„Ich heirate eine Familie“ – wer kennt sie nicht, die unterhaltsame Familienserie der 1980er Jahre. Dass die Wirklichkeit meistens komplizierter und gar nicht spaßig aussieht, ist kein Geheimnis.
Vor allem kinderlose Frauen müssen sich immer häufiger der Situation als "Neue" in einer Familie stellen.
Die Neue als Störfaktor
Tanja (42) war überglücklich mit Axel (44) einen neuen Mann gefunden zu haben. Dass er zwei Kinder hatte, fand sie besonders attraktiv an ihm. "Für mich war das ein Zeichen dafür, dass er fähig war, Verantwortung zu übernehmen und sich einzulassen", sagt sie. Doch ihre anfängliche Freude verflog schnell. Bereits das erste Zusammentreffen mit seinen beiden Teenie-Töchtern war ernüchternd: "Die beiden starrten mich feindselig an und ließen mich voll auflaufen." Alles, was Tanja versuchte, endete im Fiasko.
"Für die neue Frau an der Seite eines Vaters ist es enorm schwer, die richtige Position zu finden", weiß Diplom-Psychologin Lisa Fischbach. "Sie möchte ihm eine gute Partnerin und natürlich auch eine Art Bezugsperson für die Kinder sein." Eine große Herausforderung. Schließlich ist sie hin und her gerissen zwischen den eigenen Ansprüchen: Einerseits ihrer Rolle als neue Partnerin eines Mannes, andererseits ihrer Funktion als "Ersatzmama" gerecht zu werden. Als kinderlose Frau ohne großen Erfahrungsschatz ein schwieriges Unterfangen.
Kinderlosigkeit als Manko
"Das verstehst du nicht, weil du keine Kinder hast" – Ein Satz, den Tanja häufig von Axel hörte. Und der sie sehr schmerzte. Die ständige Rücksichtnahme, die von ihr gefordert wurde, nagte an ihr: "Dauernd funkten die Mädels dazwischen, wenn wir Pläne zu zweit gemacht hatten. Immer war ich diejenige, die Verständnis haben musste." Da sprengte die Große den romantischen Abend, weil sie betrunken aus der Disko abgeholt werden musste. Oder die Kleine erschien unangekündigt fürs Wochenende, das eigentlich für einen Kurztrip zu zweit geplant war.
Lisa Fischbach: "Die Bedürfnisse der Kinder sind wichtig und ernst zu nehmen. Gesunde Grenzen sind aber auch für Kinder wichtig. Nur so können sie lernen, dass Eltern auch Bedürfnisse haben, die respektiert werden müssen."
Für Katharina (36), die keine eigenen Kinder bekommen kann, war es ein Glücksfall, Frank (36), Vater des kleinen Ben (2), zu treffen. "Ich dachte, bei so einem kleinen Kind habe ich eine reelle Chance, ein gutes Verhältnis zu ihm aufzubauen." Doch Katharina hatte die Rechnung ohne Franks Ex, Bens Mutter gemacht. Die war nämlich zeitweilig mit ihrer Rolle als Alleinerziehende überfordert und nahm Frank sehr in Anspruch. Auch in der Erziehung machte sie laut Frank alles falsch. Dabei gab sie sich große Mühe. Sie war hin und her gerissen zwischen Bewunderung und Abscheu. Toll, dass er sich so für seine Familie einsetzte, aber muss er sich wirklich dabei so aufreiben? Katharina war oft frustriert, weil wenig Zeit für Zweisamkeit blieb. Auch für den Mann ist der Spagat zwischen Familie und neuer Liebe ist oft schwer.
Tipps fürs Gelingen
Klären Sie, welche Rolle die Neue in der Erziehung spielen soll. Lisa Fischbach: "Die eigenen Erwartungen und die des Partners müssen geregelt und aufeinander abgestimmt sein. Das vermittelt Handlungssicherheit hinsichtlich ihrer Aufgaben in Erziehungsfragen und beugt Konflikten vor."
Außerdem sollte die Perspektive geklärt werden. Wie sieht die gemeinsame Zukunft aus? Vor allem hinsichtlich eventueller gemeinsamer Kinder. Ein Mann, der bereits drei Kinder aus einer früheren Beziehung hat, wird womöglich dem Kinderwunsch einer neuen Partnerin gegenüber weniger aufgeschlossen sein.
Schrauben Sie Ihre Erwartungen herunter. "Man kann es nicht jedem Recht machen, Kompromisse sind unabdingbar", sagt Lisa Fischbach. "Akzeptieren Sie, dass es ein langwieriger und komplexer Prozess ist, bis eine Patchworkfamilie zusammenwächst und jeder seinen Beitrag zum Gelingen beitragen muss." Erzwingen Sie also nichts. Im Gegenteil, gönnen Sie sich lieber ab und zu etwas Gutes, um auf andere Gedanken zu kommen. Ohne Toleranz geht es nicht. Und leider ist es nun einmal Sache der Erwachsenen, sich erwachsen, geduldig und tolerant zu verhalten. Das ist zwar nicht einfach, aber unerlässlich.
Den Dialog suchen
Für Tanja war die Anfangszeit die Hölle. Dann sprach sie die Mädchen offen an und fragte, welche Erwartungen sie an sie hätten und wie sie sich verhalten sollte. "Da brach das Eis", erzählt Tanja – noch immer überrascht. "Aber ab da funktionierte es." Eine Ebene mit den Kindern zu finden, ist in so einer Konstellation wichtig, denn nur so kann auch die Beziehung letztlich gelingen. "Sich in ein bestehendes Familiensystem zu integrieren verlangt Fingerspitzengefühl", sagt Single-Coach Lisa Fischbach. "Anfängliche Irritation und Widerstand gehören meist dazu, denn Veränderung wirkt zunächst verunsichernd. Doch mit der Zeit entsteht Vertrauen und am Ende wartet im besten Fall ein glückliches Zusammenleben."
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