Von allem zuviel. Das Rezept einer amerikanischen Eissorte lässt sich 1:1 auf die Zutaten für das Fest der Liebe anwenden. Doch zuviel Plus ergab bei uns ein unerwartetes Minus.
Es ist ein ungeschriebenes Gesetz und gleichzeitig das Geheimrezept. Weihnachten gibt es von allem zu viel. Irgendwie soll das auch so sein. Man möchte seine Lieben reich beschenken, besonders aufmerksam sein, die Familie mit Gaumenfreuden verwöhnen, alle Freunde aus der Heimat wiedersehen – und das alles gekrönt von einer Riesenportion Friedefreudeeierkuchen.
So ganz geht die Rechnung jedoch meist nicht auf. Und so gab es bei Familie Wunder dieses Jahr wieder einmal zu viele Diskussionen (um wie viel Uhr die Bescherung sein soll, ob die Torte ein Guss schmücken soll oder lieber Schokoflocken und in welchem Winkel die Schokoladenseite des Weihnachtsbaumes am ehesten zutage tritt), zu viele Verabredungen. Obligatorisch: Greta in der Stammkneipe unserer Jugend treffen und uns uralt fühlen – macht von Jahr zu Jahr etwas weniger Spaß, die Großtante nicht vergrätzen und einen Kaffeeplausch auf dem muffigen Sofa einplanen und zwischen all die Termine noch die alten Freunde dazwischenschieben, denen man auf der Straße in die Arme läuft.
Nun kündigte auch noch mein Schöngeist einen Tag vor Heilig Abend an, einen Tag früher bei meinen Eltern anzureisen als geplant – also eben am Heiligen Abend. Er hatte sich wohl daran erinnert, dass ich mir genau das mal gewünscht habe, als wir vor gefühlten zwei Monaten über unsere Festtagspläne sprachen. An Heilig Abend zusammen zu sein, ist ja meines Erachtens ein Ritterschlag für jedes Paar. Meist wird der höchste Feiertag erst dann gemeinsam begangen, wenn der Heiratsantrag unter Dach und Fach oder der Braten bereits in der Röhre ist. Zumindest das mit dem Braten in der Röhre traf auch auf mich zu. 3.600 Gramm. Gans, allerdings. Die garte schon mal im Ofen vor und wollte stündlich mit ihrem eigenen Saft begossen werden. Mir fiel fast die Kelle aus der Hand, als ich die kühne Planänderung am Telefon vernahm. Denn, falls Sie es nicht wussten, die kleine Gans reicht nicht für 5 Personen. Und damit brachte mich die lieb gemeinte Überraschung meines Schöngeistes in eine echte Bredouille. Dabei dachte ich, dass sich die Überraschungen darauf beschränkten, dass meine Mutter meinem Schöngeist die rosafarbene Gästebettwäsche reserviert hatte. Ob die jetzt eine Nacht früher oder später in Gebrauch genommen wurde, sollte nun aber auch keine Rolle mehr spielen. Wir würden einfach mehr Beilagen kochen. Wer braucht schon mehr als 200 Gramm Fleisch zum Sattwerden. Vor lauter Liebe sagte ich zu. Und hoffte auf die Liebe meiner Mutter, die diese Nachricht hoffentlich milde auffassen würde. Wäre Weihnachten das Fest der Flexibilität, hätte ich darauf hoffen können. So weit reichte jedoch die Liebe meiner Mutter nicht, vor allem nicht, wenn die Gans nicht reicht. Dabei geht es natürlich gar nicht um das liebe Federvieh. Vielmehr ist die auf lauter Überfluss angehäufte Festtagsstimmung ein allzu fragiles Gebilde, vom Zusammenstoß bedroht, wenn plötzlich ein Mangel droht. Während die Temperatur in der Küche stieg, sank die Stimmung. Doch da ja von allem anderen zuviel da war, nur nicht von der Gans, konnten wir uns die kleine Überraschung wieder schönrechnen.
So kam es, dass wir dank Weihnachtszauber und Adam Riese am Ende von Weihnachten unterm Strich wieder ein dickes Plus verzeichnen konnten. Kein Wunder, bei so vielen Geschenken, so viel Torte und so viel Liebe! Summa summarum: Ein wunderschönes Fest.
So kam es, dass es auch dieses Weihnachten wieder von allem zu viel gab – nur eben zu wenig Gänsebraten.
Ihr Fräulein Wunder