er in der Kleinstadt wohnt. Hin und wieder auch in anderen Städten anlässlich Messen, die wir verbunden haben: Köln, München, Düsseldorf, Barcelona, Kopenhagen, Bologna. Das waren immer spannende Wochenenden in Hotels, tolle Partys oder schöne Restaurants. Allerdings war die Koordination all der Reisen nicht immer einfach und kostete neben viel Nerven und Zeit auch Geld.
Am schwierigsten empfinde ich allerdings die Gefühlsschwankungen: Freitags sind wir immer wie neu verliebt, samstags wieder vertraut wie ein "normales" Paar, aber sonntags wache ich regelmäßig mit gemischten Gefühlen auf, denn es ist meistens der Tag des Abschieds. Manchmal habe ich Glück und wir trennen uns erst am Montagmorgen, dann ist es nicht ganz so schlimm. Zumindest ist man dann innerhalb weniger Stunden durch die eigene Arbeit abgelenkt. Ein Sonntagabend allein vorm Fernseher, wo eben noch der Liebste neben einem saß, ist mehr als deprimierend. Montags folgt der "Single auf Zeit" – Wochenanfang, das bedeutet Gefühle umschalten auf Knopfdruck. Von "ein Herz und eine Seele" plötzlich auf "Herz ohne Seele" – dafür gefüllt mit Sehnsüchten und Zweifeln.
Bis Mittwoch früh habe ich mich meist erholt. Erstens fällt allen Bekannten ohne Partner ab mittwochs ebenfalls die Decke auf den Kopf und man geht wenigstens gemeinsam Essen oder zum Sport und zweitens kann man sich mittwochs bereits wieder auf Freitag freuen!
Manchmal gehe ich auch nach einem nervenden Arbeitstag nach Hause und rede mir ein, Gott sei Dank bin ich heute allein. Aber wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, würde ich auch an so einem Tagen lieber nach Hause kommen und meinem Liebsten mein Leid klagen oder wenigstens das Bett mit ihm teilen. Ich bin der Meinung, niemand ist zum Allein sein geboren. Auch nach 6 Jahren Single-Dasein vor meiner Beziehung, bin ich dieser Meinung und vielleicht verstärkt sich mein Wunsch nach mehr Nähe gerade deswegen von Monat zu Monat.
Weihnachten kam dann der Umbruch, wir sind vorm Weihnachtsstress in den Süden geflüchtet: Unser erster gemeinsamer Urlaub. Dort trafen allerdings zwei Menschen aufeinander, die Ihren Alltag seit Monaten allein meistern und gar nicht so schnell abschalten oder auf Beziehung umschalten konnten. Meine Erwartungen an diese Reise waren hoch. Mein Freund war im Geiste noch gar nicht im Urlaub angekommen, da krachte es schon am ersten Abend. Das passierte noch zwei weitere Male und dann stand für mich fest, Fernbeziehungen sind nicht nur eine Beweisprobe für die gemeinsame Liebe, sondern auch für die eigene Toleranz!
Ich bin in diesem Urlaub an meine Grenzen gestoßen. War plötzlich damit konfrontiert, wie es sein könnte mehr als 48 Stunden voneinander zu haben. Auf der einen Seite war es schön, denn ganz neue Seiten lernte man an einander kennen. Auf der anderen Seite war es auch schwierig, weil wir beide irgendwie mit unserer plötzlichen Nähe überfordert waren.
Ich denke, es ist sehr schwer, aus einer Fernbeziehung in eine richtige Partnerschaft zu finden. Ich hoffe, mein Freund und ich finden früh genug in eine Stadt und verpassen nicht den "richtigen Augenblick"!?