Immer mehr Paare lieben auf Distanz. Rund ein Drittel von ihnen hat sich im Urlaub kennen gelernt.
Wieder zu Hause muss zunächst die Alltagstauglichkeit dieser frischen Liebe getestet werden. Und dazu verlassen die wenigsten sofort bereitwillig ihre Heimatstadt. Aber auch die Karriere zwingt dazu, in der gewohnten Umgebung zu bleiben und sich mit einer Liebe aus dem Koffer zu begnügen.
Auch das Online-Dating begünstigt das Entstehen von Fernbeziehungen. Durchschnittlich vergehen zwei Jahre, bis sich das Paar zu einer Veränderung entschließt. Entweder ziehen die Liebenden in die gleiche Stadt, oder die Partnerschaft wird beendet.
Eine Liebe auf Distanz bedeutet: zwei Haushalte, vier Zahnbürsten, hohe Benzin- oder Bahnkosten, ständige Sehnsucht, ewige Telefonate und das energische Bündeln von Lust, Liebe, Leidenschaft an den Wochenenden. Sie bedeutet aber auch für mindestens einen Partner den schlimmsten, vorstellbaren Liebeskummer, wenn sie zerbricht.
Warum?
Hier der Klassiker: Einer der beiden hält an der Verbindung fest und lebt von Begegnung zu Begegnung, während sich der andere in aller Ruhe ein zweites Leben aufbaut und nur noch auf den richtigen Moment wartet, das Wochenendverhältnis zu beenden.
Von meinen Klienten weiß ich, dass dieser Abschied heute in den meisten Fällen per SMS, per E-Mail und gelegentlich per Telefon vollzogen wird. Das ist bequem, erspart die direkte Konfrontation und macht das Lügen leichter. Und gelogen wird in dieser Situation praktisch immer. Das hört sich dann so an: "Ruf mich bitte nicht mehr an. Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist. Ich brauch' einfach ein bisschen Zeit für mich." Fast nie wird die Wahrheit gesagt: "Du, tut mir Leid, aber ich habe mich in eine andere / einen anderen verliebt." Den Mut bringen die Wenigsten auf.
Für den Verlassenen ist dieses Ende furchtbar. Er sitzt in der Warteschleife, weiß nicht, ob dieses "Ich brauche Zeit für mich" das endgültige Aus oder nur eine ungünstige Phase ist. Er ist völlig abgeschnitten, allein gelassen. Kann nicht um ein letztes Treffen und eine persönliche Aussprache bitten. Hat keinen gemeinsamen und leider meistens auch keinen eigenen Bekanntenkreis mehr, der trösten kann.
Was ist jetzt zu tun bzw. zu unterlassen?
- Ersparen Sie sich verzweifelte Anrufe. Der Ex wird nur abblocken. Oder den Hörer gar nicht erst aufnehmen. Sie laufen ins Leere, sinken nur tiefer. Vor allem, wenn Sie in Ihrem Schmerz auf sein Band gesprochen, entweder gefleht oder massiv gedroht haben. Erreichen können Sie damit außer dem Verlust von Würde nichts.
- Fahren Sie nicht hin! Notfalls lassen Sie sich Ihre Sachen, die sich noch in seiner Wohnung befinden, per Post schicken. Holen Sie sie nicht selbst ab. Jedenfalls nicht alleine. Das kostet nur Kraft. Und die Rückfahrt wird fürchterlich. Dann kann allerdings passieren, dass Sie das erleben, was Silvia widerfahren ist: Nach dem Ende ihrer großen Liebe erhielt sie per Post drei Paar Schuhe und ihren Haustürschlüssel zugeschickt. Dem Paket lag ein Zettel bei. "Anbei der Schlüssel für deine Welt. Ich bin jetzt zurück in meine eigene Welt gegangen." Befolgen Sie bloß nicht jenen verrückten Rat, der Silvia von einem (Fach-)Mann gegeben wurde, als ihre Fernbeziehung gerade zerbrochen war. "Ziehen Sie sich Strapse an", wurde ihr vorgeschlagen. "Fahren Sie zu Ihrem Ex, setzen Sie sich auf seinen Schreibtisch, und holen Sie sich Ihren Mann zurück!" Dazu Silvia: "Hierbei muss es sich um eine typisch männliche Fantasie gehandelt haben. Offenbar wünscht sich das starke Geschlecht insgeheim, so zurückerobert zu werden."
- Heilsamer für Ihre Seele ist es, wenn Sie sich in Ihrer Stadt einen neuen Freundeskreis aufbauen oder den alten, den Sie wegen der Fernbeziehung lange vernachlässigt haben, wieder aktivieren. Laden Sie Ihre Freunde ein und sagen Sie die Wahrheit. Sie vergeben sich nichts, wenn Sie um sofortige Nothilfe, aber auch um Verzeihung bitten, weil Sie so wenig Zeit gehabt haben.
- Verbannen Sie alles, was Sie noch an den Ex-Partner erinnert, aus Ihrer Wohnung. Werfen Sie vielleicht sogar das einst gemeinsame Bett aus dem Schlafzimmer, und ersetzen Sie es durch ein neues. Hängen Sie neue Gardinen auf, oder legen Sie andere Teppiche hin. Verändern Sie, wo immer Sie können.
- Nutzen Sie die Bahncard, die bestimmt noch ein paar Monate gültig ist, für Fahrten in die andere Richtung. Besuchen Sie damit Freunde und Verwandte, die Sie lange nicht gesehen haben. Oder holen Sie Ihr Auto auch weiterhin am Wochenende aus der Garage. Um irgendwohin zu fahren. Nur nicht zum Ex.
- Auf jeden Fall – werden Sie aktiv. Bleiben Sie nicht zu Hause neben dem Telefon sitzen! Es wird bestimmt nicht klingeln. Dazu Silvia: "Fernbeziehungen, so hat meine Praxiserfahrung gezeigt, funktionieren nur, wenn das Zusammenziehen das gemeinsame Ziel ist und die räumliche Trennung als vorübergehend angesehen wird. Ist das nicht der Fall, wächst die Gefahr, dass sich einer der beiden Partner in alle Ruhe ein zweites Leben aufbaut, während der andere ausschließlich für die Begegnungen und die gemeinsamen Urlaube lebt."