Eine Frau sitzt weinend in der Paarberatung, weil sie ihrem Mann untreu war, nun aber ihre Ehe retten will.
Neulich fiel mir das Buch: "Kinder fragen, Nobelpreisträger antworten", in die Hände und mein Blick wenig später auf das Kapitel: "Was ist Liebe?". Es antwortete kein Geringerer als der Dalai Lama.
Auf fünf überschaubaren Seiten geht es zunächst um sehr weltliche Formen der Liebe, also die Liebe zu Sachen oder ein Verknallt-Sein unter Teenies. Das Resümee dazu besagt, dass in diesen Fällen Liebe mit Vergnügen verwechselt würde. Dann kommt er zur romantischen Liebe – neben Action und Gewalt ein weiterer Exportschlager aus Hollywoods Traumfabriken. Da diese so wandelbar und unbeständig sei, könne auch dies nicht die wahre Liebe sein. Dann wird eine Form der Liebe erläutert, die man mit "Mitgefühl" umschreiben könnte – im Fachjargon "Agape" genannt. Es geht weiter darum, wie man sie entwickeln kann und dass es wichtig sei, auch seine Feinde zu lieben. Da ich dem Gedankengut des Buddhismus sehr zugetan bin, müsste ich diese Definition eigentlich unterzeichnen – immerhin schreibt da der Chef etlicher Buddhisten!
Tu ich aber nicht! Warum? Der Buddha soll im Unterschied zu vielen anderen weisen Menschen auch den Rat gegeben haben, seine Worte sorgfältig zu prüfen, anstatt sie schlicht zu glauben. Außerdem riet er wohl auch dazu, "sich selbst ein Licht zu sein". Und das zwielichtige Funzeln meiner kleinen Wahrheit lässt diese Sache in etwas anderem Licht erscheinen. Nach dem Glauben der Tibeter ist der Dalai Lama die 14. Wiedergeburt seiner selbst. Und nach meinem begrenzten Wissen wurde lediglich der sechsten Inkarnation (gestorben 1706) ein freizügiger Lebenswandel nachgesagt. Ich glaube (leider!) nicht beurteilen zu können, was der Dalai Lama in der Morgenmeditation so erlebt, aber wer seinen letzten Sex vor etwa 300 Jahren hatte, wird nur schwer nachvollziehen können, was sich emotional zwischen Mann und Frau ereignet.
Viele Sozialarbeiter und Therapeuten sagen, man solle den Klienten abholen, wo er steht. In diesem Sinne ist es vielleicht kein Zufall, dass gerade der sechste Dalai Lama bei seinem Volk überaus beliebt war. Wenn also der Dalai Lama in besagtem Artikel fragt: "Gibt es einen Unterschied zwischen der Liebe zu einer Mutter und einer Ameise?" Und seine Antwort darauf ein klares "Nein!" ist, dann kommen mir Bedenken. Ein kleiner Junge wütet wie ein Marsianer im "Kampf der Welten", mit dem Brennglas im Ameisenhaufen, will aber später mal seine Mami heiraten. Eine Frau sitzt weinend in der Paarberatung, weil sie ihrem Mann untreu war, nun aber ihre Ehe retten will. Ist das gar keine Liebe? Ist der erste Schritt für eine Frau, die als Kind jahrelang sexuell missbraucht wurde wirklich die gütige Liebe zu den Männern dieser Welt? Und ist der alles verändernde Hormonrausch einer ersten Liebe wirklich eine minderwertige Ausgabe dessen, wovon das Oberhaupt der Tibeter da spricht? Ich habe meine Zweifel – wie immer, wenn jemand sagt, er rede von der "wahren Liebe". Denn was machen wir dann mit all den falschen Varianten?